Konzepte in Ost und West Psyche & Körper

© Lao Du

Im Mai 2011 trafen sich Psychologen und Psychotherapeuten aus China und Deutschland in Heidelberg, um die Übertragbarkeit therapeutischer Konzepte zwischen Ost und West zu diskutieren. Ein Austausch mit Geschichte.

Seit wann ist China an psychotherapeutischen Konzepten aus dem Westen interessiert? Wie gelingt ihre Umsetzung in China in Anbetracht einer kollektivistisch orientierten Gesellschaft mit ganz anderen Wertvorstelllungen? Und wie kann wiederum der Westen buddhistisch orientierte Achtsamkeitsmodelle aus Asien in die therapeutische Praxis einbeziehen? Diese und weitere Themen und Fragestellungen wurden vom 27.-29. Mai 2011 von deutschen und chinesischen Experten beim Heidelberger Kongress Psyche & Körper – Konzepte in Ost und West untersucht und diskutiert.

Der von der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie (DCAP) veranstaltete, mit über 200 Teilnehmern gut besuchte Kongress erörterte in Vorträgen und Workshops erstmalig auf deutschem Boden Fragen der Transkulturalität therapeutischer Konzepte. Vorangegangene Kongresse hatten 2001 in Kunming und 2007 in Shanghai stattgefunden.

Hilfebedarf nach der Kulturrevolution

Mit dem Interesse an psychotherapeutischen Konzepten sah man sich von deutscher Seite nach einem 10-jährigen Psychotherapie-Verbot während der chinesischen Kulturrevolution bereits kurz nach ihrem Ende 1976 konfrontiert, wie die Diplom-Psychologin und DCAP-Ehrenpräsidentin Margarete Haaß-Wiesegart deutlich machte. Der Bedarf an Hilfestellung zeigte sich nach den Gräueln der Kulturrevolution in China in höchstem Ausmaß. Die erste Zusammenarbeit mit chinesischen Medizinern erfolgte hierbei zunächst über Einzelpersonen und ab 1988 verstärkt über die DCAP.

Soziokulturelle Aspekte des Transfers

Wie einfach lässt sich jedoch die Psychoanalyse aus dem Westen nach China übertragen? Wie lässt sich der Anspruch an Individuation als Therapieziel mit in China vorhandenen Wertesystemen, mit hoher Relevanz von Familie und allen Gegebenheiten einer „high-context-culture“ in Einklang bringen? Wie können die unterschiedlichen Auffassungen des „Selbst“ in Ost und West einen einheitlichen Therapieansatz überhaupt ermöglichen? Und wie können unterschiedliche Ansprüche an das „Selbst“ in einer westlichen „Schuld-“ und einer östlichen „Schamkultur“ in Einklang gebracht werden?

Bei der Beurteilung dieser Fragen zeigte sich in Heidelberg eine breite Meinungsvielfalt, je nach therapeutischer Ausrichtung: Während die Psychoanalytikerin Dr. med. Antje Haag eher auf die Problematik der Übertragbarkeit westlicher Begrifflichkeiten und Konzepte auf die chinesische Gesellschaft hinwies – im Grunde handele es sich für China nahezu um einen Rückschritt in den leib-seelischen Dualismus – , zeigten sich eher positive Stimmen bei den systemischen Familientherapeuten aus Deutschland, die seit Jahren an Weiterbildungsprogrammen in China beteiligt sind und in Workshops aus der Praxis vor Ort mit Patienten berichteten。

Die konkrete praktische Umsetzung ist in China allerdings doch manchmal schwierig: Professor Dr. Zhao Xudong (赵旭东) von der Tongji-Universität und Präsident der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie von chinesischer Seite, berichtete – trotz aller durch Studien belegten Erfolge beispielsweise der systemischen Familientherapie in China – wie er in manchen Therapiesitzungen nicht wie vereinbart mit dem Patienten alleine sprechen könne, sondern unerwartet einen Großteil der Verwandtschaft vor sich habe, die ihre Erwartungen an ihn als Therapeuten formulierten. Auch das Zurückweisen von Dankbarkeitsgesten wie Geldgeschenken stoße an die Grenzen des Verständnisses in China: „Dies lässt sich jedoch nicht mit der Auffassung eines neutralen, autonomen Psychotherapeuten vereinbaren“, so Professor Zhao.

Die „psychische Infrastruktur“ Chinas

Leiden Chinesen ähnlich wie Deutsche oder gibt es spezifische Krankheitsbilder im jeweiligen Land? Auch in China, so das Ergebnis des Kongresses, ähneln die Symptome nahezu identisch denen in modernen westlichen Gesellschaften: „Identitätsparameter wie Familie, Rituale, Arbeitsbedingungen, Religion und Heimatbezug haben sich in China in den letzten 30 Jahren in einer Geschwindigkeit verschoben, für die Europa 350 Jahre Zeit gehabt hat“, so der Psychoanalytiker und systemische Familientherapeut Professor Dr. Fritz Simon. Feststellbar sei so eine regelrechte „Verwestlichung der Ängste“: Man müsse gegenwärtig von etwa 22 Millionen depressiven Patienten in China ausgehen, denen 20.000 Psychiater gegenüberstünden. Essstörungen, Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Spiel- und Internetsucht, Suizide, Scheidungen und Gewalt in Familien seien häufig. Die Dysmorphophobie, auch Körperbildstörung genannt, und andere Zwangssymptomatiken seien hingegen wohl etwas häufiger als in Deutschland feststellbar. Es gebe einen gewaltigen Bedarf, die gestörte Persönlichkeitsstruktur durch westliche Psychotherapieansätze wieder ins Lot zu bringen.

Allerdings, auch dies war Konsens chinesischer und deutscher Experten, gibt es in China besondere Phänomene in der therapeutischen Praxis, nämlich jene Fälle „kleiner Prinzen“, also verhätschelter Einzelkinder aus der Generation der Ein-Kind-Politik, die sich beispielsweise mittels dissoziativer Konversionsstörungen oder Hysterie die Aufmerksamkeit innerhalb der Familie sicherten. Dies werde, so Professor Dr. Zhao, als „4-2-1-Syndrom“ bezeichnet – entsprechend der vier Großeltern-Anteile und zweier Eltern-Anteile, die ihren ganzen Fokus nur auf das eine Kind legten. Ein anderes Problemfeld eröffne sich bei den derzeit 58 Millionen Kindern, die in China nahezu ausschließlich bei den Großeltern oder anderen Verwandten aufwüchsen, da die Eltern in entfernten Städten arbeiteten. Die therapeutische Praxis in China zeige, so Psychoanalytikerin Antje Haag, dass solche Jugendlichen, die selten Kontakt zu ihren Eltern haben und teils bis zur Adoleszenz mit im Bett oder Zimmer der Großeltern schlafen, schwerwiegende Probleme hinsichtlich Individuation und eigenständiger Beziehungsfähigkeit aufwiesen.

Chinas Umgang mit Traumata

China trägt schwer an seinen Traumata: Ging es in Vorträgen von Professor Dr. med. Shi Qijia (施琪嘉) vom Wuhan Hospital for Psychotherapy und der außerordentlichen Professorin für Psychiatrie und Psychotherapie der Sichuan Universität, Zhang Lan (张岚), um den Einsatz sogenannter „Barfußtherapeuten“ im Erdbebengebiet von Sichuan, so erläuterte ein Workshop die generationenübergreifenden Folgen der Kulturrevolution: Der Psychoanalytiker Tomas Plänkers sowie der Psychiater Dr. med. Friedrich Markert stellten anhand einer mit fünf Professoren verschiedener Pekinger Hochschulen durchgeführten Studie die Probleme der heutigen Generation dar, die unverarbeitete Anteile der in der Kulturrevolution traumatisierten Eltern für sich übernommen habe und schwer an ihnen trage. Ein Aspekt, dem auch Professor Dr. med. Shi Qijia zustimmte: War doch die Kulturrevolution eine Zeit, in der „Themen wie Liebe, Romantik und Selbstbefreiung als geistiger Dreck und Abweichlertum galten“, so Professor Shi.

Das chinesische Paradoxon

Der Osten zeigt sich auch an anderen westlichen Konzepten interessiert: Fast paradox mutete manchen Experten aus dem Westen – wie dem Vize-Präsidenten der DCAP Dr. Askan Hendrischke – hierbei die Erfahrung an, in China immer einmal wieder nach körperbezogenen Therapieformen gefragt zu werden, was doch in Anbetracht der Fülle an körperbezogenen traditionellen Möglichkeiten in China eigentlich verwunderlich sei. Dieses Wissen bliebe jedoch, wie Professor Zhao anmerkte, oft eher in Alltagsrituale integriert – dem täglichen Taiji und Qi Gong in den Parks, den abendlichen Tanzstunden oder gemeinsamem Laienmusizieren in der Öffentlichkeit. Vielleicht gebe es deshalb bislang wenig Ansätze für körperbezogene Therapieformen wie Tanz- oder Musiktherapie in China: Liege in den skizzierten Ansätzen doch gleichsam eine "natürliche", bereits konkret in den Alltag integrierte „Therapievariante“.


Umgekehrt: Was kann der Westen von China lernen?

Auf dem Kongress wurden eine Reihe aus Asien inspirierter, therapeutischer Ansätze des Westens vorgestellt – angefangen mit in den Alltag integrierbaren Qi Gong-Übungen, meditativer Praxis, Konzepten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) bis hin zu aktuellen achtsamkeitszentrierten Therapiemodellen, die vor allem bei Depressionen, Borderline-Störungen oder bei Schmerzpatienten Erfolge zeigten. Im Vortrag Neurose und Erleuchtung. Die meditative Dimension in der Psychoanalyse des Psychoanalytikers Professor Dr. med. Ralf Zwiebel wiederum wurde der für ihn persönlich relevante Punkt herausgearbeitet, der Psychoanalytiker müsse sich im Patientengespräch so nur möglich den zenbuddhistischen „Anfängergeist“ bewahren, um eine offene und ungelenkte Therapiesituation ohne Schubladisierung des Patienten aufrechterhalten zu können.

Ausblick

Bis heute gibt es keine eigenständige psychotherapeutische Ausbildung in China. Seit 15 Jahren führt die DCAP daher zertifizierte Weiterbildungen für Ärzte und Psychologen in psychodynamischer, kognitiv-verhaltenstherapeutischer oder auch systemischer Familientherapie durch. Aktuell arbeite man, so Professor Dr. med. Kurt Fritzsche, am Aufbau eines Masterstudiengangs Psychotherapie in China, der die Fortbildungen durch westliche Psychotherapeuten auf Dauer ersetzen und eine eigenständige Entwicklung innerhalb Chinas ermöglichen solle. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO habe kürzlich die Stabilisierung der psychischen Gesundheit als global relevante Aufgabe erkannt, da doch psychische Erkrankungen heute – nicht nur in China oder Deutschland – zu den häufigsten nicht-tödlichen Erkrankungen weltweit zählen.

Buchhinweise

Thomas Plänkers (Hrsg.): Chinesische Seelenlandschaften. Die Gegenwart der Kulturrevolution (1966 – 1976), Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Oktober 2010

Fritz B. Simon, Margarete Haaß-Wiesegart, Xudong Zhao: „Zhong De Ban“ oder: Wie die Psychotherapie nach China kam - Geschichte und Analyse eines interkulturellen Abenteuers, Carl Auer Verlag, Heidelberg; geplant für September 2011

Dr. med. Antje Haag: Versuch über die moderne Seele Chinas – Eindrücke einer Psychoanalytikerin, Psychosozial Verlag, Gießen; geplant für September 2011