Gesellschaft und Medien Der Staat, die Angst und die Freiheit

Eugene Delacroix: "Die Freiheit führt das Volk", 1830 (Ausschnitt), Allegorie auf die Julirevolution 1830; Paris, Musee du Louvre
Eugene Delacroix: "Die Freiheit führt das Volk", 1830 (Ausschnitt), Allegorie auf die Julirevolution 1830; Paris, Musee du Louvre | © picture-alliance / akg-images

Chinas Wirtschaftsmacht beeindruckt die westliche Welt. Die freiheitlichen Ideale des Westens aber erscheinen in China als Herausforderung für das tradierte Ordnungsverständnis. Warum das so ist, beschreibt der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer in seinem neuen Buch.

Chinas Angst vor der Freiheit – so heißt das kürzlich erschienene Buch von Helwig Schmidt-Glintzer: Schmidt-Glintzer ist nicht nur Sinologe und Direktor der renommierten Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, er beschäftigt sich seit vielen Jahren vor allem auch mit dem chinesischen Buddhismus. Dies befähigt ihn, Entwicklungen, die sich im modernen China vollzogen haben, in vielschichtige historische Zusammenhänge einzuordnen. Und da Schmidt-Glintzer über profunde Kenntnisse sowohl der europäischen, als auch der chinesischen Geistes- und Texttraditionen verfügt, sind seine Analysen gleich um mehrere Grade differenzierter und daher letztlich auch alltagstauglicher als so mancher hochgelobte China-Bestseller, der in den vergangenen Jahren auf dem deutschen Buchmarkt erschienen ist. Freilich: Wie fast jedes Buch, das sich ernsthaft mit der Vergangenheit und Gegenwart Chinas auseinandersetzt, fordern auch die Thesen Schmidt-Glintzers die Debatte, ja manche von ihnen auch den Widerspruch heraus. Schon aus diesem Grunde lohnt es sich, sie hier in kurzgefasster Form einmal vorzustellen:

Der Begriff der Freiheit

China – so lautet die Ausgangsthese des Autors – hat Angst vor der Freiheit. Und das bedeutet: Angst vor den neuen Handlungsspielräumen, die sich unter den Bedingungen der Globalisierung eröffnen. Es ist die Angst vor den Risiken der Modernisierung, vor dem Zerfall des Einheitsstaates angesichts der Autonomiebestrebungen einzelner Regionen oder Völker innerhalb des chinesischen Staatsgebiets, Angst vor dem Einbruch des Unberechenbaren, des Chaos und der (sozialen und politischen) Unruhe (luan). Diese Ängste, so erläutert Schmidt-Glintzer, speisen sich aus unterschiedlichen Quellen: aus den Ordnungs- und Chaos-Vorstellungen der alten chinesischen Kulturtradition ebenso, wie aus den historischen Erfahrungen, die das chinesische Kaiserreich im 19. Jahrhundert erleiden musste, als das einstige „Reich der Mitte“ sich in demütigender Weise die Bedingungen der damaligen westlichen Großmächte und Japans aufzwingen lassen musste. Insofern, so Schmidt-Glintzer, habe bereits der erste republikanische Präsident Chinas, Sun Yatsen (Sun Zhongshan 孙中山) betont, dass die Unabhängigkeit des Staates von äußerer Bevormundung Vorrang vor den Freiheitsbedürfnissen des einzelnen Bürgers haben müsse.

Darin vor allem ist, nach Schmidt-Glintzer, der Unterschied zu den Freiheitsvorstellungen des Westens begründet: Während die Rechtstraditionen Europas um die Frage kreisen, wie der einzelne Bürger vor der Willkür und den Eingriffen des Staates zu schützen sei, so ist es in China die Staatsmacht, die darauf pocht, „dass in jedem Falle der Staat stark werden müsse, während die Freiheiten des Einzelnen zu beschränken seien im Interesse des Überlebens Chinas“, wie Schmidt-Glintzer schreibt.

Der Staat und das Volk

Die tiefsitzende Angst nicht nur der kommunistischen Führung vor Freiheits- und Autonomiebestrebungen und ihre oft panisch-überzogenen Reaktionen sind für ihn Symptome eines Paradoxons: Die autoritären Machtdemonstrationen des Staates offenbaren in Wahrheit seine Schwäche – eine Schwäche, die in der chinesischen Tradition verankert ist. Nach traditioneller Lesart ist sowohl der Einzelne, als auch der Staat in einen kosmischen Zusammenhang eingebunden. Was bedeutet: Der politischen Führung kommt von alters her die Verantwortung für nahezu alles zu, was sich ereignet: seien es nun Naturkatastrophen, die Bewahrung der Einheit des Landes und der Zufriedenheit des Volkes. Es liegt auf der Hand, dass der Staat mit dieser „Zuständigkeit für alles“ immer überfordert ist und daher stets das fürchten muss, was den Kaiserdynastien schon im alten China passierte: Dass ihnen „das Mandat des Himmels“ entzogen wird, sie im Volke ihre Herrschaftslegitimation verlieren – und schließlich gewaltsam gestürzt werden. Und da es in China, so Schmidt-Glintzer, keine geordneten Prozeduren für einen Machtwechsel gibt, drohen mit jedem Machtwechsel gleich Revolten und Chaos. Für Schmidt-Glintzer gibt es also genug Gründe für die chinesische Führung, dem Streben – etwa der nationalen Minderheiten Chinas – nach Autonomie und wirklicher Partizipation mit Misstrauen zu begegnen und allzu weitreichende Kritik als prinzipielle Bedrohung zu empfinden.

Ausblicke

Die Angst der politischen Eliten einerseits, das Streben nach möglichst lückenloser Kontrolle über möglichst viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens andererseits – beides ist, nach Schmidt-Glintzer auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Integration von Gesellschaft und Politik in der modernen Geschichte Chinas nie gelungen ist: Es fehlte stets an einer modernen bürgerlichen Öffentlichkeit mit eigenen Freiheitsrechten, die als Grundlage eines Staates hätte dienen können, für den die Begrenzung seiner Macht keine Bedrohung darstellt. Doch Helwig Schmidt-Glintzer leitet aus seiner historischen Analyse auch Schlussfolgerungen ab. China, so sagt er, müsse seinen eigenen Weg finden, die Spannung zwischen neuen Lebensentwürfen einzelner Gruppen und tradierten Werten auszuhalten. Die Eliten des Landes wiederum, müssten sich von dem Anspruch lösen, für das Ganze verantwortlich zu sein. Insbesondere fehle es an Institutionen und Strukturen, die das „Aushalten von Dissens“ ermöglichen würden: Offenbar meint der Autor hier beispielsweise eine unabhängige Justiz, die Beschwerden von Bürgern ohne Einmischung des Staates nachgehen könnte. Und nicht zuletzt mahnt Schmidt-Glintzer auch einen freien Diskurs über die jüngere Geschichte Chinas in der Öffentlichkeit an. All dies setzt aber voraus, dass die politische Führung freiwillig auf ihr Machtmonopol verzichtet – ob sie das tun wird, bezweifelt jedoch auch der Autor. Er hofft allenfalls, „dass sich die Freiheitsspielräume in China dennoch vergrößern“. Dass diese Hoffnung längst keine innerchinesische Angelegenheit mehr ist, sondern für Chinas Rolle in der Welt wesentlich wird, ist offenbar. An diesem Punkte aber müsste die Diskussion erst beginnen.