Gesellschaft und Medien China: Modernisierung oder Modernität?

Shanghais Stadtteil Pudong verkörpert Chinas Modernisierung
Shanghais Stadtteil Pudong verkörpert Chinas Modernisierung | © www.58pic.com

Modernität bedeutet mehr als „ein wohlhabendes Volk und eine starke Nation“, so der Vorstandsvorsitzende der China Merchants Bank und Autor des Buches Die Frage im China unserer Zeit: Modernisierung oder Modernität Qin Xiao (秦晓).

Von den Büchern, die ich 2009 gelesen habe, haben mich nur zwei nachhaltig beeindruckt. Da ist zum einen das Buch Schönes und Hässliches aus der Roten Kammer von Yu Leiqing (俞雷庆). Es ist erfrischend, wie die Autorin die althergebrachte Auslegung des Klassikers Traum der Roten Kammer, der seit Jahrzehnten von chinesischen Wissenschaftlern immer wieder aus der Klassenperspektive betrachtet wurde, über Bord wirft und stattdessen die Hauptfiguren des Romans ausgehend von der Ästhetik des Verfassers des Traums, Cao Xueqin (曹雪芹), interpretiert. Dieses Buch führt uns außerdem vor Augen, dass sich junge Wissenschaftler derzeit von den Fesseln der Ideologie befreien und der Literatur und ihren Meistern ihr ursprüngliches Gesicht zurückgeben. Der Inhalt des anderen Buches Die Frage im China unserer Zeit: Modernisierung oder Modernität ist – wie schon der Titel des Buches erahnen lässt – erheblich komplexer. Der Autor Qin Xiao (秦晓) ist Vorstandsvorsitzender der China Merchants Bank. Doch die Ansätze, die er in seinem Buch veröffentlicht, haben mit dem Finanzwesen nicht viel zu tun, sondern widmen sich der Frage einer chinesischen Transformation hin zur Moderne. 

Das Buch Die Frage im China unserer Zeit: Modernisierung oder Modernität hat insgesamt drei Teile. Der erste Teil besteht aus drei Aufsätzen von Qin Xiao, der zweite Teil enthält eine themenbezogene Diskussion und der letzte Teil liefert schließlich Querverweise, indem er eine Reihe wichtiger Aufsätze versammelt. Im zweiten wie im dritten Teil werden die Positionen Qins durch Experten vor allem kommentiert und ergänzt, dabei treten mehr oder weniger unterschiedliche Meinungen zu Tage. Doch wie sieht Qin Xiao die Frage des chinesischen Wandels? Vor welchem Hintergrund vertritt er seine Ansichten? Diese zwei Fragen bilden den Hauptinhalt des Buches und machen zugleich seine Faszination aus. Fassen wir zunächst die erste Frage ins Auge: Die Transformation der chinesischen Gesellschaft.

Gesellschaftlicher Wandel ist nicht gleichbedeutend mit „Modernisierung“

Nach Qin Xiao ist die Transformation zur Moderne der Dreh- und Angelpunkt der Probleme Chinas. Er schreibt: „Die Transformation zur Moderne bedeutet den Wandel von der traditionellen Gesellschaft zu einer modernen Zivilisationsordnung, welche von den zentralen Werten der Moderne (Freiheit, Vernunft, persönliche Rechte) getragen wird und Marktwirtschaft, eine demokratische Verfassung und den Nationalstaat als Grundlage hat.“ Nach einem Rückblick auf die historische Entwicklung der chinesischen Gesellschaft, bei der insbesondere die „Geschichtsauffassung des Klassenkampfes“ reflektiert wird, analysiert Qin Xiao den „Kampf um einen chinesischen Weg“, welcher seit den 1980er Jahren bis heute andauert. Dabei spricht er viele Probleme des Reformprozesses an, wie das Wohlstandsgefälle, persönliche Bereicherung und Korruption, Moralverfall, Vertrauensverlust und die Zerstörung der Umwelt als negative Begleitphänomene einer fortschreitenden wirtschaftlichen Reform, welche politische Reformen auf die lange Bank geschoben hat. Diese Probleme hätten innerhalb der Gesellschaft zu unterschiedlichen Meinungen geführt, wodurch auch der Konsens der Elite Risse bekommen habe. Qin Xiaos Ansicht zur derzeitigen Lage Chinas ist, dass der Transformationsprozess der chinesischen Gesellschaft „nicht auf den Aufbau moderner Hardware und Infrastruktur beschränkt werden sollte“, weil „Modernisierung“ im chinesischen Kontext für „ein wohlhabendes Volk und eine starke Nation“ stehe, die Konnotation liege also vor allem auf wirtschaftlichen und materiellen Vorgaben, wohingegen Wertesystem und Systemplanung davon abgekoppelt seien. Mit einfachen Worten: Das „Volkswohl“ kann „den Willen des Volkes“, also die Demokratie, nicht ersetzen. Die Erfolge aus drei Jahrzehnten chinesischer Reform- und Öffnungspolitik könnten lediglich als „ökonomisches Wachstumswunder“ bezeichnet werden,“ lautet ein Punkt, den Qin Xiao besonders betont, die Entstehung eines „chinesischen Modells“ indessen müsste durch gesellschaftlichen Wandel gekennzeichnet sein. Mit den „Neuen Linken“ Chinas ist der Autor nicht auf einer Linie, denn in seinen Augen „bedarf der kränkelnde Zustand der westlichen Gesellschaft zwar einer Behandlung, was aber nicht bedeutet, dass ihre Werte und ihr System zum Tode verurteilt sind.“ Außerdem meint er, dass das chinesische Konzept von Modernität keine starre Kopie des westlichen Modells sein dürfe, sondern Elemente der chinesischen Traditionen und Erfahrungen enthalten müsse und unser Wissen um den kritischen Zustand der westlichen Gesellschaften und unsere Kritik daran ausdrücken sollte. 

China braucht Aufklärung 

Von Qin Xiaos Konzepten zum politischen System fällt am meisten die Bemerkung ins Auge, China benötige eine ziemlich grundlegende geistige Aufklärungsbewegung, um sich von ideologischen Fesseln zu befreien und um ein Wertesystem zu etablieren, das im Kern modern ist und Elemente der chinesischen Kultur enthält. Wenn das Thema „Aufklärung“, welches in den 1980er Jahren bereits heiß diskutiert wurde, zwei Jahrzehnte später erneut auf den Tisch kommt, muss das tiefere Hintergründe haben. Sicherlich hat es mit dem von ihm erwähnten „zerbrochenen Konsens der Elite“ zu tun, dass Qin Xiao die Frage der Aufklärung thematisiert. Attackiert von einer Vielzahl geistiger Strömungen ist der Autor nicht bereit, die eigene Position aufzugeben. Qin Xiao hat die von ihm aufgebrachte „chinesische Frage“ nicht genauer untersucht und schon gar nicht die Hintergründe einer Aufklärungsbewegung. Jedoch liefert der in dem Buch enthaltene Beitrag von Xu Jilin (许记霖) „Wie kann die Aufklärung wieder zum Leben erwachen?“ eine ausführliche Analyse dazu. Xus Aufsatz ist gelungen und unbedingt lesenswert. Äußerst überzeugend analysiert er den Status Quo und die Problematik einer Aufklärung im heutigen China und kommt dabei insbesondere auf die verschiedenen geistigen Strömungen unter den chinesischen Intellektuellen zu sprechen. 

Xu leitet seinen Beitrag damit ein, dass „im heutigen China die Aufklärung von drei geistigen Strömungen aus ganz unterschiedlichen Richtungen zersetzt wird. Dabei bildet der Etatismus die erste Strömung. Indem Xu den Etatismus widerlegt, betont er insbesondere: „Obwohl die Errichtung eines Nationalstaats auch ein Hauptanliegen der Aufklärung ist, steht in ihrem Kern nicht der Staat, sondern der Mensch, es geht ihr um die Freiheit und die Befreiung des Menschen.“ Die zweite Strömung hingegen ist der Klassizismus: Die Klassik der griechischen Antike sowie die Klassik der chinesischen Tradition. Die dritte geistige Strömung ist die pluralistische Moderne. Nachdem Xu auf diese drei Herausforderungen für die Aufklärung hingewiesen hat, stellt er folgende Frage in den Raum: „Heute, neunzig Jahre nach der Vierten-Mai-Bewegung, kommen liberale Intellektuelle, welche sich die Aufklärung zur heiligen Pflicht gemacht haben, um folgende Überlegungen nicht herum: „Gelingt es uns, auf diese Herausforderungen zu reagieren? Kann die Aufklärung, indem sie auf die starken Kontrahenten in dieser Debatte reagiert, neue Theorien entwickeln und zu neuen Welten aufbrechen?“

Xus Fragen treffen den Nerv der liberalen Intellektuellen an seiner empfindlichsten Stelle, ist die Aufklärung doch in den Medien oder im Denken der jungen Leute im Wettbewerb mit anderen geistigen Strömungen zu einem historischen Begriff aus grauer Vorzeit geworden, der weder eine reale Bedeutung noch ein neues Theoriegebäude hat. Viele universale Vorstellungen und Werte der Aufklärung erscheinen heute veraltet und passen nicht mehr zu den Bedürfnissen des modernen Menschen. Nichtsdestotrotz hat Xu sie nicht aufgegeben, hält weiterhin am Kurs der Aufklärung fest und betont, er wolle ihr mehr Inhalt geben. In seinen Augen liegt darin die Verantwortung der liberalen Intellektuellen angesichts der anderen Denkrichtungen.

Fast keiner der Diskussionsteilnehmer und Autoren schlägt in dem Buch einen konkreten Weg beziehungsweise eine Marschrichtung zur Lösung der Probleme vor, ganz zu schweigen von expliziten Maßnahmen. Allein Chen Xiaoming (陈晓明) von der Peking-Universität merkt an, dass „der Wandel der Gesellschaftskultur auch den Wandel zur Moderne anregen könne.“ Er erläutert das am Beispiel von Wang Shuo (王朔): „In den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte der Schriftsteller Wang Shuo große Bedeutung für den gesellschaftlichen Wandel in China. Nicht nur in kultureller Hinsicht, sondern auch für die Politikwissenschaft. Ohne Wang Shuo hätten viele moderne Dinge keinen Eingang in unser politisches System gefunden, zum Beispiel eine moderne sprachliche Ausdrucksweise oder Lebenseinstellung.“ 

Der berühmte Ausspruch von Habermas, die Aufklärung sei ein unvollendetes Projekt, wird im Buch immer wieder zitiert. Was sich wie die Formulierung eines Auftrags anhört, ähnelt dann aber doch eher einer ohnmächtigen Ausflucht. Ich habe das Buch zweimal gelesen und dabei folgenden Eindruck gewonnen: Eine Gruppe äußerst wohlmeinender Intellektueller möchte durch dieses Buch einer noch größeren Anzahl von Menschen den aktuellen Zustand der chinesischen Geisteswelt nahebringen und die Aufklärung wieder auf die Tagesordnung setzen. Natürlich haben sie alle einige entscheidende und heikle Fragen wie etwa die Frage des politischen Systems ausgespart. Doch auch so konnte ich zwischen den Zeilen ihre Sorge spüren. Um mit den Worten Qin Xiaos zu sprechen: „Während der moderne Wandel in China weiter vorangetrieben wird, ist es sowohl theoretisch also auch praktisch von besonderer Bedeutung, um die Zwangsläufigkeit des Radikalismus in China zu wissen, gegenüber diesem Radikalismus wachsam zu bleiben und zu vermeiden, in den Teufelskreis von Radikalismus und Entfremdung hineingezogen zu werden.“ Liu Yi (刘毅) führt in seinem Text als Beispiel sogar die Weimarer Republik an und lässt so indirekt die Frage der Wappnung gegen extremistische Kräfte anklingen. Auch in dieser Hinsicht möchte ich dieses Buch den Lesern ans Herz legen, denn angesichts des Überhandnehmens extremer Geistesströmungen müssen wir aktiv werden, und selbst wenn wir uns derzeit noch in Sicherheit wiegen, sollte man doch erst nach reiflichem Abwägen handeln.