Deutsche Medien und China Verschwörungstheorien und Mythen

Dometeit Reporter
Dometeit Reporter | Foto: Jens Büttner © picture-alliance/ ZB

Gudrun Dometeit, Redakteurin für Osteuropa und Asien beim Wochenmagazin Focus, antwortet Jia Zhiping: Warum deutsche Medien sich nicht gegen China verschworen haben.

Hier antwortet Gudrun Dometeit, Redakteurin für Osteuropa und Asien beim Wochenmagazin Focus, auf Jia Zhipings (贾枝平) Vorwürfe gegen die deutsche China-Berichterstattung Universelle Werte und Gehirnwäsche.

Als ich im April 2008, wenige Wochen vor den Olympischen Spielen und kurz nach heftigen Unruhen in Tibet, an der „Beiwai“, der Pekinger Fremdsprachen-Universität, einen Vortrag über deutsche Medien halten wollte, bombardierten mich die Studenten mit Vorwürfen: Warum schreibt ihr nur über Tibet, Korruption und Verhaftungen in China? Sie unterstellten, deutsche Medien hätten absichtlich ein Foto veröffentlicht, auf dem nepalesische Polizisten zu sehen waren, die auf Tibeter einprügelten und sie als chinesische ausgegeben. Dass es sich dabei um einen Irrtum des Fotoredakteurs gehandelte hatte, um Nichtwissen, schlechte Recherche, einen Fehler – ärgerlich zwar, ja, aber keineswegs absichtsvoll – wollte mir keiner glauben. Vielmehr stecke dahinter so etwas wie eine konzertierte Aktion von Politik und Medien, die die chinesische Regierung diskreditieren wollten. 

Sie witterten eine Verschwörung, einen von der Politik konstruierten Konsens, das aufstrebende China besonders ungünstig darzustellen. Ähnliches habe ich über Jahre hinweg in Diskussionen mit russischen Gesprächspartnern erlebt: Sie beklagten sich über das negative Russland-Image in deutschen Medien, fassten Artikel über die Mafia oder das Treiben der Geheimdienste als persönlichen Angriff auf. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr. Viele Politiker, Diplomaten und Journalisten, die Ausbildung oder Erziehung in den postsozialistischen Staaten (in Osteuropa wie China) genossen haben, können meines Erachtens bis heute nicht nachvollziehen, wie Medien in einem demokratischen Staat funktionieren, nach welchen Kriterien westliche Journalisten ihre Themen auswählen oder was interne Pressefreiheit heißt. Sie verstehen oft nicht, dass das Interesse des Lesers als Orientierungsmarke dient und nicht eine irgendwie geartete Staatsdoktrin. Und dass Medien natürlich auch Wirtschaftsunternehmen sind.

Selbst Journalisten wie Jia Zhiping, der schon 20 Jahre in Deutschland lebt, fällt es offenbar schwer, sich von der Vorstellung zu lösen, dass Medien als verlängerter Arm der Politik, einer irgendwie verordneten Parteilichkeit oder, wie er in seinem Artikel „Universelle Werte und Gehirnwäsche“ schreibt, „Merkels werteorientierter Außenpolitik“ dienen. Sie übersehen auch gerne, dass sich deutsche Medien mindestens genauso kritisch mit dem eigenen Land wie mit dem Ausland auseinandersetzen – weil sich das Gros der Journalisten als Kontrolleure und nicht als Claqueure der Mächtigen versteht. 

Auslandsberichterstattung hat aber noch andere Aufgaben. Sie muss erklären, wie ein Land tickt, was seine Menschen denken, was sie essen, wie sich kleiden, wohin sie reisen etc. Jeder will doch verstehen, wie ein Land mit 1,3 Milliarden Menschen innerhalb von 20 Jahren so rasant aufsteigen konnte und mit welchen Problemen dabei in Zukunft zu rechnen ist. Das bedeutet, Sonnen- wie Schattenseiten zu beschreiben. China kommt dabei meines Erachtens sogar günstiger weg als Russland, das sich durchaus über allzu oft wiederholte Klischees vom Mütterchen an der Wolga bis zum alles beherrschenden Geheimdienst beklagen könnte. In Berichten über die Fortschritte der chinesischen Automobilindustrie, die Beteiligung an westlichen Firmen oder den enormen Bauboom klingt auch Bewunderung über den schnellen Wandel im Reich der Mitte an. Kaum jemand bezweifelt auch die enorme Lernfähigkeit der Chinesen oder die historischen Errungenschaften des Landes. Apropos Wandel: Der ist, anders als Jia Zhiping behauptet, in fast allen China-Berichten das beherrschende Thema. Vielleicht sollte er doch gelegentlich wieder einmal eine deutsche Zeitung aufschlagen oder ein deutsches TV-Programm einschalten?

Die Fülle der Berichte in Zeitungen, Zeitschriften, im Fernsehen und im Internet macht das Gesamtbild eines Landes aus – mögen einzelne Artikel auch negativ, klischeehaft oder einseitig sein. Rein quantitativ hat die China-Berichterstattung längst die über Russland und Osteuropa abgelöst. Wie realistisch die Darstellung letzten Endes ist, hängt auch davon ab, welchen Zugang ausländische Korrespondenten vor Ort bekommen. Je weniger sie sich umsehen und umhören können, umso mehr sind sie auf Hörensagen, Zweit- oder Drittquellen angewiesen. Da muss sich die chinesische Regierung nicht wundern, wenn beispielsweise die Unruhen in Lhasa im März 2008 einseitig aus der Sicht der Tibeter dargestellt wurden, oder wenn Infrastrukturmaßnahmen wie die Qinghai-Tibet-Bahn als Instrument der Unterdrückung bezeichnet werden. Für ausländische Journalisten war Tibet jahrelang nur mit – selten erteilten – Sondergenehmigungen zugänglich und nach 2008 zunächst gar nicht mehr. Im Herbst 2009 gewährte mir der chinesische Staatsrat zwar eine Erlaubnis, in die Provinz zu reisen. Frei recherchieren konnte ich aber kaum, von den Abenden abgesehen begleiteten mich die meiste Zeit zwei Aufpasser.

Unter solchen Umständen ist das Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, tatsächlich zu einem Mythos oder zu einem „Hätschelkind des Westens“ avanciert, obwohl seine Person und Politik tatsächlich kritisch gesehen werden können. Nur – im Unterschied zur chinesischen Führung ist der Dalai Lama eben jederzeit auskunftsbereit. Dabei hätten die Chinesen doch längst auf Webseiten und Blogs ihre Abscheu gegen die „separatistischen“ Bewegungen Tibets wie auch Xinjiangs und Taiwans, die Falun-Gong-Bewegung und die „sogenannte“ Bürgerrechtsbewegung zum Ausdruck gebracht, führt Jia dann noch an. Nimmt er im Ernst die orchestrierten Proteste vor allem chinesischer Auslandsstudenten im Olympiajahr als Ausdruck der öffentlichen Meinung? Ergreifen nicht zunehmend chinesische Intellektuelle mutig Partei für die Tibeter und ihren Wunsch nach mehr Autonomie („Charta 08“)? Und organisieren nicht gerade die „sogenannten“ Bürgerrechtler ihre Proteste über Webseiten, Blogs und SMS wie 2007 in der Stadt Xiamen gegen die Errichtung einer Chemiefabrik?

Das mögen noch die Aktionen von Minderheiten sein, aber die kollektive Meinung in China gibt es eben nicht mehr. Berichte über die ganze, faszinierende Vielfalt des Lebens spiegeln die chinesische Realität wieder. Schließlich unterliegen deutsche Medien nicht der Verpflichtung der Kommunistischen Partei, Harmonie und Stabilität in der Gesellschaft zu wahren und Probleme unter den Teppich zu kehren.