Lifelogging Die Ausweitung der Selbstvermessungszone

Foto (Ausschnitt)
Foto (Ausschnitt) | © colourbox.de

Welche Folgen hat der Trend der Selbstvermessung für Individuum und Gesellschaft? Professor Stefan Selke über Auswirkungen von Lifelogging.

In einem Interview zu den Parallelen von Stasi und der amerikanischen National Security Agency (NSA) befragt, macht die ehemalige DDR-Eiskunstläuferin Katarina Witt auf einen neuen Trend aufmerksam: „Ich finde es gefährlich, dass es Leute gibt, die wissen, was du isst, wie viele Schritte du am Tag gehst, was für einen Puls du hast – und dieses Wissen zu Geld machen." Digitale Selbstvermessung und Lebensprotokollierung (Lifelogging) weitet sich aus: Sleep-Logging, Mood-Logging, Sex-Logging, Thing-Logging und Death-Logging sind bereits möglich.

Die „digitale Aura"

Lifelogging ist eine „disruptive" Technologie, die mit bestehenden Wertvorstellungen bricht. Das Versprechen besteht darin, ein wenig Statistik und winzige Messgeräte zu Werkzeugen der Selbsterkenntnis zu kombinieren. Die „digitale Aura" umfasst dann Daten zu Gesundheit, Aufenthaltsort, Produktivität, Finanzen oder sogar Hormonwerten. Ein Treiber dieses Trends ist das unter Kostendruck stehende Gesundheitswesen. „Digital Health Consultants" prophezeien, dass die Vermessung von Gesundheits- und Körperwerten fester Bestandteil der Präventionslogik werden könne. Doch ist digitale Selbstvermessung dafür der richtige Weg?

Jagd nach dem besten „Healthscore"

Die Meldung, dass Generali, einer der größten Erstversicherer in Deutschland, Fitness- und Gesundheitsdaten seiner Kunden auswerten und für ein Incentive-Programm nutzen will, rief erste Kritik von Verbraucherschützern hervor. Die Versicherung kündigte an, Rabatte für diejenigen anzubieten, die persönliche Gesundheitsdaten transparent machen. Das US-Unternehmen Fitbit verkauft Armbänder zur Aktivitätsvermessung unter anderem an Firmen, die damit ihre Belegschaft zu gesünderem Verhalten motivieren wollen. In der Praxis bedeutet dies, dass ganze Abteilungen bei der Jagd nach dem besten „Healthscore" konkurrieren.

Lifelogging repräsentiert den Zeitgeist: Nach einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Yougov können sich 32 Prozent der Bundesbürger vorstellen, gesundheitsbezogene Daten an Krankenversicherungen mitzuteilen, um Vorteile zu erhalten. Jeder fünfte Befragte zieht die digitale Vermessung der eigenen Kinder in Betracht. Allerdings haben die meisten auch ein Gespür für die Schattenseiten – 73 Prozent ahnen, dass bei einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes mit einer Beitragserhöhung zu rechnen ist. Und sogar 81 Prozent glauben, dass ihre Daten auch für andere Zwecke verwendet werden. Diese Sorge ist berechtigt. Als bedenklich wird derzeit der Trend zum An- und Verkauf persönlicher Daten durch Dienstleister wie Data Fairplay gesehen, die Firmenkunden mit Privatdaten zu Konsumverhalten, Freizeitgestaltung und weiteren Themen versorgen. Die IT-Sicherheitsfirma Symantec untersuchte 2014 in ihrer Studie How safe is your quantified self? verschiedene Anwendungen und kam zum Ergebnis, dass Datenschutz und Nutzersicherheit einer Vielzahl von Anbietern egal ist und diese private Daten an Marketingfirmen verkaufen.

Verlierer und Gewinner beim Lifelogging

Lifelogging bringt zweifellos Chancen mit sich. Chronisch Kranke können auf Plattformen wie PatientsLikeMe oder CureTogether Daten teilen, sich von der Expertenmacht der Ärzte emanzipieren, die Versprechungen der Pharmaindustrie überprüfen und somit neues Wissen erzeugen. Doch es gibt auch Risiken. Das Geschäftsmodell von dacodoo basiert darauf, aus persönlichen Werten einen kollektiven „Healthscore" für ganze Firmenbelegschaften zu errechnen, aus dem sich der Versicherungsbeitrag für die Betriebskrankenkasse ergibt. Hinter dem Versprechen auf die Senkung gesundheitsbezogener Kosten steckt dann auch eine Form sozialer Kontrolle denen gegenüber, die sich im Hinblick auf das Gesamtergebnis unvernünftig verhalten.

„Scores" und „Rankings" machen Menschen zu numerischen Objekten. Vermessung wird damit zum Organisationsprinzip des Sozialen. Aus deskriptiven Daten werden normative Daten, die Erwartungen an sozial angemessenes Verhalten „übersetzen". Rationale Diskriminierung bedeutet, dass Software über Verlierer und Gewinner entscheidet: Leistungsträger werden von Leistungsverweigerern sortiert oder „Health-On"-Menschen (Gesunde) von „Health-Off"-Menschen (Kranke) getrennt. In Zukunft entsteht damit moralische Konformität entlang der Frage, wie weit man von der „Norm" abweichen und trotzdem noch „normal" sein kann. Das gilt gerade auch dann, wenn sich der Diskriminierungsaspekt hinter den Fassaden spielerischer Wettbewerbe oder Belohnungssysteme verbirgt.

Selbstvermessung ist eine stillschweigend als wertsteigernd empfundene Investition in den eigenen sozialen Status unter Beachtung persönlicher Fehleranfälligkeiten. Der Mensch, der zur Ware wird, rekonfiguriert sich ständig selbst, um seine Gebrauchsfertigkeit sicher zu stellen. Die digitalen Hilfsmittel sind willkommen, weil sie dazu beitragen, den Lebensbetrieb störungsfrei aufrecht zu erhalten. Das läuft letztlich auf ein funktionales Programm der Umerziehung hinaus. Ist es also erstmal selbstverständlich, sämtliche Daten zu einer Person in sogenannten Daten-Dubletten zusammenzuführen, werden Menschen zu Konformisten, blind für die Möglichkeiten eigenen Denkens und unfähig zu eigenen Entscheidungen.