Uraufführung von Duo Duos In die Mitte des Himmels in Düsseldorf Lyrischer Parabelflug

Szene aus „In die Mitte des Himmels“ von Duo Duo
Szene aus „In die Mitte des Himmels“ von Duo Duo | © Düsseldorfer Schauspielhaus/Sebastian Hoppe

Sprechtheater westlicher Prägung gibt es in China noch keine 100 Jahre. Um aktuelle Trends in Deutschland bekannt zu machen, inszenierte das Düsseldorfer Schauspielhaus im März 2009 ein Festival der Neuen Dramatik: China.

Das Düsseldorfer Schauspielhaus, im 20. Jahrhundert zeitweise die wohl bedeutendste Theaterbühne Europas, setzte bei der Einweihung seiner neuen Werkraumbühne Central im März 2009 auf China. Die Vorbereitungen zum Festival neuer chinesischer Dramatik begannen begleitet vom intensiven Engagement des Dramaturgen Christoph Lepschy vor über 3 Jahren. Im Mittelpunkt des Festivals stand - eingebettet in Szenische Lesungen, Autorengespräche, u.a. mit dem Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian (高行健), eine Performance und Installationen des Künstlers Yang Qi (杨起) - die Uraufführung des Stückes In die Mitte des Himmels von Duo Duo (多多), inszeniert von Cao Kefei (曹克非).

Chinesisches Theater in Europa

Bis heute gelten chinesische Dramen hierzulande als Rarität. Dabei erfuhren die Europäer vom Theater Chinas bereits in der Aufklärung. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde erstmals ein vollständiges Stück, Die Waise der Familie Zhao, in mehrere westliche Sprachen übertragen, dabei aber gründlich nach europäischem Geschmack zurechtgeschnitten. Erst Bertolt Brecht untersuchte im 20. Jahrhundert das chinesische Theater genauer und war vor allem von der hohen, abstrahierenden Schauspielkunst beeindruckt, deren Kern er mit dem Etikett „Verfremdungseffekt“ versah und in sein Theaterkonzept einbaute. Die Peking Oper reiste 1930 erstmals in die USA und 1935 nach Europa, wurde sehr bestaunt und blieb doch ohne längerfristige Wirkung auf das westliche Theatergeschehen. 

Europäisches Theater in China

In China hingegen machte die Theaterwelt im Zuge des tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bekanntschaft mit der neuen westlichen Dramatik, insbesondere dem Naturalismus. Es wurden Stücke übersetzt und Sprechtheaterbühnen gegründet, die bis dahin unbekannt waren. Daneben blühte das so andersartig geprägte traditionelle Musiktheater weiter auf. Die Kenntnisse über beide Entwicklungen blieben in Europa weiterhin gering. Auch nach der erneuten Öffnung Chinas gen Westen vor 30 Jahren hielten die chinesischen Theaterschaffenden zunächst am Bühnenrealismus fest. Die 80er und 90er Jahre des 20. Jahrhunderts waren weitgehend der dramatischen Aufarbeitung der Kulturrevolution und den von ihr verursachten Traumata gewidmet. Mit der Uraufführung von In die Mitte des Himmels in Düsseldorf zeigt sich, dass in China inzwischen eine neue Phase dramatischen Schaffens begonnen hat.

Der Autor Duo Duo 

Der chinesische Lyriker Duo Duo (ursprünglicher Name: Li Shizheng 栗世征), 1951 in Peking geboren, zählt zur sogenannten verlorenen Generation, deren Schulbildung und Studium durch die Kulturrevolution unterbrochen wurden. 1989 ging er ins westliche Exil, lebte u.a. in Großbritannien, Kanada und in den Niederlanden und schrieb neben Gedichten auch Dramen. 2004 kehrte Duo Duo nach China zurück und zählt heute zu den bedeutenden Lyrikern des Landes. Er selber betont, sich besser in westlicher als in chinesischer Literatur auszukennen. Sein Auftragswerk für das Düsseldorfer Schauspielhaus wurde von Marc Hermann ins Deutsche übertragen. Sehr mühsam sei diese Arbeit gewesen, berichtet dieser, da Autor und Regisseurin während der Probenarbeit laufend Änderungen am Text vorgenommen hätten. Allerdings zeigt sich hierin wohl auch ein Stück chinesischer Theatertradition, nach der mit Spieltexten sehr flexibel umgegangen wird. Zu allen Zeiten veränderte man Libretti und passte sie den Bedürfnissen der Darsteller an, die traditionell das Geschehen dominierten.

Zur Inszenierung 

Die zweisprachige Regisseurin Cao Kefei bewegt sich bei ihren Theaterarbeiten gern an den Schnittstellen der beiden Kulturräume. Für die Düsseldorfer Inszenierung mit deutschen Schauspielern setzt sie zunächst auf einen Bühnenrealismus der besonderen Art: Über eine hölzerne Gangway betritt man, von freundlichen Stewardessen begrüßt, den Zuschauerraum, der hier als das Innere eines Langstreckenjets gestaltet wurde. Die Reise soll mit „Eastwest Airlines“ von Peking nach New York gehen. Mechanisch laufen die üblichen Flugvorbereitungen ab. Begleitet von Lautsprecherdurchsagen, Monitoranweisungen und einem leichten Motorvibrieren des Bodens suchen die Zuschauer ihre Plätze und werden dabei, zunächst wohl unbemerkt, zu Statisten der Handlung gemacht. Die verteilten Meldezettel, in denen nach Namen, Beruf, Ziel und Gesundheitszustand „der Passagiere“ gefragt wird, sollen ausgefüllt werden. Schließlich kämpfen sich auch die sechs Schauspieler durch die Reihen: eine modisch gestylte junge Frau, die chinesische Schlager zwitschert, ein lautstark in ein Beziehungsdrama verstricktes Paar, ein junger Videokünstler, dessen Live-Aufnahmen gleichzeitig über den Bordmonitor laufen, die sich „leergetextet“ fühlende Schriftstellerin sowie eine Agenturinhaberin, die berichtet, sie sei „die Frau, die alles verkauft“. 

Eine per Lautsprecher angekündigte „routinemäßige Desinfizierung“ taucht den Raum in Dampfschwaden und löst spontan Beklemmung aus. Der Abflug verzögert sich immer weiter, und gleichzeitig leiten Gesprächsfetzen und leeres Aneinandervorbeireden über zur Auflösung der Realwelt, dem Verschmelzen von Zeiten, Geschichten und Individuen in ein nun plötzlich surreal anmutendes Alptraumgeschehen von tiefer Entfremdung und Hilflosigkeit. Zum Nudelgericht wird ein lebensgroßer, rosarot gescheckter Ochse auf die Spielfläche geschoben. Anklänge an das Absurde Theater sind unverkennbar. Bis auf die Unterwäsche entblößt, taumeln die Spieler schließlich durch den Bühnenraum. Der Flug wird zur eindrucksvollen Metapher einer bizarren Reise in die Abgründe moderner Zivilisation.

Die Zukunft

Nach vielen Jahren getrennter Entwicklung tritt das chinesische Sprechtheater wieder einmal in engeren Kontakt mit dem Westen. Die Chancen für eine nachhaltige Begegnung scheinen heute günstiger denn je, da sich die Lebensbedingungen im Zeitalter globalisierter Jetsetter zusehends annähern. Das gelungene und anregende Düsseldorfer Projekt wird im Herbst 2009 seine Fortsetzung im Rahmen von Deutschland und China - gemeinsam in Bewegung in Wuhan finden. Dort soll das Publikum mit zeitgenössischen deutschen Dramatikern bekanntgemacht werden.