Jüdische Spurensuche in Kaifeng Ein Rabbinat in Henan?

Ein mit eisernen Davidsternen verziertes Hoftor erinnert daran, dass sich hier einst die Torah-Schule von Kaifeng befand.
Ein mit eisernen Davidsternen verziertes Hoftor erinnert daran, dass sich hier einst die Torah-Schule von Kaifeng befand. | Foto: Isabelle Daniel

„Today even the memory of their origin is gone. They are Chinese.” Es sind dies die ersten beiden Sätze eines historischen Romans, den die spätere Literaturnobelpreisträgerin Pearl S. Buck dem Niedergang des chinesisch-jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert widmete. Peony, die Heldin des gleichnamigen Buches, erzählt eine einzigartige Geschichte vom Sieg der Assimilation über die Identität. Heute machen sich Nachfahren der jüdischen Gemeinde auf die Suche nach ihren Wurzeln.

Hier, in einer kleinen versteckten Gasse mitten in Kaifeng (开封), wirkt die israelische Flagge wie ein Fremdkörper. Seit die letzten aktiven Mitglieder der jüdischen Gemeinde Kaifengs die Stadt in der chinesischen Provinz Henan verlassen haben, bewegt sie sich nicht mehr. Beinahe trotzig umschlingt sie den Mast, an dem sie eigentlich wehen sollte. Als wolle sie sagen: „Wir waren hier.“

Der kleine Hinterhof mit der israelischen Flagge liegt in einer Seitenstraße der Kaifenger Hauptverkehrsader Dong Da Jie (东大街). Bis vor einigen Jahren bewohnte Familie Zhao (赵) das Haus, das einst die Torah-Schule der jüdischen Gemeinde beherbergte. Kaum mehr als die israelische Flagge und das mit eisernen Davidsternen verzierte Hoftor erinnern an die historische Bedeutung des Hauses. Das älteste Familienmitglied der Zhaos ist heute über 90 und lebt nicht mehr in Kaifeng. Ihre Tochter Guo Yan (郭 研), die sich den hebräischen Namen Esther (埃丝特) gegeben hat, fährt noch ab und zu in ihre Heimatstadt, um Touristen und Wissenschaftlern ihr altes Elternhaus zu zeigen. Doch Esthers Besuche werden immer seltener. Als wir telefonieren, bedauert sie, keine Zeit für ein Treffen mit uns zu haben.

Die Spuren der kleinen jüdischen Gemeinde, die über Jahrhunderte den Nanjiaojing Hutong (南教经胡同) in Kaifeng geprägt hat, sind heute stark verwischt. Wie die Relikte religiöser Praxis im Hof der Zhaos, so verblasst auch die Erinnerung der Kaifenger an ihre jüdischen Nachbarn. Ein Rekonstruktionsversuch des jüdischen Lebens hier führt zu bruchstückhaften Informationen, zusammengetragen von einer kleinen Anzahl an Wissenschaftlern.

In Kaifeng treffen wir Lin Gao (林高). Die junge Übersetzerin wohnt seit fünf Jahren hier, den Nanjiaojing Hutong besucht sie jedoch zum ersten Mal mit uns. Von der Existenz der jüdischen Gemeinde erfuhr sie, als sie noch im Tourismusbüro der Stadt arbeitete. Ein Paar aus Australien hatte sich nach dem historischen Standort der Synagoge erkundigt. Im Tourismusbüro konnte man ihnen nicht weiterhelfen, doch Lins Interesse war geweckt. In Eigeninitiative begann sie im Internet zu recherchieren. „Die meisten Kaifenger wissen überhaupt nicht, dass es hier einmal Juden gab“, sagt sie.

Auf der Dongda-Jie zeigt sie auf das städtische Krankenhaus. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts stand an diesem Ort die Synagoge. Auf den ersten Blick kaum von der Architektur buddhistischer Tempel zu unterscheiden, war sie beispielhaft für den hohen Grad an Assimilation, durch die sich die Kaifenger Juden zu einer historisch einzigartigen jüdischen Gemeinde entwickelten. Über die Seidenstraße kamen im 8. Jahrhundert während der Tang-Dynastie die ersten jüdischen Händler aus Persien und dem Irak ins Reich der Mitte. Einige von ihnen schworen dem chinesischen Kaiser die Treue und erhielten so das Recht zu bleiben.

Ihre Blütezeit erlebte die jüdische Gemeinde in Kaifeng während der Ming-Dynastie. Zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert zählte sie zeitweise 5.000 Mitglieder. Der Beginn der Qing-Dynastie im Jahr 1644 markiert die entscheidende Zäsur für den Beginn eines Wandels, der auch als „Metamorphose“ der Kaifenger Juden bezeichnet wird. Hatte die Gemeinde es geschafft, ihre religiösen Traditionen bis ins späte 17. Jahrhundert zu bewahren, begann nun eine Phase intensiver Assimilation, die eine spezifische religiöse Praxis des Judentums hervorbrachte.

Die prosperierende Wirtschaftsmetropole zog nicht nur Juden an. Die einstige Attraktivität des kulturellen Zentrums Kaifeng für Immigranten aus dem Westen manifestiert sich bis heute in der auffälligen religiösen Vielfalt der Region. In den Kaifenger Gassen, in denen sich früher am Schabbat Juden auf den Weg zur Synagoge machten, findet heute regelmäßig ein Halal-Markt statt. Neben etlichen Moscheen gehören auch die Türme christlicher Kirchen zum Stadtbild.

„Ein historischer Zusammenhang zwischen der Existenz der drei monotheistischen Religionen besteht sicher darin, dass alle drei ab der Tang-Zeit über die Seidenstraße nach China gelangten.“, erklärt Katharina Wenzel-Teuber, Sinologin am China-Zentrum in Sankt Augustin bei Bonn. Interessant sei zudem, dass in der Henan-Provinz in der Geschichte bis in die neuere Zeit immer wieder religiöse Geheimgesellschaften und Sekten entstanden seien.

Dieses ungewöhnlich große Interesse an Religion in der Henan-Provinz wirkt bis in die Gegenwart. Hinzu kommt ein Trend, der auch für andere Provinzen gilt: Religionswissenschaftler beobachten bereits seit einigen Jahren ein wachsendes Interesse an Religion in der chinesischen Gesellschaft. Dazu passt, dass auch wir im Innenhof der ehemaligen Torah-Schule einer Gruppe Jugendlicher begegnen, die hier nach Zeugnissen der jüdischen Vergangenheit suchen. Die vier kommen aus der Nachbarstadt Zhengzhou. Wie Lin haben sie im Internet von den Juden Kaifengs gelesen und wollen vor Ort mehr erfahren.

Erst im Jahr 1954 verlor Kaifeng seinen Status als Hauptstadt Henans und wurde von der nahegelegenen Industriestadt Zhengzhou (郑州) abgelöst. Nach dem Willen des Staates soll das einst so bedeutende Kaifeng zu einem touristischen Zentrum weiterentwickelt werden. Seither fließen Fördergelder in die Restaurierung von Museen und ehemaligen kaiserlichen Anlagen; die mit 5 Millionen Einwohnern für chinesische Verhältnisse kleine Stadt verfügt über eine signifikante Anzahl an Hotels, die sich auch an ein internationales Publikum richten. Westliche Besucher Kaifengs sind oft selbst jüdisch. In den USA und Israel werden organisierte China-Reisen angeboten, bei denen ein Tagesausflug nach Kaifeng vorgesehen ist. Eben deshalb findet es Michael Freund irritierend, dass die Stadt nicht mehr dafür tut, um das jüdische Erbe zu kultivieren und für die touristische Vermarktung Kaifengs einzusetzen. Freund ist Direktor der israelischen Organisation Shavei Israel, deren Zweck die Herstellung von Beziehungen zwischen Israel sowie etablierten und abgelegenen jüdischen Gemeinden in aller Welt ist. „Peony“, der weitgehend unbekannt gebliebene Roman von Pearl S. Buck, ist Freunds Lieblingsbuch. Er hat es sich zu einer Lebensaufgabe gemacht, die in diesem Roman beschriebene Entwicklung rückgängig zu machen.

„Die Behörden scheinen sehr darum bemüht, die Erinnerung an das jüdische Leben in Kaifeng auf Sparflamme zu halten. Es gibt nicht mal eine Gedenktafel, die an die Synagoge erinnert. Wer nach den Spuren jüdischen Lebens in Kaifeng sucht, muss tief unter die Oberfläche schauen.“ Ausreichend Exponate, um der jüdisch-chinesischen Geschichte eine Ausstellung zu widmen, gibt es Freund zufolge. Der Kurator des städtischen Museums in Kaifeng habe ihm vor mehreren Jahren Artefakte und Fotografien der jüdischen Vergangenheit gezeigt, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichten. „Sie lagern jedoch in verschlossenen Räumen im Stadtmuseum und dem Drachenpavillon, einem Überbleibsel des Kaiserpalastes, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind.“

Warum die Distanz, die die Autoritäten zur Geschichte der Kaifenger Juden wahren? Ein Erklärungsansatz ist die ambivalente Haltung der Kommunistischen Partei gegenüber Religion und Religiosität im Allgemeinen, vor allem aber die Strafbarkeit von Proselytismus, also dem religiösen Missionieren und der Förderung von Konversion. Das Judentum ist die einzige nichtmissionarische monotheistische Religion. Der Fall der Kaifenger Juden stellt jedoch, auch aus Sicht von Michael Freund, einen Sonderfall dar. Den Kontakt zwischen seiner Organisation und den Kaifenger Juden betrachtet er zwar nicht als Missionierung, sondern als Unterstützung einer „Rückkehr nach Zion“. Die Behörden sehen das aber bisweilen anders.

Das Judentum zählt nicht zu den fünf staatlich anerkannten Religionen im Land. Im Herbst 1996 forderten die Einheitsfront und die Kaifenger Polizei die in den lokalen Registrierungspapieren als „jüdisch“ (犹太) registrierten Einwohner Kaifengs auf, ihre ethnische Zugehörigkeit wahlweise in Han oder Hui (muslimisch) zu ändern. „Damit wurde den Kaifenger Juden die letzte offizielle Anerkennung ihres einzigartigen Status genommen. Das verärgert Angehörige der Gemeinde bis heute“, sagt Anson Laytner. Der Rabbiner ist der Direktor des kalifornischen Sino-Judaic Institute. Die meisten Betroffenen entschieden sich für Han, einige nahmen hingegen die Nationalität der Hui-Minderheit an – nicht zuletzt, um von der offiziellen Ein-Kind-Politik ausgenommen zu werden.

„Unter anderem dieser Aspekt macht es schwierig, die genaue Zahl an Nachfahren der Kaifenger Juden zu schätzen, die es heute gibt“, sagt Michael Freund. Seine Organisation Shavei Israel geht von etwa 500 bis 1.000 Menschen aus, die von der jüdischen Gemeinde Kaifengs abstammen. „Besonders unter den jungen Nachfahren ist das Interesse an ihrer jüdischen Herkunft sehr groß“, so der Shavei-Leiter.  

Doch die Rückbesinnung auf das Judentum birgt für diese Nachfahren Probleme – denn die Auslegung der Religion geht nicht konform mit der Halacha, dem jüdischen Recht. So werden die Kaifenger Juden, weil sie ihr Jüdischsein väterlicherseits begründen, vom israelischen Oberrabbinat nicht anerkannt. Eine Alija, also eine Einwanderung nach Israel unter Berufung auf die jüdische Abstammung, ist also nicht ohne Weiteres möglich. Kaifenger, die auf ihre jüdische Identität verweisen, müssen zum Judentum konvertieren, bevor sie israelische Staatsbürger werden können. Dieses Verhältnis zu den Kaifenger Juden wurde auch vom israelischen Staat bestätigt. Als das Land 1992 volle diplomatische Beziehungen zu China aufnahm, besuchte der damalige Botschafter Zev Suffot auch Kaifeng. Auf eine Anfrage der Jewish Agency hin, dort zu arbeiten und möglicherweise Juden aus Kaifeng nach Israel zu bringen, wählte Suffot deutliche Worte: „Zu behaupten, sie seien Juden, ist absurd; es gibt nichts zwischen diesen Leuten und dem Judentum. Es ist offensichtlich, dass dies der völlige Missbrauch eines Begriffs ist, der eine objektive Bedeutung besitzt, nicht nur eine halachische.“

Michael Freund sieht das anders. „Ein Jude wird nicht nach Äußerlichkeiten beurteilt, sondern danach, was in seinem Herzen und seiner Seele ist.“ Shavei Israel unterstützt deshalb seit Jahren den Austausch zwischen jungen Kaifengern und Israel. Mit Hilfe der Organisation sind seit 2006 elf chinesische Juden nach Israel emigriert. Einer von ihnen, Jaakov Wang, hat angekündigt, Rabbiner werden und nach Kaifeng zurückkehren zu wollen.

„Er wäre der erste chinesische Rabbiner seit mehr als 200 Jahren“, sagt Freund. Mit dem Tod des letzten Kaifenger Rabbiners im Jahr 1810 begann der sukzessive Niedergang der Gemeinde, den Pearl S. Buck ihre Protagonistin Peony beschreiben ließ. Sollte sich Wangs Traum von einem eigenen Rabbinat erfüllen, müsste man die Geschichte umschreiben. Dann hätte die Identität über die Assimilation gesiegt.