Bao Kun über Vertrauen Freund oder Feind? Einstige Phantasiebilder der Sowjetunion

Bao Kun berichtet über die politischen Wandlungen der 1960er Jahre in der Welt seiner Kindheit und Jugend: Wie aus der Sicht eines kleinen Jungen der Große Sozialistische Bruder zur Sozialimperialistischen Sowjetmacht wurde.

Als ich anfing, mir meine ersten eigenen Gedanken zu machen, steckte die Freundschaft zwischen China und dem Großen Bruder Sowjetunion bereits in einer Krise. Davor war die Sowjetunion Chinas großer Halt gewesen, ein Vorbild, dem man nacheiferte. Als Kind sah ich den Sommer über immer die älteren Frauen beim Nachbarschaftsklatsch und hörte wie sie sich über Kleider unterhielten. Eine sagte, jemand hätte sich wieder ein „Blazy“ (布拉吉) genäht. Später erfuhr ich, dass dies ein russischer Ausdruck für ein langes Damenkleid war.

1960, als ich noch keine sieben Jahre alt war, hörte ich zuhause auf einmal die Erwachsenen sagen, die sowjetischen Experten seien weggegangen. Ich erinnere mich an ihren angespannten Gesichtsausdruck. Es war, als wollten sie nicht, dass jemand dies zu hören bekam. Vielleicht war es ebendieses Geheimnisvolle, was mir als Kind einen tiefen Eindruck hinterließ. Von klein auf hatte ich diese mehr oder weniger verständlichen Begriffe wie „Chinesisch-Sowjetische Freundschaft“ (中苏友好) und „Großer Sowjetischer Bruder“ (苏联老大哥) gehört. In meinem kindlichen Begriff von zwischenmenschlichen Beziehungen verstand ich, dass eine ehedem enge Freundschaft in die Brüche gegangen sein musste.

Bald waren am Radio diesbezügliche Erklärungen von Seiten der chinesischen Regierung zu hören. In die Reden der Erwachsenen mischte sich Empörung, und die Stimme des Radiosprechers wurde lauter, wenn er auf diese Dinge zu sprechen kam. So wurde aus dem geliebten Große Bruder, den man als wichtigen Halt und Helfer betrachtet hatte, allmählich ein gewissenloser, vertrauensbrüchiger Schurke. Zu jener Zeit steckten wir in einem wirtschaftlichen Engpass und man bekam zu spüren, dass Nahrungsmittel und Produkte knapp wurden. Gleichzeitig aber hörte ich die Erwachsenen sagen, unaufhörlich würden massenhaft Fleisch und Getreide mit der Eisenbahn in die Sowjetunion befördert, um die Schulden der sowjetischen Hilfe an China abzugleichen. Diese Nachricht schürte den Unmut unter den Leuten. Es war, als läge die Schuld an unserer bedrängten Lebenslage bei der Sowjetunion. Ein weiterer Sündenbock war die unbotmäßige Natur, denn nach offiziellen Verlautbarungen lag der Grund der damaligen Schwierigkeiten in den „dreijährigen Naturkatastrophen“ (三年自然灾害).

Über ein Jahr danach übte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas in einem „Offenen Brief an alle sowjetischen Parteiorganisationen und alle Parteimitglieder“ heftige Kritik an der sowjetischen Parteizentrale. Insgesamt gab es neun solche Briefe, die später allgemein „die Neun Kritiken“ (九评) genannt wurde. Jede dieser Kritiken wurde am Vorabend ihrer Veröffentlichung in den Abendnachrichten der Zentralen Volksrundfunkstation als erste Mitteilung verlesen. Der Rundfunksprecher Xia Qing (夏青) sprach mit erhobener Stimme in erregtem, sarkastischem Tonfall, der den Hörern das Gefühl gab, sich Luft verschaffen zu können. Die Reden wurden sogar als hochstehende Rundfunkrhetorik gepriesen, und tags darauf unterhielt man sich mit Beifall über den Sprecher und seine Kunst. Die Spitze aber war, als ich eines Tages beim Spielen mit meinem Sitznachbarn Geng Xiaoqing (耿小青) aus der Schule erfuhr, dass Xia Qing sein Vater war. Seinen  späteren zum Star der chinesischen Rundfunkwelt hatte sich Xia Qing vor allem mit den „Neun Kritiken“ verdient. Im wirklichen Leben jedoch war er ein sanfter, liebenswürdiger Mensch. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, war ich richtig enttäuscht. Er kam mir völlig farblos vor; die Stimme schien mit dem Mann nicht übereinzustimmen.

In den „Neun Kritiken“ verpasste China der Sowjetunion die neue Bezeichnung des „Revisionismus“, kurz „SU-Revision“ (苏修). Das Wort drang auch in unsere Schulaufsätze, in denen wir mithilfe von hasserfüllten Verurteilungen der „SU-Revision“ bekräftigten, dass wir entschlossen der Partei folgen wollten. Zu jener Zeit fürchtete sich keiner vor den Folgen dieser Feindseligkeiten gegen den Großen Bruder. Man betrachtete sich geradezu als heiligen Verteidiger des Marxismus und Leninismus. Und die naiven Chinesen glaubten tatsächlich, sie würden jeden Krieg gewinnen und wären auf niemandes Hilfe angewiesen, nur weil sie Anfang der 1950er Jahre im Koreakrieg den Amerikanern ebenbürtig gewesen waren.

Nun waren die Beziehungen zwischen China und der Sowjetunion zwar verhärtet, doch der sowjetische Einfluss war nach wie vor groß. In den Bereichen, mit denen ich als Kind und als Jugendlicher in Kontakt kam, gehörten russische Zeitschriften und Briefmarken zu den beliebtesten Dingen. Ein älterer Nachbarsjunge besaß eine Sammlung sowjetischer Briefmarken, die er wie einen kostbaren Schatz in einer abschließbaren Schublade verwahrte. Nur wenn man ihn reichlich umschmeichelte, gewährte er stolz einen Blick in sein Album. Die Briefmarken steckten unter einer glasklaren Plastikfolie und glänzten hell. Zu Zeiten der freundschaftlichen Beziehungen waren Jugendliche beider Länder noch ermuntert worden, Brieffreundschaften zu schließen; viele junge Chinesen hatten langjährige Briefkontakte mit russischen Mädchen gepflegt und manche hegten erste Liebesgefühle. Ältere Jungen ließen auch schon mal mehrdeutige Witze fallen. Ich erinnere mich an einen gutaussehenden Jungen, der in solchen Situationen immer etwas verlegen aussah, mit glücklich leuchtenden Augen. Doch als sich das politische Klima verschlechterte, geriet alles was mit der Sowjetunion zu tun hatte allmählich in den Untergrund. Ab etwa 1963 sprach niemand mehr von solchen Brieffreundschaften. Mit der Verschärfung des zwischenstaatlichen politischen Klimas nahm schließlich auch der sowjetische Einfluss ab. Nur die Musik wirkte noch weiter und verkaufte sich in einem Schallplatten-Album mit dem Titel „200 berühmte ausländische Lieder“ in gewaltiger Auflage.

Seit der Überwerfung mit der Sowjetunion baute China eifrig seine Beziehungen außerhalb des sozialistischen Lagers aus. Nun gab es allerlei Nachrichten aus Asien, Afrika und Lateinamerika, sowie aus den Ländern Südostasiens. Von der Sowjetunion hörte man so gut wie nichts mehr. Als es im März 1969 auf der Zhenbao-Insel (珍宝岛) zu einem militärischen Konflikt zwischen China und der Sowjetunion gekommen war, zeigte unsere Schule einen furchterregenden Propagandafilm. Er begann mit dem Bild eines düsteren Himmels, vor dem ein grimmiger Eisbär zu sehen war, anschließend folgte ein Gefecht mit Stöcken und Panzern: Unsere Soldaten schlugen mit Schlagstöcken auf sowjetische Panzerwagen. Nun waren aus den einst verbrüderten Ländern tatsächlich erbitterte Feinde geworden. Die Sowjetunion geriet für uns vom „Chauvinismus“ zum „Sozialimperialismus“, was gleichbedeutend war wie der US-Imperialismus. Außerdem waren wir überzeugt, dass es zu einem Krieg kommen würde. Sogar beim Erdbeben von Tangshan (唐山) im Jahr 1976 waren viele der Meinung, es müsste sich um einen russischen Atomangriff handeln. Ich erinnere mich, wie ich von dem heftigen Rütteln und unerklärlich lauten Geräuschen im Raum geweckt wurde, als die Erdbebenwellen Peking erreichten. In jenem Augenblick sah ich ein Leuchten an dem sonst pechschwarzen Nachthimmel. Als alle aus den Häusern stürmten, um freie Plätze aufzusuchen, hörte ich die Leute fragen: „Ist das eine russische Atombombe?“

Im Jahr 1971 folgte dann der Geheimbesuch des amerikanischen Beraters für Außen- und Sicherheitspolitik Henry Kissinger und 1972 der offizielle Chinabesuch von Präsident Nixon. Von da an begann China seine zwei Jahrzehnte andauernde Honeymoon-Phase mit den USA. Diese Beziehung garantierte Chinas Sicherheit und stellte das Umfeld für eine friedliche Entwicklung her, das für den Aufstieg Chinas entscheidend wurde. Die Sowjetunion hingegen, die einst unsere grösste Bedrohung gewesen war, löste sich 1991 auf. Heute erscheint der jungen Generation Chinas der Begriff „Sowjetunion“ schon völlig fremd. Ihr Ausdruck für das dortige Gebiet ist jetzt „Russland“.

Ich aber werde nie vergessen, wie Ende 1968 ein Freund, während der chinesischen Neujahrsfeiertage nach China zurückgekehrt war, in einer kalten Winternacht die Gitarre spielte und mit Tränen in den Augen das Wolgalied sang:
Auf dem glatten Eis der Wolga
Trabt ein Dreigespann dahin
Einer singt ein trauriges Lied
Der Sänger ist der Kutscher selbst
...
In der melancholischen Melodie ging die fortschrittliche Hightech-Sowjetunion meiner Kindheit über in die altertümliche Erscheinung einer verschneiten Einöde und eines breiten Flusses, über den kalte Windstöße hinwegfegen, mit endlos weiten Wäldern...