Interview mit Liu Zhenyun Liu Zhenyun über die Einsamkeit der Chinesen

Liu Zhenyun
Liu Zhenyun |

Sind Menschen in religiös geprägten Gesellschaften weniger einsam? Der Schriftsteller Liu Zhenyun (刘震云) im Interview anlässlich seines aktuellen Buchs Ein Satz wiegt schwerer als tausend Worte.

Der Schriftsteller Liu Zhenyun (刘震云) wurde 1958 in Yanjin in der Provinz Henan geboren. Von 1978 bis 1982 studierte er an der Peking Universität chinesische Sprache und Literatur. Seine bekanntesten Werke sind: Das Handy (Cell Phone, 2003 erfolgreich verfilmt von Feng Xiaogang 冯小刚), Taschendiebe, Die Einheit und Hühnerfedern überall. Taschendiebe ist im August 2009 in der Übersetzung von Marc Hermann auf Deutsch im DIX-Verlag erschienen. Liu Zhenyun wird im Rahmen von Deutschland und China - Gemeinsam in Bewegung und gefördert vom Bundesland Sachsen und dem Literaturbüro NRW e.V. im September und Oktober 2009 je einen Monat in Düsseldorf und Leipzig verbringen.
 
Der folgende Beitrag ist die gekürzte Fassung eines am 10. Juni 2009 in der Southern Weekly erschienenen Interviews mit Liu Zhenyun.

Im Jahr Frühjahr 2009 erschien Ein Satz wiegt schwerer als tausend Worte von Liu Zhenyun. Anhand des Lebens und Schicksals zweier Figuren unterschiedlicher Zeitepochen beschreibt er „Weggehen“ und „Rückkehr“ im menschlichen Leben. Der erste Teil des Romans spielt in der Vergangenheit: Der einsame Wu Moxi hat seine Adoptivtochter, den einzigen Menschen, mit dem er zu reden vermochte, verloren. Um sie wieder zu finden, macht er sich auf den Weg nach Yanjin. In der zweiten Romanhälfte bleibt Liu Zhenyun in der Gegenwart: Niu Jianguo, der Sohn von Wu Moxis Adoptivtochter, will ebenfalls die Einsamkeit abschütteln und macht sich gleichfalls auf den Weg nach Yanji, um einen Freund zum Reden zu finden. Eine lange Suche beginnt. Über Ein Satz wiegt schwerer als tausend Worte sagt der Verleger, es beschreibe die „Jahrtausende alte Einsamkeit“ in den Herzen der Chinesen.

Liu Zhenyun ist nicht der Meinung, dass der Schriftstellerberuf ein besonders herausragender Beruf sei. „Die Menschen in meinem Dorf finden jedenfalls nicht, dass meine Schreiberei etwas Besonderes ist. Für sie gibt es keinen Unterschied zu dem, was meine Cousins dort machen, die auf der Straße ihren kleinen Geschäften nachgehen und Reiswein, Glasnudeln oder Import-Stoffe verkaufen. Selbst heute noch muss ich mir, wenn ich Zuhause bin, von ihnen sagen lassen, dass ich nicht geboren wurde, um Lügen zu erfinden.“ 

NFZM: Viele der Hauptfiguren in Ihren früheren Werken sind sehr einsam, und auch in Ein Satz wiegt schwerer als tausend Worte sind die beiden Figuren Yang Baishun und Niu Aiguo sehr einsam. Ist die „Einsamkeit“ für Sie ein Schlüssel in der Literatur?

Liu Zhenyun: Die Chinesen sind sehr allein und sehr einsam, und sie sind es schon seit Tausenden von Jahren. Ich finde, dass es einen sehr großen Unterschied zwischen der Kultur und dem sozialen Umfeld in China und der Kultur und dem Lebensumfeld von Völkern mit einer Religion gibt. Denn Gesellschaften, die von einer Religion geprägt wurden, sind Mensch-Gott Gesellschaften. Das bedeutet, dass nicht nur wir beide miteinander in Kontakt stehen, sondern dass es außerdem noch einen Gott gibt, mit dem wir parallel zu unserem Austausch ebenfalls in Verbindung stehen. Es besteht also eine Dreiecksbeziehung. Solch eine Dreiecksbeziehung ist, wenn man es mal von der mathematischen oder physikalischen Seite betrachtet, eine sehr stabile Beziehung. Dieser Gott ist allgegenwärtig. Abgesehen davon, dass er dir sagt, woher du kommst und wohin du gehst, wer du bist, hat er auch noch die wichtige Funktion, dass du jederzeit über alles mit ihm reden kannst. Wenn du Reue, Schmerz oder Freude empfindest, dann kannst du dies alles Gott mitteilen. Denn er ist allgegenwärtig. Mag sein, dass es ihn nicht gibt, aber ich empfinde diese religiöse Vorstellungskraft als unglaublich stark und mächtig. Immer wieder heißt es, dies oder das darf man keinem Menschen sagen, aber all das, was man sonst niemandem sagen darf, das kann man diesem Gott mitteilen. Egal, wie viel Unrecht du anderen angetan hast, wie viel Schuld du auf dich geladen hast, du kannst immer sagen: Herr, vergib mir und die Antwort des Herrn wird sein: Kind, ich habe dir bereits vergeben. So sind die Kultur und das Leben bei Völkern mit einer Religion. Doch viele Chinesen haben noch nie einen tiefen religiösen Glauben gehabt. Wenn sie etwas auf dem Herzen haben, dann müssen sie einen Menschen suchen, dem sie ihre Angelegenheiten erzählen können. Wenn du drei Tage nichts isst, dann verhungerst du nicht, aber wenn du drei Tage mit niemandem redest, dann erstickst du.

Doch einen echten Freund zu finden, ist sehr, sehr schwierig. Das war nicht nur während der Qing-Dynastie oder während der Republik-Zeit oder während der Tang-Dynastie schwierig, sondern es ist seit alters her bis heute eine schwierige Angelegenheit. Deshalb sagen wir, ein wahrer Freund im Leben ist genug. Dass ein Mensch den richtigen Menschen findet, das ist sehr, sehr schwierig. Und selbst wenn man einen echten Freund gefunden hat, teilt man ihm nicht unbedingt seine innersten Gedanken mit. Denn noch schwieriger als den richtigen Menschen zu finden ist es, die richtigen Worte zu finden, und ob dies gelingt, ist auch ein wichtiger Faktor. Die Beziehungen zwischen den Menschen sind wechselhaft, und der Grad der Vertrautheit ist ebenfalls veränderlich. Man kann zehn enge und vertraute Freunde haben, allerdings kann man sie auch verlieren. Die Beziehung zwischen Mensch und Gott verändert sich jedoch nicht, Gott ist für immer und ewig ein vertrauter Freund. Sein Mund ist verschlossen, das Mundwerk der Menschen hingegen nicht. Warum betet man denn im Beichtstuhl? Um nicht von anderen Menschen gestört zu werden.

In Mensch–Mensch-Gesellschaften verändern sich die Beziehungen zwischen den Menschen, ich verändere mich, mein Freund verändert sich und außerdem verändert sich auch das Leben an sich. Ändert sich eine dieser drei Komponenten, so verändern sich auch die Beziehungen des Menschen. Ändert sich das gesamte Beziehungsgeflecht, dann kann es zu einer chemischen Reaktion kommen, die zum Bruch einer Freundschaftsbeziehung führen kann. Wenn der Freund nicht mehr mein Freund ist, dann kann es sein, dass ich das zwischen uns Gesprochene nach außen weitertrage. Und dann wird es gefährlich.

Die Mensch-Mensch-Beziehungen sind also sehr riskant, wohingegen die Mensch-Gott-Beziehung sehr sicher ist. In einer solchen Gefahren bergenden Mensch-Mensch-Gesellschaft sind Lebens- und Sprachformen, die helfen, den richtigen Menschen und die richtigen Worte zu finden, meiner Ansicht nach viel wichtiger als Gesellschaftsform und historische Entwicklung. Denn diese wandeln sich ständig, aber die Umgangsformen in einer Mensch-Mensch-Gesellschaft sind ziemlich stabil. Z.B. Anrede- oder Begrüßungsformeln wie „Hast du schon gegessen?“ – die haben sich doch seit 1000 Jahren nicht verändert, das ist normales Benehmen und kaum einem Wandel unterlegen. Deshalb finde ich, dass ich mit meinem Roman etwas ganz Grundsätzliches berührt habe.

NFZM: Die Einsamkeit, von der Sie gesprochen haben, scheint im alltäglichen Leben nicht allzu sehr zum Vorschein zu kommen.

Liu Zhenyun: Wenn jemand oberflächlich daher redet, dann ist sein Redefluss kaum noch zu stoppen, er redet übertrieben und ausschweifend und spielt sich in den Mittelpunkt. Wenn wir z.B. zusammen am Tisch sitzen und essen und trinken, dann wird normalerweise ununterbrochen geredet und gelacht. Oberflächliches Gerede und anzügliche Witze. Doch wenn jemand auf der Suche nach einem Vertrauten ist, wenn er auf der Suche nach einem Gespräch ist, weil er etwas auf dem Herzen hat und etwas Persönliches besprechen möchte, dann ist das etwas ganz anderes als dieses oberflächliche Gerede, die Sätze sind dann meist kurz, einfach, ehrlich und vertraut. Schlichtheit, Ehrlichkeit und Vertrautheit sind so mächtige Dinge, dass es nicht nötig ist, von außen eine künstliche Stimmung zu schaffen, denn Ehrlichkeit und Einfachheit erzeugen schon von selbst eine bestimmte Atmosphäre.

China ist eine Mensch-Mensch-Gesellschaft, in der es keinen Gott gibt, daher ist das alltägliche und materielle Leben an der Oberfläche sehr umtriebig. Bei uns gibt es so viele Feiertage, so viele Märkte, so viele festliche Veranstaltungen und Eröffnungsfeierlichkeiten. Ganz besonders beliebt sind fröhliche Gruppenaktivitäten. Der Hintergrund dafür ist, dass man sich als einzelner Mensch sehr allein und einsam fühlt, und deshalb tun sich alle zusammen und amüsieren sich in der Gruppe. Wenn Chinesen in der Gruppe zusammen sind, ist es immer laut und lustig. Das gilt nicht nur für die Intellektuellen, die sich zum Essen und Trinken treffen und schmutzige Witze erzählen, sondern auch für die Arbeiter auf den Baustellen. Wenn sie dann aber allein sind und irgendwo am Straßenrand hocken, dann kann man auf ihrer Stirn eine kleine Kummerfurche sehen. Diese kleine Furche wird mit der Zeit wachsen, dann ist es aber kein Kummer mehr, sondern Einsamkeit. Die Menschen in einer Mensch-Mensch-Gesellschaft sind sehr einsam. Wenn sich diese Einsamkeit in den Herzen der Menschen anhäuft, dann ist sie ziemlich beängstigend. Einsamkeit kann auch eine zersetzende und teuflische Kraft sein. Mit einem Teufel in seinem Innern zu kämpfen, ist sehr anstrengend. Aber das ist unser Leben und unsere Kultur, und dennoch sind wir sehr umtriebig. Einerseits großer Trubel und andererseits plötzliche Stille, das ist meines Erachtens ein weiterer Kontrast im Leben.

NFZM: In früheren literarischen Werken wurden innere Qualen und Zerrissenheit immer im Zusammenhang mit den Intellektuellen beschrieben. Doch Sie erzählen in Ihrem neuen Buch vom Leben der Wanderarbeiter. Wie ist Ihre Einstellung zu Intellektuellen?

Liu Zhenyun: Wie lässt sich der Begriff „Intellektueller“ erklären? Ist man ein Intellektueller, nur weil man einige Bücher gelesen hat? „Intellektuelle“ sollten neue Erkenntnisse über diese Welt entwickeln. Die meisten „Intellektuellen“ sind eigentlich bloß „Wissensträger“. Nicht selten haben sie 10 Jahre studiert, aber das ist nichts gegen ein Gespräch mit einem Tofuverkäufer, einem Friseur, einem Schweineschlächter, einem Eselhändler, einem Färber, einem Trauerweib oder einem kleinen Restaurantbesitzer. 

Insbesondere die chinesischen Schriftsteller tun so, als ob sie „Intellektuelle“ wären. Wenn sie über das arbeitende Volk schreiben, dann beschreiben sie hauptsächlich seine Dummheit und Unwissenheit und beklagen und bedauern sein auswegloses Elend – so geht das nun seit über 100 Jahren ohne dass sich irgendetwas geändert hätte. Ihre Haltung ist herablassend und voller Mitleid, so als ob sie in Armutsregionen gehen, um ein Wohltätigkeits-Theater aufzuführen. Oder aber es ist das genaue Gegenteil: Sie sezieren öffentlich ein gesellschaftliches Geschwür, ganz ähnlich dem derben Bettler auf der Straße, der sich einen Dolch in den Handrücken sticht und das Blut in den Dreck zu seinen Füßen fließen lässt, um auf sich aufmerksam zu machen.

Abgesehen von der Darstellung ihrer eigenartigen Wahrnehmung stelle ich auch ihre Schreibmotive infrage. Ein Mann, der am Flussufer steht, ein Angler, der „weder ein Fisch ist noch die Freude der Fische kennt“ , was weiß der schon über das Innenleben eines Fisches? Was ihn interessiert, ist nicht der Fisch, sondern lediglich seine eigene Person und seine eigenen Ziele. Für sie ist es kein Problem, einen Menschen zu finden, aber jemanden richtig kennen und verstehen zu lernen, ist sehr schwierig. 

Aber noch viel wichtiger ist, dass die Dinge, die sie für wichtig und bedeutend halten, von meinen Verwandten im Dorf überhaupt nicht von Bedeutung sind. Das, was sie übersehen und ignorieren, das beschäftigt meine Verwandten Tag und Nacht. Was die Schriftsteller von den brutalen Bettlern auf der Straße unterscheidet, ist, dass jene sich den Dolch in den eigenen Leib stechen, sie aber stechen den Dolch in den Körper anderer Menschen. Mir ist so eine Schriftstellerei zuwider und mir sind die Werke solcher „Intellektuellen“ zuwider.