Bildende Kunst und Design Qin Yufen: Sichtbare Poesie

Qin Yufen: Beautiful Violence 2001
Qin Yufen: Beautiful Violence 2001 | © Qin Yufen

Die Raum-Klang-Installationen und Work-in-Progress-Arbeiten der Konzeptkünstlerin Qin Yufen (秦玉芬) loten mit minimalistischer Strenge ein Zusammenwirken von Ort, Objekt und Akustik aus.

Nur wenige Künstlerinnen finden sich unter den Namen der chinesischen Avantgarde. Bereits Anfang der 1980er Jahre, als freies Kunstschaffen in China nur im privaten Umfeld möglich war, trafen sich Qin Yufen, geboren 1954 in Qingdao, und ihre Künstlerkollegen nach der Arbeit in Pekinger Wohnungen und Parks. Dass die Eröffnung ihrer ersten, öffentlich angekündigten Ausstellung Mitte der 1980er Jahre mit einem Polizeieinsatz verhindert wurde, löste bei den Künstlern ein Gefühl der Resignation aus. So kam die Einladung zu einer Ausstellungsbeteiligung im Kunstverein Heidelberg für Qin Yufen und ihren Mann, den Künstler Zhu Jinshi (朱金石) höchst willkommen. Insbesondere die Neugier auf die Begegnung mit internationalen Künstlern und Werken motivierte beide zur Reise nach Deutschland. Es folgten Stipendien des DAAD-Künstlerprogramms, des Berliner Senats und der Künstlerkolonie Wiepersdorf. Seit 1986 lebt Qin Yufen in Berlin, verbringt aber seit 1994 regelmäßig einige Wochen im Jahr in Peking. Ihre zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, China, Japan, USA, Australien, Schweden, Türkei, Spanien und Italien machen deutlich, dass ihre raumgreifenden Arbeiten ihren Platz in der internationalen Kunstszene gefunden haben.

Heimat im Hier, Dort und zwischen den Zeiten

Nachdem sich die Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten in China verbessert haben, sind viele chinesische Künstler und Kuratoren in ihre Heimat zurückgekehrt. Fragt man Qin Yufen, warum sie ihren Hauptwohnsitz in Berlin behält, so beschreibt sie diese Lebenssituation als durchaus inspirierend. Obwohl Peking und Berlin Zentren der Gegenwartskunst seien, unterscheide sich das Lebensgefühl doch beachtlich, so die Künstlerin. Und genau das genießt Qin Yufen. Ist es in Peking das Today Art Museum, in dem sie schon mehrfach mit Werken in Gruppenausstellungen und 2008 mit einer Einzelausstellung ihrer Arbeiten präsent war, so sind es in Berlin das Haus der Kulturen der Welt, das Haus am Waldsee und der Hamburger Bahnhof, in denen sie nicht nur wiederholt ausstellte, sondern auch zu den vertrauten Vernissage-Gästen zählt.

In Gesprächen mit Qin Yufen herrscht intellektuelle Globalität. Während einer Ausstellung junger Berliner Künstler Anfang 2010 erzählt sie von ihrer Lektüre des gerade erschienenen Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Das nächste Thema sind die zum gleichen Zeitpunkt in der Berliner Akademie der Künste gezeigten Werke türkischer Künstlerinnen. Qin Yufen selbst zählte zu den 566 Künstlerinnen und Künstlern, die auf Anfrage der Kuratorin Karin Sander ihr Statement zur Ausstellung Zeigen. Eine Audiotour durch Berlin (5.12.2009-10.1.2010) in der Temporären Kunsthalle beisteuerten. Sie entschied sich für die Tonspur ihrer 2001 im Mattress Factory Contemporary Art Museum Pittsburgh ausgestellten Installation Beautiful Violence. In dieser Arbeit lässt Qin Yufen bunte Luftballons in einem raumgreifenden Geflecht aus Stacheldraht schweben. Bei dem leisesten Luftzug gegen die Stahlspitzen getrieben, zerplatzten sie. Digital verfremdete Knallgeräusche zerplatzender Luftballons übernimmt die Künstlerin auch in die Tonspur der Installation. Allerdings dominiert im akustischen Teil von Beautiful Violence Meeresrauschen. Wellen schlagen aufbrausend gegen das Ufer. Zieht sich das Wasser zurück, drängt sich das an Explosionen erinnernde Knallen in den Vordergrund. Zyklisch verfasste Naturgeschichte und von Menschen geschriebene Katastrophengeschichte scheinen in dieser wenige Minuten dauernden Hörprobe auf. Die gefährdete Dünnhäutigkeit der bunten Luftballons und die unbeweglich verharrende Gefahr des Stacheldrahts versinnbildlichen den fragilen Zustand eines gewaltfreien sozialen Miteinanders. Beautiful Violence führt exemplarisch vor Augen, was das Phänomen Weltkunst meint: Künstlerische Präzision und eine kulturelle Grenzen überschreitende Aussagekraft sind möglich.

In welcher Art und Weise Qin Yufen kulturelle Differenzen und Gemeinsamkeiten in ihrem Alltag in China und Deutschland wahrnimmt und diese Beobachtungen dann in ihren Arbeiten künstlerisch produktiv macht, zeigt das Beispiel Insel der Flöten (1996). „Als ich die achteckige Deckenstruktur der Kuppelhalle des ehemaligen Postfuhramtes in Berlin sah“, erzählt die Künstlerin, „hat sie mich sofort an den Pekinger Himmelstempel erinnert und war mir dementsprechend vertraut. Auch im Himmelstempel gibt es diese Achteck-Formationen. In meiner Installation Insel der Flöten übernehme ich die Grundstruktur der Decke und bilde sie mit Flächen aus Bambusrohren am Boden nach. In die Bambusrohre habe ich kleine Lautsprecher eingesetzt. Wenn der Besucher auf den geharkten Sandwegen durch die Installation läuft, hört er traditionelle chinesische Klänge, die ich mit dem Computer verfremdet habe.“

Qin Yufen führt mit diesen und anderen Arbeiten in einen Raum zwischen den Zeiten und an einen Ort, der faktisch nicht lokalisierbar ist. Mit traumwandlerischer Sicherheit lässt sie ihr Wissen um die chinesische Kultur aufgehen in ein gegenwärtiges künstlerisches Statement. Modernste Technik und traditionelle chinesische Materialien wie Bambus, Reispapier und Lotusblätter wirken zusammen mit Alltagsutensilien wie Wäscheständern, Kabeln und Reisschalen.

Stimmen der Vergangenheit und der Gegenwart 

In der Serie Legend of Colour (1996-2006) arrangiert Qin Yufen skulptural verlängerte rote, schwarze, gelbe und blaue Jacken und Gewänder im Raum. Während die Künstlerin in der Installation Mondfrauen (2005) ins China der Song Dynastie zurückschaut, indem sie goldgelbe Gewänder im Raum schweben lässt und Gedichte der Zeit mit dem Computer verfremdet, thematisiert Legend of the Colour Blue (2004) die jüngste Vergangenheit Chinas, die Kulturrevolution. Nicht nur die Erinnerung an die blaue Proletarierjacke des großen Führers ist nachdrücklich eingeschrieben in das kollektive Gedächtnis Chinas. Zur Masse entindividualisiert trugen Männer, Frauen und Kinder während der Kulturrevolution eine ähnliche Kluft dieser Farbe. Jegliche körperliche Präsenz einebnend, wurde der Einzelne auf seine gesellschaftliche Funktion reduziert. In ihrer Installation verlängert die Künstlerin die Mao-Jacken durch bis zum Boden reichende weiße Röcke und schafft durch diesen Eingriff eine materialisierte Trauergeste. Eine Tonbandaufzeichnung mit Passagen aus dem Roman Wilde Schwäne von Chang Jung bespiegelt die Erinnerung an die Ereignisse der Zeit aus der Perspektive der individuellen Erfahrung.

Wie schwer es ist, einen äußeren Wiedererkennungsfaktor in Qin Yufens Arbeiten auszumachen, zeigt u.a. das an verschienen Orten durchgeführte Work-in-Progress-Projekt Yin Wen. Diesmal arbeitet die Künstlerin zweidimensional und nutzt dafür die Wand des Ausstellungsraumes als Untergrund einer Collage. Mit Hilfe von Kleister und Quast bilden Ausschnitte verschiedener Tageszeitungen eine erste Schicht, die dann mehr oder weniger hinter Schichten von semi-transparentem Reispapier verschwindet. Der Ausstellungsbesucher kann diesen Prozess über mehrere Tage verfolgen. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich die ‚Wandzeitung’ als politischer Diskurs. So findet sich in der Mitte der Fläche ein Artikel zur Mao-Biographie von Jung Chang und Jon Halliday. Andere, nicht gänzlich überklebte Abbildungen zeigen wichtige Persönlichkeiten aus der Vergangenheit und Gegenwart Deutschlands. Ereignisse, die zeitlich und räumlich nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen, werden in Yin Wen neu kontextualisiert. Der Titel der Installation betont den hier angesprochenen, niemals abgeschlossenen Prozess von Geschichtsschreibung. So meint Yin Wen das in einen Stempel eingekerbte Schriftzeichen eines Namens. Gedruckt macht erst die farbige Umrahmung das Zeichen sichtbar. Das Zeichen selbst bleibt Leerstelle. Qin Yufens Arbeiten sind Leerstellen im klassisch-chinesischen Sinne. Sie schaffen mit minimalistischer Strenge gestaltete Erfahrungs- und Erkenntnisfreiräume.