Literatur und Sprache Han Han und der neue Individualismus

Han Han (韩寒) bei der China Rally Championship 2010 in Shandong, Foto: Hong Xiaodong
Han Han (韩寒) bei der China Rally Championship 2010 in Shandong, Foto: Hong Xiaodong | © ImagineChina

Han Han (韩寒), Rennfahrer und berühmter Autor, hat sich seinen Namen abseits des gesellschaftlichen Systems gemacht. Das Phänomen „Han Han“ zeigt, dass das scheinbar monolithische chinesische Gesellschaftssystem einen Riss bekommen hat.

Im Allgemeinen ist man in China der Auffassung, der Erfolg eines Schriftstellers zeige sich darin, ob er berühmt ist oder nicht. Ist er berühmt, so muss es sich um einen guten Schriftsteller handeln. Sein Renommee ist gleichbedeutend mit Geld und sozialem Status, sein Wort hat Gewicht, die Frauen fliegen auf ihn - es bedeutet, dass er einfach alles hat. Aus diesem Grund liegt für Autoren der Schlüssel zur Karriereplanung in der Frage, wie man berühmt werden könnte. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist Han Han fraglos der erfolgreichste chinesische Schriftsteller einer ganzen Epoche.

Geben Sie einmal Han Hans Namen in eine Suchmaschine ein – Sie werden angesichts der zahlreichen Links schnell den Überblick verlieren. Jede noch so kleine Nachricht über Han Han kann zeitweilig zu einem heiß diskutierten gesellschaftlichen Thema werden. Etwa, wenn es heißt, Han Han sei Vater einer unehelichen Tochter geworden, die von ihm herausgegebene Zeitschrift Chor der Solisten sei eingestellt worden, seine Bücher His Country, Riot in Chang`an City und Glory Days würden nach und nach verfilmt werden oder der 2010 erschienene Roman 1988 habe den ersten Platz auf der Bestsellerliste eingenommen. Selbst auf den Werbeplakaten an Chinas Bushaltestellen begegnet einem Han Han derzeit landauf, landab als Fashion-Model. 

Doch wenn Sie noch etwas weiter lesen, wird Ihnen auffallen, dass dieser 1982 geborene junge Mann aus Shanghai eigentlich Rennfahrer von Beruf ist. Han Han ist in der Geschichte des professionellen chinesischen Rennsports der einzige, der – im Jahr 2010 – zugleich Jahreschampion in der Rallye und der China Circuit Championship wurde.

Wer also ist Han Han? Er ist zu einer Symbolfigur geworden. Wenn Sie sich für das China von heute interessieren, werden Sie um Han Han nicht herumkommen. Da ist die Geschichte um seine kurzlebige Zeitschrift Chor der Solisten, deren Gründungsprozedere einem helfen kann, China besser zu verstehen.

Im Jahr 2009 kam Han Han auf die Idee, eine Zeitschrift zu machen. Er trommelte im großen Stil Leute zusammen und winkte mit dicken Honoraren, um junge Schreibtalente zu rekrutieren. Im Handumdrehen war der Redakteursstab gebildet. Ganz am Anfang sollte die Zeitschrift Renaissance heißen, doch die zuständigen Behörden lehnten den Titel ab. Auch der Name Chor erwies sich als Totgeburt, schließlich einigte man sich auf Chor der Solisten. Nachdem mehrmals der Verlag gewechselt wurde und unzählige Cover und Artikel ausgetauscht worden waren, konnte die Zeitschrift im Sommer 2010 schließlich erscheinen. Die vielen Verzögerungen hatten Han Han den letzten Nerv gekostet. In jenem Sommer wurde es unter jungen Leuten in China ein angesagter Zeitvertreib, das Magazin Chor der Solisten zu lesen. Auch wenn viele Leser diese Zeitschrift, die neben Gedichten, Erzählungen, Prosatexten und Kommentaren auch Fotoarbeiten enthielt, keineswegs für das Maß aller Dinge hielten, war man sich doch allgemein einig, dass das Erscheinen der Zeitschrift per se viel wichtiger war als ihre Inhalte.

Die chinesische Jugend mag den Bauch voller Fragen über diese Welt haben, doch sie hat keine Kanäle, diese zu äußern. Erst die Verbreitung des Internets hat es leichter gemacht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Hat man erst den Mut, etwas zu schreiben und in einem Bloggerforum zu posten, wird schon irgendeiner darauf stoßen und es wird sich immer jemand finden, der mit dem Autor über einen Kommentar in Kontakt tritt. Den größten Anklang fand in Han Hans Chor der Solisten die Rubrik „jeder fragt jeden“. Die Leserfragen wurden von den Redakteuren gesammelt und redaktionell bearbeitet. Im Dickicht aus Fragen und Antworten zeichneten sich allmählich schemenhafte Konturen der freien Meinungsäußerung ab. Bei diesem Frage- und Antwortspiel wurde man einerseits der Cleverness, Raffinesse und Aufmüpfigkeit der Internetuser gewahr, andererseits wurden die Ausflüchte und das Aufplustern so mancher gesellschaftlicher Prominenz offensichtlich.

Anfang 2011 jedoch befanden sich die Fans, die sehnsüchtig auf das Erscheinen des zweiten Hefts warteten, in einem Zustand aus Enttäuschung und Verzweiflung. Der Schwanengesang war perfekt, als Han Han in seinem Blog offiziell verkündete, das Team um den Chor der Solisten habe sich aufgelöst. Es wurde behauptet, der Chor der Solisten sei eingestellt worden, weil man nicht durch die amtliche Zensur gekommen sei, doch Han Han selbst schweigt bis heute über die Gründe, die zum Stopp der Zeitschrift geführt haben.

Auch wenn Han Han vor zwölf Jahren im Alter von 17 Jahren den ersten Preis in Chinas New Concept Writing Competition gewann und über Nacht berühmt wurde, ist sein Werdegang keineswegs so glanzvoll, wie man das erwarten würde. Ganz im Gegenteil, es gab immer wieder Stolpersteine und Rückschläge. Im zweiten Jahr der Oberstufe fiel er in mehreren Fächern durch und ging von der Schule ab. Während viele Gleichaltrige auf den Universitätscampus einzogen, entschied er sich, seinen Lebensunterhalt mit Schreiben zu verdienen. Durch die Entwicklung des Internets und das Aufkommen von Blogs konnten viele chinesische Leser seine bissige Gesellschaftskritik wie auch die diversen Äußerungen seiner Befürworter und Gegner verfolgen. Auch heute noch surfen viele junge Leute bei jedem großen Nachrichtenereignis in China automatisch Han Hans Blog an, um zu erfahren, wie er über die Sache denkt. Han Han als Person ist dabei eigentlich gar nicht so interessant, wichtig ist seine gesellschaftliche Bedeutung, die darin liegt, dass das Phänomen Han Han „außerhalb des Systems“ entstanden ist: Der soziale Organismus, der stets wie ein monolithischer Block war, hat schließlich einen Riss bekommen. Unter der Normware, welche die Fertigungsstraßen der Staatsmaschinerie unermüdlich ausspuckten, befand sich nun ein Exot, wie man ihn zuvor noch nicht gesehen hatte.

Han Han, einer der erfolgreichsten jungen Männer in der chinesischen Gesellschaft, ist nie dem Mainstream gefolgt. Han Han führt ein Leben, das er selbst gewählt hat. Dabei lässt die sich mit Hochdruck entwickelnde chinesische Gesellschaft jungen Menschen normalerweise kaum eine Wahl. Erst geht man auf die Uni, und dann arbeitet man als Angestellter in einem Büro – von der Wiege bis zur Bahre scheint jeder Schritt eines Menschenlebens wie vorgefertigt vom Fließband zu laufen. Das Phänomen Han Han steht dafür, dass der Staat endgültig nicht mehr die Macht hat, Individuen aus Fleisch und Blut einen starren Wertemaßstab aufzudrücken. Eine gesunde und normale Gesellschaft muss dem Einzelnen eine ausreichende Bandbreite an Entwicklungsmöglichkeiten in Aussicht stellen und jedem Individuum erlauben, eine eigene Haltung zu den Dingen einzunehmen.

Han Han zufolge finden wir im Chor der Solisten Sichtweisen, die sich von früheren unterscheiden. Die Beschreibung der chinesischen Gesellschaft folgt nicht mehr einem oder mehreren festen Schemata. Han Han ist heute zu einem der einflussreichsten Meinungsführer in China geworden. Han Han ist rebellisch, er ist immer auf der Suche, die Welt mit einem Blick zu sehen, der ihr eine neue Bedeutung verleiht; auf der Suche nach Werten, die für die Menschen überzeugend sind.