Stadtgeschichten: Berlin East-Side-Gallery: Die Mauer soll bleiben

Die East-Side-Gallery ist ein beliebtes Touristenziel in Berlin.
Die East-Side-Gallery ist ein beliebtes Touristenziel in Berlin. | Foto: Juliane Wiedemeier

Die East-Side-Gallery ist das letzte längere Stück Mauer, das in Berlin noch steht. Für ein Bauprojekt wurden nun Teile abgebaut – unter Protest.

Ein paar spanische Touristen fotografieren sich gegenseitig vor dem Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker. Ein älteres Ehepaar studiert den Reiseführer. Im Hintergrund besteigt eine Gruppe Rentner wieder ihren Reisebus. Ein typischer Nachmittag an der East-Side-Gallery im Berliner Bezirk Friedrichshain. Auf 1,3 Kilometern Länge ist die Mauer hier erhalten und 1990 von Künstlern aus aller Welt gestaltet worden. Seitdem ist sie ein beliebtes Ziel für Touristen, die stets auf der Suche nach Spuren der Teilung sind. Dass hier noch vor kurzem die Berliner auf die Barrikaden gingen, das kann man sich an diesem sonnig-heißen Junitag wirklich nicht vorstellen.

Stein des Anstoßes für die Proteste im Frühjahr sind zwei etwa sechs Meter breite Löcher, die nun in der Mauer klaffen. Geschaffen wurden sie für die dahinter liegende Baustelle – ein Appartement-Hochhaus und ein Hotel sollen hier, zwischen Mauer und Spree, entstehen. Zudem soll eine Brücke zum gegenüberliegenden Kreuzberger Ufer geschlagen werden. Die Pläne dafür hatten schon lange in der Schublade gelegen. Doch als es im März 2013 daran ging, für die Baustellenzufahrt Segmente aus dem denkmalgeschützten Mauermahnmal zu nehmen, gab es massive Proteste.

Tausende demonstrierten vor Ort gegen den Abbau der Mauer. Knapp 90.000 Menschen unterschrieben eine Online- Petition, in der zum einen „kein Abriss von Teilen der denkmalgeschützten East-Side-Gallery für private Luxusbebauung“ und zum anderen die Unterlassung sämtlicher Bebauung auf dem ehemaligen Todesstreifen gefordert wurde. Den Höhepunkt erreichten die Proteste, als der amerikanische Schauspieler und Sänger David Hasselhoff extra anreiste und sich auf die Seite der Demonstranten stellte. Hasselhoff genießt einen gewissen Kultstatus in Berlin, seitdem er einst behauptete, sein 1989 erschienenes Lied Looking for freedom habe die Mauer quasi im Alleingang eingerissen. „Dieses Mauerstück hält die Erinnerung an all die Familien am Leben, die damals auseinander gerissen wurden“, sagte Hasselhoff bei seinem Besuch in Berlin. Daher dürfe es nicht angetastet werden.

Doch da war es schon zu spät, die Bauvorhaben wieder abzusagen: Die Grundstücke sind verkauft, die Baugenehmigungen liegen vor. Der Bürgerprotest ist zu spät gekommen. Derzeit wird geprüft, wie man die später nötigen Zu- und Fluchtwege für die entstehenden Bauten so anlegen kann, dass die bereits geschlagenen Löcher in der Mauer wieder weitestgehend geschlossen werden können. Die Bauarbeiten an dem Wohnturm haben mittlerweile begonnen. Um die East-Side-Gallery ist es derweil wieder ruhig geworden. Verschwunden ist der Protest jedoch nicht.

Er hat sich nur verlagert, die Diskussion sich erweitert. Denn die Geschehnisse um das Mauerdenkmal haben deutlich gemacht, was die Berliner derzeit bewegt: Sie fürchten sich vor der Verdichtung der Innenstadt und der Bebauung der letzten Brachflächen, die so lange ein typisches Merkmal für Berlin waren. Die Stadt wächst, die neuen Bewohner brauchen Wohnraum, der ist schon jetzt knapp – die Preise steigen, während die Freiräume schwinden. Vielen Berlinern macht das Angst.