Literatur und Sprache „Sprachpedanten“ nehmen gewichtige Autoren aufs Korn

Das Magazin „Yaowen Jiaozi“ ist für seine unermüdliche Arbeit zur Korrektur chinesischer Veröffentlichungen mittlerweile als „Sprachspecht“ bekannt
Das Magazin „Yaowen Jiaozi“ ist für seine unermüdliche Arbeit zur Korrektur chinesischer Veröffentlichungen mittlerweile als „Sprachspecht“ bekannt | © ImagineChina

Die linguistische Zeitschrift Yaowen Jiaozi (wörtlich: „Durchkauen der Worte“) ist als „Sprachpedant“ renommiert. Nun hat sie zwölf gewichtige Schriftsteller, unter ihnen Mo Yan und Jia Pingwa, herausgefordert.

Bei der Zeitschrift Yaowen Jiaozi, die seit 1995 von der Shanghai Cultural Press herausgegeben wird, handelt es sich um eine ganz besondere kulturelle Monatsschrift. Ihr geht es vor allem darum, die sprachlichen Fehler im medialen Kulturbetrieb und in den Werken bekannter Autoren zu korrigieren. So gilt sie innerhalb der Grenzen Chinas als „Wächter“ über die Qualität der Sprachkultur. Wenn die Zeitschrift Jahr für Jahr „die zehn häufigsten Sprachverstöße Jahres“ und „die zehn wichtigsten chinesischen Modewörter des Jahres“ veröffentlicht, erregt das nationale Aufmerksamkeit.

In diesem Jahr hat sich der auf das Auffinden von Textfehlern spezialisierte „Sprachspecht“ die zwölf Preisträger des Mao-Dun-Literaturpreises herausgepickt. Man werde, so kündigte der Zeitschriftenverlag an, die Meisterwerke von zwölf literarischen Schwergewichten aus China auf Fehler überprüfen und regelmäßig einen „Krankenbericht“ vorlegen.

Auch wenn er gelegentlich für Streit sorgt, gilt der Mao-Dun-Preis in China immer noch als der bedeutendste und als ein in der chinesischen Literaturwelt hoch angesehener Literaturpreis. Er ist der Lorbeerkranz der chinesischen Literatur. Der Preis wurde gemäß dem letzten Willen des chinesischen Dichterfürsten Mao Dun (茅盾) ins Leben gerufen, um zum Schreiben herausragender Romanwälzer zu ermutigen und die Blüte der sozialistischen Literatur Chinas voranzutreiben. Er wird vom Chinesischen Schriftstellerverband organisiert und alle vier Jahre vergeben. In die Auswahl kommen nur umfangreiche Romane, Werke mit über 130.000 Schriftzeichen. 2011 wurde das Preisgeld mit Unterstützung des Hongkonger Finanzmagnaten Li Kai-Shing (李嘉诚) von 50.000 Yuan auf 500.000 Yuan aufgestockt. 

„Die Werke, die mit dem Mao-Dun-Literaturpreis ausgezeichnet wurden, sind sowohl Bücher, in denen das Herzblut der Autoren steckt als auch verlegerische Vorzeigewerke.“ Hao Mingjian (郝铭鉴), ein berühmter Linguist und Chefredakteur von Yaowen Jiaozi, meint, man habe sich erst nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen, die Preisträger des Mao-Dun-Preises unter die Lupe zu nehmen. Schließlich seien die Meisterwerke dieser Autoren zugleich Klassiker der modernen chinesischen Literatur und repräsentierten, was den literarischen Wert, den sprachlichen Anspruch und die verlegerische Qualität angehe, gegenwärtig das höchste Niveau. Gerade deswegen habe die Überprüfung von bekannten Werken der Autorenstars eine besonders beispielhafte Bedeutung für die Reinigung des gesamtgesellschaftlichen Sprachusus und für den standardisierten Gebrauch von Sprache und Schrift. 

Nach einer ersten „Diagnose“, erklärt Hao Mingjian, habe sich herausgestellt, dass es in den Werken der Schriftsteller-Koryphäen viele unkorrekt verwendete Wörter, Schriftzeichenfehler und Wissenslücken gebe. Verkehrt gebrauchte chinesische Sprichwörter seien ein häufiges Phänomen. Einige Schriftzeichen würden so falsch verwendet, dass sich ihre Bedeutung ins Gegenteil verkehre und der Leser ratlos davor stehe. Beispielsweise habe der Schriftsteller Mai Jia (麦家) in seinem Roman In the Dark aus einem „Schlafredner“ (梦呓) irrtümlicherweise eine „Erscheinung im Schlaf“ (托梦) gemacht. Der Autor Alai (阿来) verwechselte in Roter Mohn „unvernünftig“ (不可理喻) mit „unvorstellbar“ (不可思议) und Chi Zijian (迟子建) sprach in Last Quarter of the Moon fälschlicherweise von „Wiederbelebung“ (起死回生) statt von „Wiedergeburt“ (死而复生).

Warum gehen chinesische Schriftstellergrößen so nachlässig mit ihren eigenen Werken um? Hao Mingjian zufolge hat jeder Mao-Dun-Preisträger zweifelsohne seinen ganz unverwechselbaren Stil. Doch verglichen mit manchen literarischen Meistern der älteren Generation, die es im Umgang mit der chinesischen Sprache zur Perfektion gebracht hätten, seien bei ihnen falsch verwendete Wörter und Fehler, die auf Wissenslücken zurückzuführen seien, relativ häufig. Das könne daran liegen, dass die zeitgenössischen Schriftsteller, die in den 50er oder 60er Jahren des letzten Jahrhunderts geboren wurden, in ihrer Jugend alle möglichen kulturellen Kampagnen über sich ergehen lassen mussten und in einer Zeit der „kulturellen Diskontinuität“ aufgewachsen sind. Einige hätten keine vollständige Bildung erhalten, so dass ihr Grundlagenwissen über die traditionelle Kultur lückenhaft geblieben sei. Ihr Gefühl für Sprache und Schrift sei mehr oder weniger unzureichend ausgebildet.

Der Schriftsteller Mo Yan, der 2012 unter anderem für seine Romane Das rote Kornfeld und Große Brüste und breite Hüften mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, besuchte als Kind die Grundschule in seinem Heimatdorf und brach die Schule ab, als sich dort die „Rebellenbrigade Distel“ organisierte. Mo Yan wurde als Talent an der Kunsthochschule der Volksbefreiungsarmee in die Abteilung für Literatur aufgenommen. Später arbeitete er wegen der Kulturrevolution noch einmal viele Jahre auf dem Land und war Hilfsarbeiter in einer Baumwollfabrik. Er trat in die Volksbefreiungsarmee ein und arbeitete schließlich als Bibliothekar. An Mo Yans Bildungshintergrund und seinen Lebenserfahrungen zeigt sich im Kleinen, was einer ganzen Schriftstellergeneration widerfahren ist. Tatsächlich ist der Bildungsstand der meisten wichtigen chinesischen Schriftsteller nicht gerade hoch, aber dafür haben sie einen großen Schatz an Lebenserfahrung. Beispielsweise hat Alai, der in seinem Roman Roter Mohn über die Kultur und Legenden Tibets schreibt, nur eine Ausbildung zum Chinesischlehrer. Der Autor Liu Xinglong (刘醒龙) schloss lediglich die Oberstufe der Mittelschule Hongshan im Kreis Yingshan in der Provinz Hunan ab, um anschließend in einer Ventilfabrik zu arbeiten.

Die Offensive von Yaowen Jiaozi hat viel Staub aufgewirbelt. Manch einer gab zu bedenken, diese Aktion könne dem Ansehen der chinesischen Schriftsteller schaden. Doch Hao Mingjian ist der Ansicht, die Autoren würden die wohlmeinende Kritik verstehen. Indem man auf die Fehler hinweise, wolle man schließlich „niemanden demaskieren, sondern einen Beitrag leisten“. Auf der einen Seite wolle man die Schönheit und Reinheit der chinesischen Sprache bewahren und andererseits die Klassiker der zeitgenössischen chinesischen Literatur von ihren Schönheitsfehlern befreien. Das sei literarische Kosmetik, um den wertvollen Werken noch mehr Glanz zu verleihen.

Erfreulicherweise haben viele der chinesischen Literaturgranden auf den „Angriff“ aus der Redaktion von Yaowen Jiaozi positiv reagiert. Sie haben gezeigt, dass sie Format haben und die Sache gut geheißen. Jia Pingwa war der erste, der Stellung bezog, nachdem er informiert worden war: „Vielen Dank für eure Korrektur!“, antwortete er in einer E-Mail. Alai konterte schlagfertig: „Beißt euch ruhig die Zähne aus. Nur zu, danke!“ Und Mo Yan reagierte ganz ehrlich und offen: „Gerne! Informiert mich über das Ergebnis, wenn ihr soweit seid, damit das in der nächsten Auflage korrigiert werden kann.“ Die Autoren Liu Xinglong und Liu Jianwei (柳建伟) haben die „Korrektur-Aktion“ nicht nur begeistert begrüßt, sie gaben sich sogar als Fans der Zeitschrift Yaowen Jiaozi zu erkennen. Liu Jianwei meinte, er sei stolz darauf, dass er in die Mangel genommen werde: „Als Schriftsteller muss man der Sprache und Schrift des Vaterlandes voll Ehrfurcht begegnen und die Muttersprache ehren, man muss sie bei seinem Leben verteidigen, ansonsten könnte die nationale Kultur großen Schaden nehmen.“