Stadtgeschichten: Beijing Chinas Manhattan-Projekt

Vor Beginn wurden die Kosten für das Bauvorhaben in Yujiapu auf 200 Milliarden CNY geschätzt
Vor Beginn wurden die Kosten für das Bauvorhaben in Yujiapu auf 200 Milliarden CNY geschätzt | © Lui Chen

Das rasante Tempo und der Umfang von Chinas Bauvorhaben sind mittlerweile bekannt, aber trotzdem noch Ehrfurcht einflößend, amüsant und manchmal erschreckend. Kürzlich eröffnete das größte Gebäude der Welt in Chengdu. Zum Ende des Jahrzehnts werden uns die Immobilienentwickler Yujiapu präsentieren, Chinas ganz eigenes Manhattan.

Etwa eine Metrostunde vom Zentrum Tianjins entfernt liegt Yujiapu (于家堡). Auf halber Strecke zum Ostchinesischen Meer befindet sich in diesem unscheinbaren Teil Chinas viertgrößter Metropole der „Neue Stadtbezirk“ Binhai. Durch dieses Regierungsprojekt soll in dem ehemaligen Fischerdorf nichts Geringeres als das größte Finanzzentrum der Welt entstehen. Der Yujiapu-Distrikt soll 2019 fertig gestellt sein, sich über 3,86 Quadratkilometer erstrecken und das berühmte Original in seiner Größe noch übertreffen, obwohl die derzeitige Gesamtbürofläche von 15,2 Millionen Quadratmetern „nur“ ein Drittel der Manhattans ausmachen wird.

Selbst für ein Land, das für seine Nachbauten westlicher Wahrzeichen bekannt ist – von der Replik des österreichischen Alpendorfes Halstatt in der Provinz Guangdong bis hin zu nicht weniger als vier Kopien des Weißen Hauses in ganz China –, erreicht das Bauvorhaben in Yujiapu ein ungekanntes Ausmaß, denn nun soll tatsächlich ein ganzes Viertel kopiert werden. Und nicht nur irgendein Viertel, sondern das vielleicht berühmteste der Welt. Zu den reproduzierten Baudenkmälern, die derzeit errichtet werden, gehören zwei Wolkenkratzer, die den ursprünglichen Twin Towers des World Trade Centers nachempfunden sind, ein Kulturzentrum, das auf dem Lincoln Center for the Performing Arts beruht, eine Version des Rockefeller Centers und das große Vorzeigeobjekt: das Rose Rock International Finance Centre, ein 588 Meter hoher Wolkenkratzer, der selbst das höchste Gebäude der westlichen Hemisphere, das One World Trade Center in New York, überragen wird. Doch das Megaprojekt besteht nicht einfach aus billigen Kopien des Originals, zu den Entwicklern gehören Größen wie Tishman Speyer und die Rose Rock Group, also dieselben Namen, die für die Errichtung der originalen New Yorker Kultbauten verantwortlich zeichnen.

Wer also zieht die Strippen hinter diesem Zeugnis der Gigantomanie? Und warum entsteht der Distrikt am Rand einer Stadt, die selbst im Schatten Pekings steht? An der Finanzierung dieses Projektes, das im Rahmen von Wirtschaftswachstums-Initiativen in der Regierungszeit von Hu Jintao (胡锦涛) auf den Weg gebracht wurde, soll der ehemalige Bürgermeister von Tianjin, Zhang Gaoli (张高丽), beteiligt gewesen sein, der nun als Chinas Vizepremier in Peking sitzt. Das Bauland gehört der Stadt, die damals für das nötige Kapital sorgte, indem sie es an die Immobilienentwickler für ein Vielfaches des Wertes verkaufte und gleichzeitig als Kreditsicherheit einsetzte. Am Anfang des Bauvorhabens schätzte man die Kosten für Yujiapu auf etwa 200 Milliarden Yuan, eine Summe, die sich seitdem deutlich erhöht haben dürfte. Um das Projekt weiterhin zu finanzieren, wurden Darlehen in Höhe von fast einer halben Billiarde Yuan aufgenommen, was der Hälfte des jährlichen Pro-Kopf-Einkommens der 13 Millionen Einwohner der Stadt entspricht. Eine derart hohe Verschuldung gemahnt nur allzu deutlich an die Lehren aus den geplatzten Immobilienblasen der vergangenen Jahre. Trotzdem gehen die Bauarbeiten in Yujiapu weiter, wenn auch nicht in einem so halsbrecherischen Tempo wie erwartet.

Bei einem kürzlichen Besuch an einem diesigen und feuchten Sommernachmittag bildete allein die Anzahl der Gebäude, etwa fünfzig noch im Rohbau befindliche Wolkenkratzer, einen atemberaubenden Anblick. Von dem Prunkstück des Finanzdistrikts, dem 588 Meter hohen Wolkenkratzer, sowie von den Straßen und übrigen Gebäuden war vielleicht etwas mehr als die Hälfte errichtet. Der Staub und die schlechte Sicht ließen keine rechte Vorstellung davon aufkommen, wie sich dieser Ort in nur wenigen Jahren ausnehmen wird. Die einzigen Anzeichen von Leben waren eine am Uferstreifen angepflanzte Baumreihe sowie das Lärmen der Bauarbeiter, die größtenteils in körperlicher Arbeit und unter Einsatz von leichtem Gerät Ziegel schleppten und Erdreich aushoben. Offenbar war keiner der Hunderte von Kränen in Gebrauch. Ob es sich dabei um eine kurze Arbeitspause oder eine langfristige Einstellung der ernsthaften Bauarbeiten handelte, war schwer einzuschätzen. Tatsächlich glich der Gesamteindruck einer postapokalyptischen urbanen Landschaft oder dem leeren Gefühl, in einem Videospiel durch eine virtuelle Stadt zu fahren.

Zu ebener Erde ließ sich eine Ähnlichkeit mit der Skyline von Manhattan kaum ausmachen. Vielleicht, weil es mit Manhattan letztlich doch wenig gemein hat, außer einer Wolken verhangenen Silhouette und ein vages Streben danach, zum wichtigsten Finanzzentrum der Welt zu werden. In jeder anderen Hinsicht ist es eine ganz eigene Schöpfung, die aus dem Nichts und ohne Vergangenheit oder allmähliches Wachstum entsteht. Sie beruht lediglich auf einem eilig gefassten Beschluss aus höchsten Regierungskreisen, mit dem man Chinas Fähigkeit demonstrieren will, im größtmöglichen Maßstab des vom Menschen Erreichbaren zu denken und zu handeln.

Werden sich die investierten Milliarden rentieren? Kann man ein Weltfinanzzentrum von Grund auf neu bauen? Ist dies überhaupt das Ziel? An welchem Punkt stoßen Nachahmung und ein solch gewaltiger Einsatz von Ressourcen an ihre Grenzen? Die Antworten sind wohl ebenso unklar wie die sommerliche Dunstglocke über der Skyline von Yujiapu.