Stadtgeschichten: München Stadt nehmen und geben

Courtesy: Agnes Förster/4architekten
Courtesy: Agnes Förster/4architekten

„Stadtgeschichten“-Kolumnist Thomas Lang trifft die Architektin und Stadtplanerin Agnes Förster.

Langsam verschwimmen die Türme der Frauenkirche im Horizont. Es ist ein trüber Tag und einer der kältesten in diesem Winter in München. Ich sitze in einer alten Tram und fahre stadtauswärts. Es gibt nur noch wenige der alten Bahnen mit ihren Holzschalensitzen, unter denen dicke Heizzylinder sitzen, ihren steilen Einstiegstufen und den altmodischen, von Teleskopstangen geschützten Gelenken. Auch die ehemalige Bilderrahmenfabrik, die ich nun betrete, mit den dünnen Wänden und der Einfachverglasung zeugt von einem anderen Zeitgeist. Hier liegt die Arbeitsstätte der 4architekten.Ich folge einer der Gründerinnen, Agnes Förster, in den Besprechungsraum. Er ist hoch und licht, aus den Fenstern schaue ich über eine rissiges Bitumendach auf einen Hof, in dem gestern noch die Lkws zum Laden gestanden haben könnten. Förster ist die Stadtplanerin im Team. Seit 20 Jahren lebt sie hier. Ich frage sie, ob München eine schöne Stadt ist. Sie lächelt nachdenklich. Ihre Antwort differenziert meine Frage. Die Innenstadt mit den markanten Straßen, Plätzen und Monumenten, nach den Zweiten Weltkrieg weitgehend auf dem historischen Grundriss wiederaufgebaut – das ist das schöne München, von dem man spricht. Die Außenstadt dagegen mit ihren Wohnbauten der Fünfziger- bis Achtzigerjahre bietet nicht mal landschaftlich viel Besonderes. Die Region, besonders der Süden mit den Seen und Bergen, gilt wiederum als bereichernd.

Wenn allerdings am Wochenende alle rausfahren, wird die schöne Umgebung beinah zum Verhängnis. Riesige Infrastrukturen wie die Autobahnen oder touristische Einrichtungen vor Ort verbrauchen einen Teil der schönen Landschaft. „Wer nicht rausfährt, muss sich fast schon rechtfertigen“, pointiert Förster den Münchener Wochenend-Trend. Sie denkt, dass München ein Grünraumsystem braucht. Die Menschen sollen sich ohne Auto, am besten zu Fuß in die Freizeit bewegen können. Dazu braucht es mehr als isolierte kleine Parkanlagen. Andererseits gilt es, auch im innerstädtischen Raum Freizeitmöglichkeiten anzubieten. Etwa auf dem Dach der neu zu bauenden Großmarkthalle könnte eine Fläche von fünf Fußballfeldern in diesem Sinn gestaltet werden.

Aber der Druck auf der Stadt ist groß. Im Vergleich zu anderen deutschen Metropolen hat München eine geringe Fläche. Neue Viertel verschlingen immer auch Erholungsflächen wie die Landschaftsräume im Münchner Nordosten, für die neue Wohngebiete entwickelt werden. Die Stadt prosperiert und wächst wie wenige in Westeuropa. Der Raum um München ist aber schon besetzt von ländlichen Gemeinden und kleineren Städten. In diesem Bereich ist Kooperation gefragt. Gewachsene Städte wie Freising, Fürstenfeldbruck oder Starnberg könnten die Funktion von Subzentren übernehmen und so die Münchner Innenstadt entlasten. In München selbst heißt das Thema der Stunde Nachverdichtung. Hier sieht Förster vor allem in der Außenstadt Potenziale. An größeren Straßen könnten höhere Häuser Lärm eindämmen. Städtebauliche Fehler wie die Entmischung von Wohnen, Einkaufen, Gewerbe und Bildung ließen sich durch eine Nachverdichtung zum Teil beheben. Aber Förster sieht die dichtere Stadt nicht als Nonplusultra. Die geringere Größe und Dichte im Vergleich zu etwa Paris oder London, empfinden viele in München als Qualitätsmerkmal – ebenso die im Vergleich zu diesen Megastädten immer noch günstigen Preise.

„Man darf Stadt nicht nur als bauliche Frage auffassen“, sagt Förster. „Es geht darum, sie als urban, angenehm und lebendig - einfach als lebenswert zu empfinden.“ In der Vergangenheit habe das häufig nicht funktioniert, obwohl man die neuen Quartiere nach allen geltenden Standards gebaut habe. Es geht aber darum, nicht ausschließlich zu betrachten, wie Menschen die Stadt quasi konsumieren. Wo sie gern sind, geben sie mit ihren Aktivitäten der Stadt etwas zurück. Das „brodelnde, innovative Miteinander“ nennt Förster das. So etwas lässt sich nicht einfach in ein Viertel hineinplanen. Deshalb ist für Förster die Sicht der Stadtnutzer eine wichtige Ressource bei der Planung. „Stadt nehmen und geben“, ist ihre Formel dafür.

Zumindest in den nächsten 25 Jahren wird das für München die große Herausforderung sein. Wie wird die Stadt im Jahr 2050 aussehen? Förster wünscht der Stadt für die Zukunft mehrere markante Zentren, „keine Schlafstädte, sondern wirklich lebenswerte, dichte, gemischte und auch grüne Quartiere.“

Auf dem Rückweg ins Zentrum, in der ruckelnden, sich schnell füllenden Tram sitzend, denke ich, dass es zu dieser Zukunft noch ein weiter Weg ist.

Dr. Agnes Förster leitet das STUDIO | STADT | REGION als Geschäftsfeld von 4architekten. Sie studierte an der TU München und der École Polytechnique Fédérale de Lausanne Architektur. 2000-2001 arbeitete sie am Innenstadtprojekt „Fünf Höfe“ im Architekturbüro Herzog & de Meuron mit. Ihr Tätigkeitsfeld umfasst Wohnungsbau und Stadt- und Regionalentwicklung. Seit 2005 arbeitet Dr. Förster auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Raumentwicklung der TU München. Für ihre Forschungsarbeit erhielt sie den Promotionspreis des Bundes der Freunde der TU München.