Fokus: Demografie Städte für die neue Gesellschaft

Anna-Haag-Mehrgenerationenhaus in Stuttgart
© Sozialer Arbeitskreis Anna-Haag-Haus e.V.

Die demografische Entwicklung in Deutschland wirkt sich auch auf die Stadtentwicklung in Deutschland aus. Doch die Bauwelt reagiert nur zögerlich auf die veränderten Wohnbedürfnisse von Singles und Senioren.

Immer dramatischer klingen die von der Wissenschaft verkündeten Erkenntnisse und Prognosen der demografischen Entwicklung in der Europäischen Union und speziell in Deutschland. Grundlegende Reformen der Sozialsysteme scheinen unumgänglich, doch die Politik reagiert zögerlich bis hinhaltend. Auch in der Wohnungswirtschaft, die nach dem weitgehenden Rückzug des Staats aus der Wohnungsförderung heute auf privatwirtschaftliches Engagement angewiesen ist, zeigt sich noch keine generelle Trendwende.

Die demografischen Veränderungen wirken sich auf Stadtplanung und Architektur vor allem in zweifacher Hinsicht aus: Bevölkerungsabnahme, Wanderungsbewegungen und mancherorts Zuwächse haben städtebauliche Konsequenzen. Sich verändernde Altersstrukturen und Haushaltsgrößen hingegen haben Auswirkungen auf den nachgefragten Wohnungsschlüssel und auf die Wohnformen.

Abwanderung im Osten

Entvölkerung ist vor allem ein Problem in den meisten Städten der ehemaligen DDR. Aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Perspektiven ziehen vor allem junge, besser ausgebildete Menschen und überdurchschnittlich viele junge Frauen in prosperierende Regionen Westdeutschlands. Der Aderlass führt dazu, dass außerordentlich viele Wohnungen leer stehen. Hinzu kommt ein Wandel in der Nachfrage: Die Plattenbausiedlungen haben massiv an Zuspruch verloren. Die notwendig gewordenen Rückbauszenarien reichen vom Abriss ganzer Siedlungen über das Ausdünnen bis zum Rückbau zu kleineren Einheiten, wie es der Architekt Stefan Forster in Leinefelde mit seinem preisgekrönten Projekt gezeigt hat. Da die Wohnblocks aus den sechziger bis achtziger Jahren ohnehin saniert und vor allem durch neue Fassaden und Heizungssysteme energetisch nachgerüstet werden müssen, werden sie vielfach umgebaut, Geschosse werden abgetragen, Baukörper variiert, Wohnungsgrößen verändert. Nach Aufwertung des Wohnumfeldes und der Freiflächen sowie Ergänzung fehlender Infrastruktureinrichtungen sollen die Wohngebiete mit erheblich verbesserter Wohnqualität die Abwanderung aufhalten. Ein Problem bleibt allerdings ungelöst: Bei geringerer Bewohnerdichte sind Verkehrserschließung und technische Infrastruktur überdimensioniert. Leitungsnetze werden im Unterhalt zu teuer oder müssen, wie beim Abwasser, geringer dimensioniert erneuert werden, um überhaupt zu funktionieren.

Doch auch die eigentlich beliebten Stadtviertel aus der Gründerzeit stehen leer, verfallen und werden abgerissen, wie etwa in Leipzig. „Shrinking Cities“, schrumpfende Städte, war eine von der Bundeskulturstiftung finanzierte Initiative, die sich dieser Probleme angenommen hat, mit den ostdeutschen Städten als Ausgangspunkt und dem Blick in andere europäische Länder und selbst in die USA. Der Analyse folgten Wettbewerbe zur Problemlösung, die künstlerische Handlungskonzepte, die Unterstützung lokaler Gruppen, architektonische, landschaftliche und mediale Eingriffe bis hin zu neuen gesetzlichen Regelungen und utopischen Entwürfen hervorbrachten.

Sonderfall Berlin

Ein Sonderfall ist die Hauptstadt Berlin, wo die Innenstadt mit den Gründerzeitwohngebieten einerseits einen Nachfrageboom erlebt und alle verfügbaren Baulücken und Restflächen als begehrtes Bauland hoch gehandelt werden, andererseits aber in den östlichen Trabantenstädten 100.000 Wohnungen leer stehen. Die Zeit des Flächenwachstums und der Ausweisung neuer Wohngebiete am Stadtrand scheint vorbei. Konzentration, Konsolidierung und Gentrifizierung stehen auf der Agenda des Stadtumbaus.

Veränderungen am Wohnungsmarkt

Für den Wohnungsmarkt prognostizieren die Demografen einen stetig wachsenden Anteil an Single-Haushalten und an Kurzzeitwohnenden sowie an Häusern, in denen mehrere Generationen miteinander leben. Wenn die Architekten hierauf noch nicht im wünschenswerten Maß reagieren, so deshalb, weil es keinen hinreichenden Druck aus dem Markt gibt, denn der Mensch ist gewohnt, sich auch in wenig passenden Wohnverhältnissen einzurichten: Als Single kann man sich auch in der Vierzimmerwohnung wohlfühlen, „Boarding Houses“ für Geschäftsleute zum dauerhaften oder temporären Wohnen mit Serviceangeboten sind kein spezifischer Bautypus und lassen sich fast überall einrichten. Neubauvorhaben in Innenstadtquartieren werden allerdings weitgehend mit den gesuchten und gut vermietbaren Single-Wohnungen geplant.

Als Mehrgenerationenhaus wiederum kann das mehrgeschossige Stadthaus genauso dienen wie die üppige Landvilla. Infolgedessen sind es auch weniger die Bauherren, die solche Wohnformen bei Architekten in Auftrag geben, sondern es bedarf vielmehr eines Impulses aus dem politischen und gesellschaftlichen Bereich, um diese zukunftsträchtige Wohnform zu fördern, wie z.B. das „Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser“ des Bundesfamilienministeriums.

Wird neu gebaut, dann oft in der Form von genossenschaftlich organisierten Baugruppen. Ein Beispiel für so ein genossenschaftliches Projekt mit 30 Wohneinheiten, bei dem das Raumprogramm auf die Sondernutzung zugeschnitten wurde, ist Amaryllis in Vilich-Müldorf bei Bonn. Architektonisch disziplinierter erscheint das von einem sozialen Arbeitskreis getragene, von den Architekten Aldinger & Aldinger entworfene, dreigeschossige Anna-Haag-Haus in Stuttgart, das sich um einen Marktplatz gruppiert und mit Bildungseinrichtung, Pflegestation, Kindergarten sowie Frisör und Cafeteria die notwendige Infrastruktur bereithält.

Da sich die Definition des jungen Begriffs noch nicht verfestigt hat, werden auch Häuser wie das elegante „Mehrgenerationenhaus“ in Reutlingen von Braun Associates Architekten Stuttgart so bezeichnet, die für mehrere Generationen einer Familie konzipiert sind. Auch dies ist vielleicht ein neuer Trend im Gefolge des demografischen Wandels.

Doch die Entwicklung galoppiert nicht. Drei Jahrzehnte hat es gedauert, bis sich ökologische und energiesparende Bauweisen durchgesetzt haben. Die Reaktion der Bauwelt auf den demografischen Wandel wird sich nicht rascher vollziehen.