Fokus: Fußball Deutsche Nationalmannschaft: "We are family"

Deutschland ist Weltmeister! Zugleich feiert auch eine postnationale Weltfamilie ihren Sieg.

Der folgende Beitrag erschien erstmals in der Wochenzeitung Die Zeit vom 17. Juli 2014. 

  • Jerome Boateng und seine Tochter © ImagineChina
    Jerome Boateng und seine Tochter
  • Mario Götze, Bastian Schweinsteiger und Per Mertesacker © ImagineChina
    Mario Götze, Bastian Schweinsteiger und Per Mertesacker
  • Trainer Joachim Löw umarmt Kanzlerin Angela Merkel © ImagineChina
    Trainer Joachim Löw umarmt Kanzlerin Angela Merkel
  • Lukas Podolski mit seinem Sohn Louis © ImagineChina
    Lukas Podolski mit seinem Sohn Louis
  • Bastian Schweinsteiger mit dem Sohn von Miroslav Klose © ImagineChina
    Bastian Schweinsteiger mit dem Sohn von Miroslav Klose
  • Schlussjubel: Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger © ImagineChina
    Schlussjubel: Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger
  • Mario Götze mit seiner Freundin Ann-Kathrin Brömmel © ImagineChina
    Mario Götze mit seiner Freundin Ann-Kathrin Brömmel

Zwei kleine Mädchen klettern auf ihrem völlig erledigten Vater rauf und runter, bis sie, vor den Augen von ein paar Milliarden Menschen, beide gleichzeitig auf seine dunklen Arme passen: silbern die Sandalen des einen Kinds, mit bunten Lederbommeln dran die des anderen, Soley und Lamia, die dreijährigen Zwillinge von Jérôme Boateng, wie wir jetzt alle wissen. Bis ein paar Minuten zuvor hatte der noch als Innenverteidiger Manuel Neuer dabei geholfen, Lionel Messis Bälle von der Torlinie fernzuhalten, mit Erfolg, ohne Foul.

Nächstes Bild: Jetzt sind die Zwillinge barfuß, die Sandalen liegen wohl irgendwo auf dem Rasen herum, und nun reiten die Mädchen Huckepack auf dem Rücken von Mario Götze, Preis: 37 Millionen Euro auf dem Transfermarkt vor der WM, und auf dem Rücken von dessen auch nicht ganz billiger Model-Freundin, die offenbar Ann-Kathrin Brömmel heißt, wie man jetzt weiß – dabei hat doch eben erst, sieben Minuten vor dem Abpfiff, derselbe Mario Götze einen Ball von Schürrle auf die Brust genommen und ihn dann, wie übergangslos, mit einem Volley ins Tor segeln lassen. Der amerikanische Nachrichtensender CNN hat dazu ergriffen gesagt, die Schönheit sei ins Spiel eingezogen! Beauty! Nicht fragwürdiges Geld, nicht stählerner Kampf, sondern die lateinamerikanischste aller Eigenschaften: Schönheit. Ein paar Minuten nach diesem Tor in der 113. Minute also harmoniert Götzes selig glühendroter Jungmännerkopf aufs Hübscheste mit dem hellbraunen Kindergesichtchen von Boatengs Zwillingsmädchen auf seinem Rücken.

Das war gerade erst. Jetzt sind die Spieler auf dem Weg in den Urlaub, die Fanmeile ist geschafft, und Angela Merkel war natürlich 24 Stunden früher zurück in Berlin als die Männer aus der Kabine, die Arbeit macht ja nicht ewig Pause.

Aber die Ewigkeit, was ist mit ihr? Es sind die ewigen Bilder jener Mitternacht europäischer Zeit im Stadion von Maracanã, die bleiben. Denn dort wird eine Weltpremiere uraufgeführt, in deutscher Besetzung: Zum ersten Mal endet eine Fußballweltmeisterschaft mit Bildern des postnational Familiären. Sie lassen auf einen Streich und vor aller Augen das stur Biedere hinter sich, das nach 1945 Deutschlands Enge ausgemacht hat: das identitäre Muster aus Nation, Kleinfamilie samt Ehe, weißer Hautfarbe, christlicher Religion, deutscher Muttersprache, eiserner Disziplin.

Und ein winziges bisschen verschwimmen sogar, in diesem so unfassbar frauenlosen Männerkosmos, die Konturen des hypermännlichen Fußball-Geschlechts, wenn Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski, die alten Kumpel, auf dem Stadionrasen ihr Fast-echte-Küsschen-Spiel spielen und es sogleich um die Welt twittern. Seit Titan Kahn nach dem Finale von 2002 wie erschlagen am Pfosten seines Tores saß, weil er einen Ball nicht festhalten konnte, ist die nationale Selbstfindung stetig unterwegs zu diesen Bildern jenseits der einfachen Identitäten. Nun kann jeder sie sehen.

Doch es ist mehr als das. Natürlich, wer sentimentale Erfolge erzielen will und die sogenannten Herzen erobern, weiß: Kinder, Tiere und keusche Küsschen gehen immer. Aber dieser Erfolg ist ja nicht sentimental. Der Kindskopf Podolski, der bei der WM 2006 noch vor allem die Geschichte des erfolgreichen polnischen Aussiedlers repräsentierte und deshalb fortgesetzt übers Feld rannte, wurde während dieser brasilianischen WM fast nie eingewechselt – und ist ein Sieger gleichwohl.

Es spielt sich gelassener ohne nationalen Rettungsauftrag

Längst ist er Vater und hat seinen Sechsjährigen dabei, mit dem er, als das Stadion sich bereits leert, noch die Gelegenheit nutzt, Elfmeterschießen zu üben. Vater Podolski im Tor, kleiner Podolski am Ball. Man sieht: Aus Kindern werden Leute, wenn eine Demokratie ohne Krieg im eigenen Land, über Jahre hinweg, für Gelassenheit sorgen kann. Und wenn man nicht mehr, wie die armen Brasilianer, als Messias mit nationalem Rettungsauftrag auf den Platz muss: Wer erinnert sich, wie David Luiz nach dem 1 : 7 unter Tränen sagte, er habe sein leidendes Volk trösten wollen?

Die Aufmerksamkeit der Kameras sucht die Neufamiliären unter den Weltmeistern

Es mag angesichts der politischen Nachrichtenlage eine fast zynische Ungerechtigkeit sein, aber es trainiert und spielt sich entspannter, wenn kein Spieler oder Trainer fürchten muss, von enttäuschten Fans erschossen zu werden, falls mal ein Spiel algerienhaft an ein Debakel grenzt. Weil jeder der deutschen Spieler dies wirklich weiß, war auch keiner dabei, der nach dem Debakel Brasiliens sich im Wortlaut vertan hätte. Jene zehn Jahre harter Arbeit, von denen Joachim Löw nun so unspektakulär sprach, um den vierten deutschen Weltmeistertitel zu charakterisieren, hat die Mannschaft zum Erwachsenwerden genutzt: nah beim Publikum, das auch Harry Potter, Ron und Hermione, Band für Band, heranwachsen sah, bis die Zauberkinder aus dem Gröbsten raus waren. Als brauchte die Welt nichts dringender als Bilder von einer nicht sinnlos verstreichenden Zeit.

Schweinsteiger bückt sich, um mit dem kleinen Podolski zu sprechen

Deshalb sind es im Flutlicht von Maracanã nicht die Stars, die Solisten, die nach dem Abfiff im Mittelpunkt stehen, sondern die kurios neuartigen Grüppchen des Familiären. Auch wenn manche modeldünn gehungerte Spielerfrau den goldenen Cup selfiegewiss ans Herz drückt wie den schweißnassen Liebsten – die Aufmerksamkeit der Kameras sucht hier doch lieber die Neufamiliären unter den Weltmeistern: Sie ruht auf den Tränen eines tiefernsten Miroslav Klose, von dem bis zum Überdruss wiederholt wurde, dass er nun 36 sei und als Einziger den WM-Marathon seit 2002 bergan gelaufen, nun sieht man, mit wem: den Zwillingen Noah und Luan sowie deren Mutter. Die Kameras ruhen auch auf einem frisch unter dem Auge getackerten Bastian Schweinsteiger, der sich bückt, um auf Augenhöhe mit dem kleinen Podolski ein paar ungestörte Worte zu wechseln. Und sie ruhen auf Boateng, dem Mann, der zwei kleine Mädchen gleichzeitig tragen kann, bis sie auf Mario Götzes Rücken umsteigen. Alles in allem: ein Team.

Was ist die unheimliche Zauberei des 7:1 und was das Jungssommermärchen von 2006 gegen die Realität aus tiefenentspannten Weltmeistern, die zur Feier ihres hart erarbeiteten Sieges vor der Weltöffentlichkeit anderer Leute Kinder auf dem Rücken spazieren tragen?

Als habe irgendein verborgener Gott den Soziologen den Auftrag gegeben, man solle doch mal utopischerweise versuchen, die Theorien der postnationalen Konstellation (Jürgen Habermas) und der Kosmopolitisierung der Familie (Ulrich Beck) zusammen in ein Bild zu setzen, war es auf dem Rasen von Maracanã zu sehen: We are family, we are Weltmeister aller Herkünfte, aller Formen von Familien, und also ist für die Zeit, die das Spielen währt, auch die Weltgesellschaft, in der solche Bilder entstehen, wie ein Meister zu feiern.

Und Deutschland? Freut sich unbändig, ist müde und geht wieder an die Arbeit. Vorbei, endlich vorbei: Wir sind vier Wochen lang, schlaflos glücklich, zugleich Trainer, Fan, Torwart, Zuschauer, Spielerfrau, alles in einem, gewesen. Es wurde Zeit für den Abpfiff, für Normalität.

Nur hat sich die Normalität selbst verändert. Ungezählte Kinder dieser Weltgesellschaft, die jetzt in die Vereine und auf fußballtaugliche Plätze strömen, um zu trainieren, um groß, um einzig zu werden, vielleicht gar ein echtes Team, sind heute so vernetzt und zugleich so wettbewerbsfixiert wie nie. Wie hoch konkurrente Geschwister. Sie wollen ein Leben, das etwas bedeutet. Und sie haben seit dem Finale ein familiäres Versprechen vor Augen, das nun das reiche Deutschland verkörpert.

Mit diesen Bildern im Kopf ziehen sie bald auf den Weltarbeitsmarkt, der kein Spiel ist. Sie wissen: Im Maracanã lagen das Spiel und die Wirklichkeit einen ewigen Moment lang ganz nah beieinander. Da hat der kleine Podolski den Ball unten links in die Ecke geschlenzt, unhaltbar, und sein Vater, der alte Podolski, hat sich zum Ball geworfen und war nur mit den Fingern noch dran.