Boom der Online-Literatur in China Eine blühende Landschaft?

Online Literatur
Online Literatur | Illustration: xMx (罗亮亮)

Der im Januar 2015 vom China Internet Network Information Center (CNNIC) vorgelegten Statistik zufolge lag die Zahl der chinesischen Internetuser, die Online-Literatur lesen, Ende 2014 bereits bei 293 Millionen. Zwar ist die digitale Revolution ein globales Phänomen, doch in China erlebt die virtuelle Literatur eine besondere Blüte. Was sind die Gründe dafür? Die Ursachenforschung führt uns zu den speziellen Produktions- und Verwaltungsmechanismen des chinesischen Literaturbetriebs.

Im traditionellen chinesischen Literaturbetrieb nehmen Literaturzeitschriften in ihrer Doppelfunktion als Fundament und zentrales Bindeglied eine Schlüsselposition ein. Nach der Gründung der Volksrepublik waren der Verband für Literatur und Kunst (文联) sowie der Chinesische Schriftstellerverband (作协) die Zentralgestirne im Grundgefüge des zeitgenössischen Literaturbetriebs, während die von den lokalen Unterorganisationen der Verbände herausgegebenen Literaturzeitschriften den Nährboden bildeten. Es entstand eine vernetzte Struktur, die eng auf die staatlichen Verwaltungsebenen und das planwirtschaftliche System abgestimmt war. Bei den Literaturmagazinen als den zentralen Knotenpunkten literarischer Produktion liefen die zwei großen Stränge von Produzenten und Rezipienten zusammen: Der Kreis der Autoren und der Kreis der Leser. Nur solange Quantität und Qualität beider Gruppen gegeben waren und der literarische Metabolismus funktionierte, konnte eine nachhaltige literarische Entwicklung garantiert werden. Im Zuge der die gesamte chinesische Gesellschaft erfassenden marktwirtschaftlichen Transformation kam es in der Beziehung zwischen Literaturzeitschriften und den beiden Gruppen seit Mitte der 1980er Jahre jedoch zu einem schweren Bruch. Mit zunehmender Marktorientierung tendierte die Magazinliteratur immer mehr zur Marginalisierung, Überalterung und Nischenexistenz. Tatsächlich wurde sie ihrer Funktion einer „Mainstream-Literatur“ kaum mehr gerecht.

Die Anfänge der Internetliteratur

In diesem stark vereinheitlichten chinesischen Literaturbetrieb verhält sich die Internetliteratur wie ein Fisch, der immer wieder durch die Fangnetze schlüpft. Dabei gibt es über die Anfänge der Online-Literatur in China unterschiedliche Aussagen. Eine Zeitrechnung beginnt mit dem Jahr 1998, als sich der bei der Online-Plattform BBS zwischen März und Mai erschienene Fortsetzungsroman The First Intimate Contact (《第一次的亲密接触》) von Riffraff Tsai (蔡智恒), Doktorand an der taiwanischen National Cheung-Kung University (台湾成功大学), im chinesischen Netz rasant verbreitete und im darauffolgenden Jahr auch in Buchform reißenden Absatz fand. Auch ich würde mich dieser Zeitrechnung anschließen, weil hierbei das Gewicht nicht auf den Part Autor und Produktion, sondern auf den von Rezipient und Verbreitung gelegt wird. Und eben hier sehe ich die Trennlinie zwischen der Internetliteratur und der auf einen exklusiven Leserkreis zielenden Literatur traditioneller Print-Medien. Über Riffraff Tsai kamen die Leser des chinesischen Festlands erstmals in einen „intimen Kontakt“ mit der Online-Literatur. Das Lesen und Kommentieren von Romanen im Internet wurde für einen Teil der jungen Netizens zu einer Form der literarischen Partizipation und zu einem neuen Lebensstil. Auf das Aufkeimen der Internetliteratur um das Jahr 1998 folgte deren schnelle Entwicklung. Dabei durchlief die Online-Literatur einen Prozess, der bei der Selbstfindung und Experimentierfreude begann und bei Kommerzialisierung und der Gründung von Verlagsgruppen endete. Im Verlauf ihrer dynamischen Entwicklung etablierte die Online-Literatur nicht nur allmählich ein eigenständiges Betriebsmodell sowie ein in sich funktionierendes System von Schreiben, Lesen, Teilen und Bewerten sondern bildete auch Standards über die Auswahl der literarischen Ressourcen und die literarische Bewertung aus.

Die Entwicklung zum Mainstream

Für die Entwicklung der Online-Literatur war die erfolgreiche Einrichtung eines kostenpflichtigen VIP-Leseservices im Jahr 2003 ein äußerst entscheidender Schritt. So kam es zu einem internen Kreislauf zwischen der Produktion und dem Konsum virtueller Literatur. Gestützt auf die Produktionsmechanismen dieses internen Kreislaufs und getrieben vom Überlebenskampf tendierte die Internetliteratur bald zur Genrebildung. Die aus der Freude der „Jungen Literaturgeneration“ an künstlerischer Selbstverwirklichung entstandene bunte Vielfalt des Schreibens wurde von den Genre-Romanen überdeckt, die sich zudem immer mehr spezialisierten. Zu dieser Zeit begann sich das Verhältnis zwischen Internet- und Print-Literatur allmählich umzudrehen. Die bei Online-Schriftstellern lange verbreitete Überzeugung, “man könne es nur zu etwas bringen, wenn man auf Papier verlegt würde“, hielt sich lediglich noch als träges Denkmuster. Tatsächlich diente das Internet nicht nur als Fundgrube für die Inhalte der gedruckten Publikationen, es wurde auch zu deren Inspirationsquelle und Testgebiet. Die vereinten Kräfte von Websites und kommerziellen Verlagshäusern brachten jedes Jahr eine neue Bestseller-Welle der Genre-Literatur hervor: 2005 war das “Jahr der Fantasy und Illusionen“ (unter anderem mit dem Martial-Arts-Roman Zhuxian, 《诛仙》); 2006 das „Jahr der Grabräuber“ (unter anderem mit The Secret of Grave Robber, 《盗墓笔记》) und 2007 das „Jahr der Zeitreisen“.

Vom Internet-Hype bis zum Bestseller in den Buchläden vergingen jeweils ungefähr zwei Jahre und bis zur Ausstrahlung der Verfilmung dauerte es noch einmal drei bis fünf Jahre. Startling by Each Step (《步步惊心》, 2005 erstmals erschienen auf jjwxc.com) und Empresses in the Palace (《后宫·甄嬛传》, 2006 erstmals erschienen auf 17k.com) waren Jahre zuvor gefeierte Internet-Romane, bevor sie im Jahr 2011, dem „Geburtsjahr der Internetliteratur“, erfolgreich als Film gezeigt wurden. Durch die Buchpublikationen und die adaptierten Filmfassungen entwickelte sich die ursprünglich als minderwertig angesehene Online-Literatur allmählich zum Mainstream. Nachdem das klassische Lesepublikum die Internetliteratur kennen und lieben gelernt hatte, wurde die „Zeitverschiebung“ zunehmend kürzer. Der Fortsetzungsroman im Internet, Buchveröffentlichung, Filmausstrahlung, Bühneninszenierungen als Theaterstück und die Adaption als Manga oder Computerspiel  bilden heute eine perfekte Produktionskette, bei der das Internet ganz am Ursprung steht.

China: ein idealer Nährboden

Wir wollen noch einmal aus der Perspektive der medialen Revolution analysieren, warum die Internetliteratur gerade in China auf so fruchtbaren Boden gefallen ist. In Europa, den USA, Japan und Südkorea, also in Gesellschaften mit einer äußerst entwickelten populären Kunst und Literatur, waren die auf die einzelnen Medien abgestimmten Produktionsmechanismen der Populärkultur schon vor Anbruch des Internetzeitalters relativ ausgereift. Beispiele hierfür sind die Produktionsabläufe für Genreromane in Buchform, für Film- und Fernsehadaptionen, Comic und Manga. Auch im virtuellen Zeitalter blieben diese Mechanismen aktiv und konnten die Nachfrage des Publikums zum größten Teil befriedigen. Selbst nach der notwendigen Anpassungsphase an die Online-Medien bewiesen Kreative, Unternehmer und Publikum eine relativ hohe Kontinuität. Das Internet als neuartiger medialer Raum konnte sich in seiner Entwicklung auf die ihm am meisten angemessenen Kunstformen konzentrieren, die sogenannte „ACG“-Kultur (Anime, Comic, Games). Die Literatur als ausgesprochen papierlastige Kunstform hielt sich – abgesehen von vereinzelten Texten der Avantgarde und den Dojin-Fanzirkeln (bei denen Fans die Geschichten kommerzieller Mangas und ihrer Figuren weiterschreiben) – meist an die altbewährten Mechanismen der Bucherfolge. Seit vielen Jahren liefern angloamerikanische Beststeller die inhaltliche Vorlage für Hollywoodfilme oder für Serien und Computerspiele aus den USA und Großbritannien. Auch sehen Erfolgsautoren ihre Gewinne aus dem Copyright besser gewahrt, solange sie dem Bereich der Print-Publikation treu bleiben. Wobei das Hauptaugenmerk dabei noch nicht einmal dem Buch-Copyright gilt, sondern dem „IP“, ein Begriff, um den es 2014 auch in der chinesischen Online-Literaturszene einen regelrechten Hype gab. Schließlich geht es um das „IP“, also das „Geistige Eigentum“, wenn ein Werk für diverse Kanäle – etwa für Film, Fernsehen, Spiele oder Comics - umfassend adaptiert wird.

Die Entwicklungsumstände chinesischer Internetliteratur stellten sich allerdings ganz anders dar. In dem erst spät modernisierten und sozialistischen Land setzten die marktwirtschaftlich basierten Mechanismen für Bestseller und deren Filmverwertung erst mit einiger Verzögerung ein und blieben lange unterentwickelt. Die ACG-Kultur wurde sogar erst in den letzten Jahren ein Thema. Als sich mit dem Internet plötzlich ein „freier Raum“ öffnete, wurde die niedrigschwellige Online-Literatur mit ihren unbegrenzten Talentressourcen zur ersten Wahl. Die Internetliteratur verleibte sich mit der Genreliteratur nicht nur das größte Stück Kuchen des Print-Marktes ein, sondern wurde darüber hinaus in Form von ACG und Verfilmungen, noch mit einem kulturellen Zuckerl aus dem Ausland belohnt. Zahlreiche wichtige Autoren sowie eingefleischte Fans der Online-Literatur waren seit Jahren Anhänger von angloamerikanischen oder japanisch-koreanischen Serien und der ACG-Kultur. Auf diesem idealen Nährboden brach für die Entwicklung der chinesischen Internetliteratur ein goldenes Jahrzehnt an. Dass auf eine Initialzündung ein kometenhafter Aufstieg folgt, ist normal. Doch ebenso, dass solch ein Glück nicht von Dauer ist.

Die Ambiguität der Internetliteratur

Das größte Paradoxon der Internetliteratur liegt in der Ambiguität ihrer „Netzartigkeit“: Einerseits befreit sie die Virtualität aus der materiellen Gebundenheit der Print-Medien, woraus sich eine für pabierbasierte Literatur unvorstellbare Vitalität ergibt; andererseits kann die Literatur als Nachkömmling der Print-Kultur im Internetzeitalter ihre führende Position nicht behaupten. Allerdings gibt es nach gut zehn Jahren chinesischer Online-Literatur mittlerweile ein komplettes Produktionssystem sowie eine vielfältige Fankultur. So hat die Internetliteratur alle Voraussetzungen, zu einem Brutkasten im  Zeitalter „medialer Verschmelzung“ zu werden. Begierig saugt sie die Errungenschaften der analogen Zivilisation auf, experimentiert mit neuen Züchtungen und brütet neue mediale Produktionsmechanismen im Sinne der ACG aus. Gleich einem idealen Ökosystem führt sie der Literatur Ressourcen wie Inhalte, Autoren und Fans zu. Als „zweite Heimat“ der Print-Kultur hat die Internetliteratur zwar gute Voraussetzungen, aber auch noch einen langen und schweren Weg vor sich.