Stadtgeschichten: München Immer wieder raus

Pollys Band Pollyester
Pollys Band Pollyester | Foto: Markus Burke

Die Musikerin und Künstlerin Polly schätzt das Offene und nicht Vordefinierte.
 

Als wir aus dem Auto steigen, sprüht feiner Regen auf uns herab. Vor uns liegt eine weite, beinah öde Fläche. Links begrenzen eine Reihe Neubauten das Areal, dahinter ragt der Fernsehturm in den diesigen Himmel. Rechts ist ein Waldstreifen zu erkennen. Beinah verloren auf dem großen Gelände weidet ein Schäfer seine kleine Herde. Ich folge Polly über einen Wall aus lockerer Erde über den moosweichen, mit braunem Gras bewachsenen Boden zu einer losen Gruppe Kiefern. Hier hält sie sich gern auf. Es ist ein Zwischenort, nicht Wald, aber auch nicht freies Feld.

Polly mag diese riesige Brache im Münchener Norden gerade deshalb, weil sie so wenig gestaltet ist. Vor vierzig Jahren war hier ein militärisches Übungsgelände, und von daher rührt der Name, den das Areal bis heute trägt: Panzerwiese. Wo früher Krieg gespielt wurde, sollten Mitte der 1990er-Jahre Wohnhäuser entstehen. Einem Gutachten zufolge lebten auf dem Gelände 23 bedrohte Pflanzen- und 35 bedrohte Tierarten. Deshalb wurde nur der südliche Teil des Geländes bebaut. Der nördliche Teil steht seit 2002 unter Naturschutz.

In früheren Jahren fuhren auch Leute mit Autos oder Motorrädern auf das Gelände. Es war und ist viel Platz da, eine „unverhältnismäßig große Fläche, die frei bleiben darf und ungekämmt ist, unbehandelt, nicht angelegt“, sagt Polly. Die Panzerwiese ist weder Park noch Wald, sie ist ein Stück Natur, und doch urban. Eine „Stadtwüste“, nennt sie den Ort, in der man „keine Logik erkennt“. Warum stehen dort Bäume und hier nicht? Woher kommt plötzlich diese Schafherde?

Polly gefällt es, dass das Areal immer noch Panzerwiese heißt, obwohl der Kontext sich verändert hat. Früher kam sie oft her, um zum Beispiel Aufnahmen für ihre künstlerischen Videos zu machen. Dann geriet der Ort für sie in Vergessenheit. Aber seit einiger Zeit hat sie ihn wiederentdeckt als einen Raum, „wo Sachen entstehen können und wo man sich frei bewegen kann.“

Diese Offenheit und Freiheit findet ihren Widerhall auch in  Pollys künstlerischer Arbeit. Für sie fängt das damit an, sich im Leben Freiheit zu nehmen, etwa nicht festangestellt und weisungsgebunden zu arbeiten, sondern auf die kreative Idee zu warten, die sie dann unbedingt realisieren muss. Genau wie die Panzerwiese wollen solche Ideen entdeckt werden. Sie bilden die Grundlage für Pollys komplexe Kunstkonzepte.

Polly hat zwei Jahre Jazz-Kontrabass studiert, dann aber abgebrochen. Sie hat eine eigene Band – Pollyester, mit der sie viel tourt. Ihren Musikstil nennt sie „Munich Disco“. Gleichzeitig ist sie noch an anderen Formationen beteiligt. Das ist typisch für die Münchener Musik-Szene: Es gibt relativ wenige Leute, die dafür sehr gut vernetzt sind und sehr unterschiedliche Sachen miteinander machen. Charakteristisch für Polly ist die kollektive Arbeitsweise. Vieles entsteht im Austausch mit anderen Künstlern.

In den letzten Jahren schreibt Polly häufig Theatermusiken. Am Münchener Residenztheater hat sie zum Beispiel die Musik für Katrin Rögglas „Kinderkriegen“ geschrieben. Im Maximiliansforum inszenierte sie das Musik-Happening „Pollys Parking Lot“. Jahrelang organisierte sie eine monatliche Party („Zombocombo“), bei der es schrill und hysterisch zuging – mit Lust an Rollenspielen und auch Destruktion. „Ich war Anfang zwanzig und wollte gern auf Partys gehen. Wir fanden aber in unserer Stadt nicht so viel, was uns interessiert hat.“ Deshalb machten Polly und ihre Freunde selbst Party.

Zuletzt war sie in Mexiko, um einen Film zu drehen. Es geht darin um den „Dia de los Muertos“, die mexikanische Toten-Fiesta, und wie dieser Tag dem katholischen „Allerheiligen“ gegenübersteht. Der Film soll 2016 rauskommen und wird außerdem vielleicht in ein interdisziplinäres Bühnenprojekt übersetzt.

Die vielen Flüchtlinge, die derzeit auch nach München kommen, bewegen sie sehr. Polly musste im Alter von elf Jahren selbst über Nacht das Land verlassen. Damals kam sie mit Ihrer Mutter von Minsk nach München. Sie findet es wichtig, dass jetzt jeder etwas tut, damit die Situation sich entspannt. „Ich habe alles, was an Sachen abkömmlich war, gespendet.“ Sie hat auch schon Benefiz-Konzerte gegeben, eines etwa für Flüchtlingshelfer in Passau. Aber sie will ihr Engagement nicht an die große Glocke hängen. „Hilfe“, sagt Polly, „ist etwas, das man im Stillen tut.“

Dass manche Leute von der Lage der Flüchtlinge kaum berührt werden, findet sie kaum nachvollziehbar. „Es ist nicht so schwierig, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn man sein Zuhause verliert und dann plötzlich nur mit einem Koffer dasteht oder vielleicht mit gar nichts.“ Das Trauma der Entwurzelung hat für Polly dauerhafte Auswirkungen gehabt. Sie will es sich nirgendwo mehr richtig bequem machen. Sie hat zwar Gefühle für den Ort, an dem sie lebt, aber sie will ihn nicht als garantierte Größe in ihrem Leben ansehen. Da taucht ein Stück Panzerwiese im Innern auf - viel Platz muss bleiben für Überraschungen, wenig darf festgelegt oder bereits fertig sein. Über die Stadt, in der sie lebt, sagt sie schließlich noch: „So sehr ich München liebe, muss ich doch immer wieder hier raus.“