Fokus: Dada Vom Sinn des Unsinns

Vom Sinn des Unsinns
Vom Sinn des Unsinns | Illustration und Copyright: DOON 東

Der Kurator Wang Dong nimmt die Meaningless Corporation zum Anlass, über den Sinn zu räsonieren und ihn in Frage zu stellen.
 

Die Menschheit hat sich schon immer im Zentrum des Kosmos gesehen. Kraft ihrer Subjektivität hat sie in allem Möglichen Sinn gesucht und Sinn gestiftet. Im engeren Sinn ist „Sinn“ allen Dingen und Lebewesen unserer Welt zu eigen; das heißt, dass alles Dasein einen Sinn hat. Mit anderen Worten: Dinge, die für einen Teil der Subjekte keine Bedeutung haben, können für andere womöglich äußerst bedeutsam sein. Der Sinn kann also je nach Zeit, Raum und Mensch variieren. So ist etwa die Tätigkeit der Abfallbeseitigung für einen Müllmann durchaus sinnvoll, wohingegen Müll per se keinen Sinn mehr hat.

In den Händen des chinesischen Künstlers Song Dong (宋冬) allerdings werden auch die Fragmente weggeworfener Türstöcke aus Abbruchhäusern oder leere Flaschen Duschgel durch die Transformation der künstlerischen Sprache zu Kunstwerken. Sie regen uns dazu an, über die Erneuerung der Metropolen und über unser Gesellschafssystem nachzudenken und in einem weiteren Schritt zu überprüfen, welche Bedeutung die Materie an sich für uns hat.

Song Dong, Surplus Value ©Wang Dong
Song Dong, Surplus Value

Im weiteren Verständnis ist „Sinn“ schon immer mit Machtverschiebungen und gesellschaftlichem Wandel Hand in Hand gegangen. Sie stützt sich auf Zivilisationsordnungen und gesellschaftliche Funktionssysteme mit den ihnen zu eigenen Prinzipien und Regeln. Tatsächlich aber verhält es sich so, dass von den prähistorischen Zeiten bis zur heutigen technologisch hochentwickelten Zivilisation die von uns als „sinnvoll“ erachteten Methoden gesellschaftlicher Produktion und Distribution einer über die Mehrheit der Menschen herrschenden Minorität stets als mächtiges Instrument und Argument dienten. Durch den permanenten Fortschritt und Wandel des Gesellschaftssystems legt sich der Mantel der Zivilisation in Form von Gesetzen, Regeln und Systemen immer schwerer auf unsere Schultern. Ein neues System und Regelwerk ersetzt ganz selbstverständlich das nächste. Damit einher geht ein an den neuen „Sinn“ angepasster Katalog an neuen Lebensweisen und sozialen Regeln.

Bei der Meaningless Corporation (无意义公司) handelt es sich um eine von Brother Nut (坚果兄弟) im Jahr 2015 durchgeführte Kunstperformance. Für die von dem Künstler offiziell registrierte Firma wurden über das Internet in einer öffentlichen Stellenausschreibung Leute gesucht, die zwei Stunden am Tag unsinnige Arbeiten zu verrichten hatten. Das Projekt war auf eine Dauer von 30 Tagen angelegt, wobei täglich eine sinnentleerte Tätigkeit auf dem Programm stand. So sollte man etwa seine Haare auf dem rechten Bein zählen, einer Kakerlake applaudieren oder einem Fisch das Lachen beibringen.

  • April 13, 2015, Yao Yao, <i>Counting the Hairs on one’s own Right Leg</i> image copyright: Nut Brother
    April 13, 2015, Yao Yao, Counting the Hairs on one’s own Right Leg
  • April 16, 2015, Si Ning, <i>Teaching a Fish to Smile and Laugh-1</i> image copyright: Nut Brother
    April 16, 2015, Si Ning, Teaching a Fish to Smile and Laugh-1
  • April 16, 2015, Si Ning, <i>Teaching a Fish to Smile and Laugh-2</i> image copyright: Nut Brother
    April 16, 2015, Si Ning, Teaching a Fish to Smile and Laugh-2
  • April 18, 2015, Zhang Kaiqin, <i>Applauding a Cockroach-1</i> image copyright: Nut Brother
    April 18, 2015, Zhang Kaiqin, Applauding a Cockroach-1

Interview

Wang Dong: Kannst Du uns die Rahmenbedingungen deines Projekts Meaningless Corporation vorstellen?

Brother Nut: Ich habe die Meaningless Corporation am 26. März 2015 beim Bureau of Trade & Industry in Shenzhen offiziell als Shenzhen Meaningless Company Limited registriert. Im April habe ich dann insgesamt 37 Teilzeitangestellte, darunter eine Katze, angeheuert, die 30 sinnlose Arbeiten durchgeführt haben. Die Teilzeitkräfte haben zwei Stunden pro Tag gearbeitet und dafür 100 Yuan bekommen.

Wie kamst Du auf die Idee so eine Firma zu gründen?

2014 war ich in Shanghai auf Jobsuche und habe dabei viel über den Sinn von Arbeit nachgedacht. Das war wahrscheinlich der Ausgangspunkt, der mich auf die Idee für dieses Kunstprojekt brachte. Meiner Meinung nach sollte der Mensch nicht arbeiten müssen.

Wie stellst Du Dir denn den Idealzustand der Gesellschaft vor?

Als einen recht ursprünglichen Daseinszustand. Es gäbe wenige Menschen und reichlich Obst. Hätte man Hunger, würde man sich einfach eine Frucht vom Baum pflücken und sich im Übrigen mit seinen Mitmenschen amüsieren. Man müsste keine Vorkehrungen für die Zukunft treffen.

Du kommst von der Jobsuche im modernen Leben auf die Frage nach dem Sinn der Arbeit und landest auf einmal wieder beim Urzustand der Menschheit. Wie siehst Du die Entwicklung der Menschheit von ihrer Urform bis heute?

Ist die Evolution nicht häufig das Ergebnis eines Zufalls? Es mag auf ihrem Weg einige Weggabelungen gegeben haben, aber die Evolution hat ausgerechnet die Abzweigung in unsere heutige Welt genommen und sich dann immer mehr in unsere Richtung entwickelt. Mag sein, dass diese Entwicklung per se ein Fehler war.

Manchmal kann man sich schon nach dem Sinn der Arbeit fragen. Täglich aufs Neue essen, schlafen, ins Büro gehen, Geld verdienen, konsumieren, existieren...

Das Leben hat einen fest im Griff!

Ja, es ist stressig. Aber wäre es andererseits nicht noch belastender, wenn man kündigen würde und kein Geld mehr hätte? Das gesamte Gesellschaftssystem würde nicht mehr normal funktionieren.

Ganz genau! Deshalb befinden wir uns heute in einem hermetisch abgeschlossenen System. Du kommst ihm nicht einfach so aus.

Du hältst Arbeit teilweise für sinnlos. Hätte es für Dich denn mehr Sinn, nicht arbeiten zu müssen und vollkommen frei zu sein? Würde es die Welt nicht in einen Zustand der Lähmung versetzen, wenn, so wie Du es andenkst, alle Menschen auf der Welt ihre Hände in den Schoss legen würden?

Ich will ja auch nicht sagen, dass man gar nicht arbeiten soll. Mir geht es um die Frage, ob man sich eine Arbeit suchen sollte, die Spaß macht und mit der man obendrein noch Geld verdienen kann.

Inwiefern bist Du mit dem Dadaismus vertraut? Denkst Du, dass Deine künstlerische Arbeit eine Verbindung zum Dadaismus hat oder von ihm beeinflusst ist?

Ich weiß nicht viel über den Dadaismus. Ich denke, dass ich persönlich einfach einen  starken Freiheitsdrang habe. Sinnlosigkeit ist für mich ein Thema, weil die Angestellten vieler Firmen ihren Job heutzutage als äußerst uninteressant empfinden. Der Broterwerb zwingt sie einfach dazu. Viele fristen in diesem System ein freudloses Dasein. Außerdem sind ihre Alternativen begrenzt. Das Volk lebt in Angst und Sorge. 

Liegt das nicht vielleicht auch daran, dass wir es nicht geschafft haben, das System selbst in die Hand zu nehmen?

Gut möglich. Ich hatte das Gefühl, dass bei dem Kunstprojekt Meaningless Corporation die Teilnehmer viel Spaß an den sinnlosen Dingen hatten. Der Andrang auf den Job war sehr groß. Ich denke, darin zeigt sich auch ein latentes Problem in Leben und Wirklichkeit unserer Gesellschaft.

William Kentridge, <i>The Refusal of Time</i> William Kentridge, The Refusal of Time

Im Dadaismus der westlichen Kunstgeschichte wurden die Wertvorstellungen der Bourgeoisie und das althergebrachte System von einer Handvoll junger Leuten, welche die Verheerungen des Ersten Weltkriegs erlebt hatten, in Frage gestellt. Das von ihnen verinnerlichte Grauen und ihre Wut haben eine siebenjährige dadaistische Bewegung in Gang gesetzt. Auch wenn Nut Brother mit dem westlichen Dadaismus nicht vertraut ist, steht schwingt in seiner gegenwärtigen künstlerischen Praxis der dadaistische Geist von vor hundert Jahren mit. Ihnen allen ist dabei zu eigen, dass sie sich vor ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund ein eigenes Urteil bilden, das sie in wirkungsvolle Aktionen umsetzen. Diese Skepsis und Kritik gegenüber dem gegebenen System und Regelwerk ist die Inspiration und Motivation für die menschliche Gesellschaft und Zivilisation, um sich über die Negation beständig weiter zu entwickeln und zu wandeln. Der Künstler Nut Brother führt uns in realiter dreißig völlig sinnentleerte Tätigkeiten vor. Dabei richtet sich die Klassifizierung als „unsinnige“ Arbeit natürlich nach den Normen des geltenden Gesellschaftssystems. Indem wir jeden Tag frühstücken, arbeiten, zu Mittag essen, wieder arbeiten, Feierabend machen, Abend esse und schlafen folgen wir dem Modell eines „zeitgemäßen Lebens“ wie es die moderne Gesellschaft vorgibt. Das ganze erinnert an William Kentridge, der in seiner Installation The Refusal of Time über Zeit sinniert: „Auch wenn wir in den zivilisierten Gesellschaften Uhren haben, um die Zeit festzuhalten, ist das, was wir brauchen Zeit. Wo ist, frage ich Sie, nur all die Zeit geblieben?“