Fotojournalist Zhang Lei Vielleicht sind wir nicht sentimental genug

Haze in China
Haze in China | ©Zhang Lei

Zhang Lei (张磊), Pressefotograf der Tianjin Daily (天津日报), hat mit seinem Foto „Haze in China“ (中国雾霾) 2016 in der Kategorie Contemporary Issues den ersten Preis der World Press Photo Foundation gewonnen. Die Online-Redaktion des Goethe Instituts traf ihn zu einem Gespräch.

Zhang Lei verfolgt mit der Fotografie den Ansatz, „die Welt ein bisschen schöner zu machen“. Einmal dahingestellt, ob er dieses Ziel erreicht, zumindest in seinen Aufnahmen ist es ihm gelungen.

Die Verdichtung der Stadt

Immer wieder richtet Zhang Lei sein Objektiv auf seine Heimatstadt Tianjin; fest entschlossen, auch die verborgenen Seiten dieser sich rasant entwickelnden Großstadt, sichtbar zu machen. Die zwei untenstehenden Aufnahmen entstammen seiner Fotoserie Dense City (密集城市). Auch wenn Wolkenkratzer in chinesischen Städten omnipräsent sind, selten wirkten sie so beklemmend wie auf diesen Bildern.
 

  • Dense City ©Zhang Lei
    Dense City
  • Dense City ©Zhang Lei
    Dense City

„Der besondere Blickwinkel auf die Gebäude hat sich ganz zufällig ergeben, als ich Aufnahmen auf einem Hochhaus in Tianjin machte. Ein Freund von mir hatte sich gerade ein starkes Teleobjektiv gekauft. Ich probierte es aus und war überrascht, wie vollkommen anders alles durch diese Linse wirkte. Die räumlichen Distanzen verkürzten sich und wirkten durch den Sucher stark komprimiert“, erzählt Zhang Lei. Abgesehen von dieser Verdichtung haben die bienenwabenförmigen Strukturen auch etwas Trauriges an sich. Hinter den kleinteiligen Fenstern verbergen sich unzählige Familien, wobei jeder Raum wiederum den Großteil eines Menschenlebens umfasst. Von einer höheren Warte aus betrachtet stellen sich bei uns durch die Fotografien überraschenderweise auch Assoziationen von Flucht und Freiheit ein. Ein unangenehmer Gedanke drängt sich auf: Soll das alles in unserem Leben gewesen sein? Dabei ist „Freiheit“ nach Zhang Leis Verständnis nichts anderes als „die Fähigkeit, deine Ideen dein Handeln bestimmen zu lassen.“

<i>Platz-Tanz</i> ©Zhang Lei
Platz-Tanz

Hochstimmung auf Chinas Plätzen

Das obenstehende Bild zum Thema „Tanzen auf öffentlichen Plätzen” entstand auf dem Yinhe Plaza (银河广场) in Tianjin. Auch wenn der sogenannte „Platz-Tanz“ (广场舞) als typisch chinesische Aktivität der Generation 50plus in der Vergangenheit immer wieder auf Unverständnis gestoßen ist, ist er letztlich aus dem Alltagsleben der chinesischen Stadtbewohner nicht mehr wegzudenken. „Die auf den öffentlichen Plätzen in den Städten tanzenden Menschen haben mir vor Augen geführt, was Enthusiasmus und Beharrlichkeit ist“, meint Zhang Lei. Selbst wenn Smog den Himmel verdüstert - die bereits in die Jahre gekommenen Hobbytänzer lassen sich von Wind und Wetter nicht abhalten. Zhang Lei hat gar nicht so sehr das Gespräch mit den älteren Leuten gesucht: „Tatsächlich wollte ich sie nicht stören. Wenn ich in ihre selbstvergessenen und zufriedenen Gesichter blickte, hatte ich das Gefühl, dass darin schon alles enthalten ist. Heutzutage ist das Leben der Senioren oft sehr einsam. Der Platz-Tanz ist für sie eine Form, sich zu entspannen und zwischenmenschliche Kontakte zu pflegen.“ Indem sie zur Musik das Tanzbein schwingen, lassen sie die Alltagssorgen eine Zeitlang hinter sich. Das ist vielleicht das Geheimnis, warum der Platz-Tanz bis in die heutige Zeit überlebt hat.

  • Utility Workers in the Mountains ©Zhang Lei
    Utility Workers in the Mountains
  • Utility Workers in the Mountains ©Zhang Lei
    Utility Workers in the Mountains
  • Utility Workers in the Mountains ©Zhang Lei
    Utility Workers in the Mountains
  • Utility Workers in the Mountains ©Zhang Lei
    Utility Workers in the Mountains

Eine aussterbende Bevölkerungsgruppe

Der Tagelöhner auf dem Bild nimmt seine Mahlzeit in einem provisorisch aufgestellten Zelt zu sich. Die meisten dieser Arbeiter kommen vom Land um in Tianjin einen Job finden. „Um  dort Strommasten zu errichten, müssen die Arbeiter schweres Material auf den Berg schleppen. Und das auf unwegsamen Bergpfaden, die ein normales Fortkommen unmöglich machen. Zudem können auch die Maschinen nicht auf den Berg transportiert werden und so muss alles von Menschenhand bewerkstelligt werden.“

  • Disappearing Coal Worker ©Zhang Lei
    Disappearing Coal Worker
  • Disappearing Coal Worker ©Zhang Lei
    Disappearing Coal Worker
  • Disappearing Coal Worker ©Zhang Lei
    Disappearing Coal Worker
  • Disappearing Coal Worker ©Zhang Lei
    Disappearing Coal Worker
  • Disappearing Coal Worker ©Zhang Lei
    Disappearing Coal Worker
  • Disappearing Coal Worker ©Zhang Lei
    Disappearing Coal Worker
  • Disappearing Coal Worker ©Zhang Lei
    Disappearing Coal Worker
  • Disappearing Coal Worker ©Zhang Lei
    Disappearing Coal Worker
  • Disappearing Coal Worker ©Zhang Lei
    Disappearing Coal Worker

Die Fotoserie Disappearing Coal Worker ist auf den Kohlehalden im Tianjiner Bezirk Heping entstanden. Mithilfe einfacher Vorrichtungen pressen die Kohleverkäufer jeden Tag wabenförmige Kohlebriketts, die sie anschließend auf einer Karre aufschichten. Dann hocken sie am Straßenrand und warten auf Kundschaft. „Die Arbeit des Kohlelieferanten, den ich portraitiert habe, war sehr simpel und bestand nur aus der täglichen Herstellung und Lieferung von Briketts.“ Nachdem man in Nordchina flächendeckend die staatlich betriebene Zentralheizung eingeführt hat, ist das Geschäft der Kohleverkäufer allerdings zum Erliegen gekommen. Für die Arbeiter war das natürlich sehr deprimierend.

Inzwischen gibt es die Kohlehalde nicht mehr und auch die Kohlelieferanten von den Fotos sind in eine ungewisse Zukunft verschwunden. Zhang Lei zufolge ist eine berufliche Veränderung für diese einseitig geschulten Arbeiter äußerst schwierig. Neue berufliche Einsatzmöglichkeiten sind für sie sehr begrenzt. Ihnen steht ein harter Überlebenskampf bevor.

In Über Fotografie schreibt Susan Sontag: „Die Grenze des fotografischen Wissens der Welt ist, dass ein Foto zwar Bewusstsein schaffen kann, es aber nie ethisches oder politisches Wissen sein wird. Das Wissen, das durch Fotografien gewonnen wird, wird immer sentimental sein.” Doch was die sozial engagierte Pressefotografie anbelangt, sind wir vielleicht noch nicht sentimental genug.

Zhang Lei, Jahrgang 1981, kam vor acht Jahren zur Redaktion der Tianjin Daily und arbeitet derzeit als Fotojournalist in deren Bildzentrale. Am 18. Februar 2016 wurden in Amsterdam die Gewinner des World Press Photo Awards bekannt gegeben. Zhang Leis Foto Haze in China, das Tianjin unter einer Smogglocke zeigt, wurde dabei in der Kategorie Contemporary Issues mit dem ersten Preis ausgezeichnet.