Stadtgeschichten: München Am Ort der Musikpause

Henning Sieverts
Henning Sieverts | © Copyright 2015 Jens Vajen

Der Jazz-Musiker Henning Sieverts besucht seit dreißig Jahren dasselbe Café und glaubt an eine wandelbare Welt.

Sonnenschein fällt durch die bis zum Boden reichenden Fenster des Stadtcafés auf den abgetretenen Kopfholzboden. Hier sitzen die Menschen in kleinen Grüppchen oder allein auf schlanken, mit rotem Plüsch überzogenen Sesseln und Sofas an niedrigen Tischen, die an die Fünfzigerjahre erinnern. Schmale, mit schwarzem Glas gedeckte Stehtische schlängeln sich durch den Raum, der sonst vor allem mit einfachen Holztischen und klassischen Café-Stühlen bestückt ist. In einer Glasvitrine werden eine Auswahl von Foccace und Sandwiches sowie französische Patisseriewaren angeboten. Die Kaffeemaschine lärmt häufig, sonst bestimmt das Gespräch der Gäste die Atmosphäre. Viele Münchener kommen gern hierher, um sich zu unterhalten oder auch still in einer der zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, die rund um eine mächtige, dunkelrot gestrichene Säule unweit der Theke hängen.

Henning Sieverts kommt mit eiligen Schritten an meinen Tisch. Er wirft keinen Blick in die Karte, sondern bestellt gleich das Tagesmenü. Seit dreißig Jahren habe sich hier eigentlich nichts verändert, weder die Einrichtung noch die Atmosphäre oder die Küche. Es ist ein Ort, der einem Stammgast nichts abfordert. Wir unterhalten uns beim Essen, denn er muss bald wieder los. Sieverts ist Musiker, Journalist und Vater.

Das Münchner Stadtcafé ist eine Institution im Herzen der Altstadt. Es liegt in einem auf den ersten Blick alt wirkenden Haus, das jedoch erst 1977 gebaut wurde. Es handelt sich um eine Nachbildung des mittelalterlichen Marstalls. Hier treffen Schleppgauben auf Sichtbeton und Sprossenfenster auf Türen mit Aluminium-Rahmen. Hier treffen Kinogänger auf Kleinfamilien und Künstler – ein allmählich ergrauendes Szenepublikum.

In Berlin aufgewachsen und aufs dortige Konservatorium gegangen, an Cello und Klavier ausgebildet, kam Sieverts 1985 in den Süden Deutschlands, um Journalistik zu studieren. Schon damals entdeckte er das Stadtcafé. „Ich habe hier auch für meine Prüfungen gelernt, stundenlang dagesessen und irgendwelche Bücher gewälzt. Heute habe ich Familie, es ist immer viel los. Da habe ich nicht die Zeit, hier so viel rumzuhängen.“

Früher sei er oft mit seinen nun erwachsenen Töchtern hergekommen. Da gab es noch den Spielplatz auf dem St.-Jakobs-Platz, in Sichtweite der Tische, die bei schönem Wetter vor dem Café stehen. Abgesehen davon war der Platz nach seiner weitgehenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang eine städtische Brache. Erst 2008 kehrte mit der Ohel-Jakob-Synagoge und dem Jüdischen Zentrum urbanes Leben hierher zurück.

Der Anlass nach München zu gehen, war für Henning Sieverts der Journalismus. In den bewegten 1980ern politisierte ihn die Friedensbewegung ebenso wie die Berliner Hausbesetzer-Szene. Er engagierte sich für Entwicklungsländer. „Damals dachte ich, Musik hat keine Wirkung, sie verändert nichts.“ Ihn aber drängte es, etwas zu tun. „Ich wollte irgendwie die Welt retten, ganz idealistisch.“ So kam es, dass er nach München ging, um Journalismus zu studieren. „Nach ein paar Jahren schlug das Pendel wieder um. Es ist einfach stimmiger für mich, was ich jetzt mache. Das bin mehr ich.“

So wurde aus Henning Sieverts einer der angesehensten deutschen Jazz-Bassisten und -Komponisten. Seit Anfang der Neunzigerjahre hat er viele wichtige Auszeichnungen erhalten, so beim Jazz-Wettbewerb der „International Society of Bassists“, Förderpreise der Landeshauptstadt und des Freistaats Bayern und den „Echo Jazz“. Er schreibt raffinierte Stücke, die manchmal auf formalen Grundgedanken aufbauen, etwa symmetrischen Tonfolgen, liebt musikalische und Sprachspiele wie eine Melodie, die sich aus dem Geburtsdatum des Komponisten Olivier Messiaen ableitet oder Palindrom-Rhythmen und -titel, etwa „Ubaramarabu“ (das Wort „Marabu“ zuerst rückwärts, dann vorwärts gelesen). Außerdem mag Sieverts ungerade Metren, über die man nur mit hohem artistischem Können improvisieren kann.

Zusätzlich moderiert er regelmäßig Jazz-Sendungen beim Bayerischen Rundfunk und lehrt Jazz-Kontrabass an der hiesigen Musikschule. Er gibt weltweit Konzerte von Ägypten bis Zimbabwe. Bei Auftritten lässt er sich nicht von dem Gedanken an sein Publikum leiten. „Sobald man das macht, verliert die Musik etwas.“ Auch seine Kompositionen entstehen quasi autistisch, wie er salopp formuliert. „Ich sehe eben das Papier und mein musikalisches Universum. Es ist völlig egal, ob es jemand hören will.“ Das Ergebnis ist, wie der befreundete Musiker Peter Fulda es beschreibt, „intelligente Musik, die gleichzeitig kräftig groovt“.

Henning Sieverts ist eben kein Formalist und er liebt sein Publikum. „Wenn Leute sich den ganzen Abend Zeit nehmen und sich zu mir ins Konzert setzen, ist das eine Riesenaufgabe und ein Geschenk. Manchmal kommen Menschen mit strahlenden Augen zu mir und bedanken sich für die schöne Musik.“

Hin und wieder komponiert er sogar hier im Café. Nicht zuletzt deshalb gefällt es ihm, dass hier niemals Musik läuft. Er fragt sich, ob die Leute das komisch finden – ein Musiker, der keine Musik mag. „Aber ich will eben mal eine Musikpause haben.“ Vielleicht wegen dieser spezifischen Atmosphäre fühlt Sieverts sich vom Münchner Stadtcafé ein wenig an die Wiener Kaffeehäuser erinnert, die ja ebenfalls ein guter Nährboden für Kunstwerke sind. Der drahtige Mann, der deutlicher jünger wirkt als seine fünfzig Jahre, bestellt sich noch einen Kuchen und einen Kaffee. Er steht ein bisschen unter Strom, lange wird es ihn nicht mehr an unserem Tisch halten. Dabei ist er jedoch völlig präsent und auf das Gespräch konzentriert.

Was Musik ihm bedeutet, möchte ich wissen. Sieverts erinnert an einen Ausspruch des Filmemachers Godard: Es sei langweilig, politische Filme zu machen, man sollte Filme politisch machen. Ähnlich sieht Sieverts das für seine Musik. Für ihn ist entscheidend, in den Köpfen und Herzen der Zuschauer etwas zu bewegen. „Vielleicht ändert das – wenn auch nur kurz – ihre Wahrnehmung, vielleicht sind sie kurz freundlicher, offener oder haben eine gute Idee.“

Hier ist die Brücke, die vom jungen Idealisten, der die direkte Polit-Arbeit suchte, zu dem reifen Musiker führt, der auf die positive Kraft dessen vertraut, was er so wunderbar kann: Musik machen. – Kann Musik die Welt verändern? Henning Sieverts zögert nicht mit seiner Antwort: „Ja, ich denke schon. Ich hoffe schon.“

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