Fokus: stadtwärts, landwärts Liegt das gute Leben auf dem Land?

Blick auf den Sognefjord, an dem schon Ludwig Wittgenstein Ruhe und Inspiration fernab der Stadt suchte
Blick auf den Sognefjord, an dem schon Ludwig Wittgenstein Ruhe und Inspiration fernab der Stadt suchte | Foto (Ausschnitt): © Colourbox.de

Nicht wenige Deutsche sehen im Landleben den Weg zum wahren Wohlbefinden. Damit stehen sie auch in der Tradition von Philosophen wie Heidegger und Wittgenstein, die sich zum Philosophieren in ihre Landhütten zurückzogen.

„War doch wieder schön heute, oder?“ „Ja, sehr schön!“ Himmlisch schön sogar: ein sonnendurchfluteter Tag, nicht ein einziges Mal die Emails abgerufen (ja, nicht einmal daran gedacht!), sondern selbstvergessen Gras gejätet, Tomaten gepflanzt und später dann, in der Hängematte, stundenlang dem Ballett der Zitronenfalter zugesehen. Wer von uns hätte, auf den von Pappeln gesäumten Straßen zurück in die Stadt, an denen Menschen in Trainingsanzügen Erdbeeren oder Spargel feilbieten, nicht ernsthaft darüber nachgedacht, ob sich die heilende Wirkung einer Landpartie nicht doch auf Dauer stellen ließe? Hätte nicht das Für und Wider solch eines existentiellen Befreiungsschlags abgewogen?

Imaginiertes Wohlbefinden

Welches Versprechen mit einem Leben auf dem Land einhergeht, lässt sich aus Sicht eines heutigen Städters recht präzis angeben: die glücksbefördernde Reduktion des Alltags auf das vermeintlich Wesentliche. Es bedeutet die Entscheidung für Konzentration anstatt Zerstreuung, für konkrete Sinnhaftigkeit anstatt abstraktem Nutzen, für Substanz anstatt Funktion, Dauer anstatt Hast, Muse anstatt (Ohn-)Macht. Muss man im Zusammenhang erst darauf hinweisen, die Zeiten wirtschaftlichen Wachstums seien endgültig vorbei? Ist es mittlerweile nicht sogar empirisch erwiesen, dass ein Mehr an Konsumkraft und Wahlmöglichkeiten gerade nicht zu einem Mehr an Zufriedenheit führt? Dass die Quellen wahren Wohlbefindens mithin ganz woanders zu suchen wären und der Ethos des einfachen Landlebens dabei den einzig nachvollziehbaren Weg weist?

Nicht wenige Deutsche denken und fühlen heute so, genau genommen sogar eine Mehrzahl. Tatsächlich besteht die politisch einzig stabile Meinungsmehrheit der Republik seit Jahren aus einer Gruppe von Menschen, die das gute Leben auf dem Land verortet – einem wertkonservativen Milieu der Klein- und Kleinststädte, das den Sitten und Gepflogenheiten der Metropolen tiefe Skepsis entgegenbringt, und einem neuen großstädtischen Bürgermilieu, das sich bei aller kultureller Offenheit mit beeindruckender Emphase zu den Weisheitstugenden eines nachhaltig imaginierten Landlebens bekennt.

Die neue Resonanz

Es fällt nicht schwer, diese mehr als nur modische Landlust mit zeitgenössischen philosophischen Theorieansätzen ins Gespräch zu bringen. Allen voran ist hier der Philosoph und Soziologe Hartmut Rosa zu nennen, der in seinen jüngsten Forschungen der Frage nachgeht, unter welchen „strukturellen Bedingungen Menschen ein Leben als gelingend oder misslingend erfahren“. Für den in einem Schwarzwalddorf aufgewachsenen Denker liegt der Kern eines guten Lebens in einer „gelingenden Weltbeziehung“, die er unter dem Begriff der „Resonanz“ genauer zu fassen anstrebt. Die Geschichte der städtischen, technischen Moderne ist nach Rosa die einer zunehmenden Beschleunigung und damit einhergehend eines voranschreitenden „Verstummens der Welt“. Da im Zuge unserer kapitalistischen Übersteigerungsslogik ursprünglich „organische Beziehungen“ mehr und mehr durch „mechanische Beziehungen“ ersetzt wurden, kam es im heutigen Subjekt zu einer Art Taubheit – zu einer Kappung der wahrhaften sinnstiftenden Bänder unserer Existenz.

Der Weg zum guten Leben führt aus dieser Sicht klarerweise heraus aus der Mechanik städtischer Gesellschaften zurück in die organische, ländliche Gemeinschaft, weg von der Optionsfülle und fortwährenden Beschleunigung der Metropolen zurück in die vom Dauerdruck befreiten Zonen des Ländlichen.

Rosas musikalische Metapher der wiederherzustellenden „Resonanz“ harmoniert nicht zufällig perfekt mit dem Ideal eines Lebens im „Einklang mit der Natur“. Was diesen Einklang bis heute so ungemein erstrebenswert erscheinen lässt, ist die naturphilosophische Urvermutung, zwischen den Abläufen der Natur und denen des menschlichen Geistes bestehe in Wahrheit eine perfekte Gleichförmigkeit. Ein unglücklicher, kranker oder belasteter Geist ist demnach vor allem rhythmisch verwirrt und muss zur Genesung deshalb nichts anderes tun, als sich in und von der Natur wieder „in Takt“ bringen zu lassen. Als einendes Glaubensbekenntnis aller Landlustigen reicht die Geschichte dieser Überzeugung von den alten Pythagoräern über den Idealismus Friedrich Schellings, der Anthroposophie Rudolf Steiners bis hin zu therapeutischen Ansätzen heutiger Evolutionsbiologen. Freilich hatte sie sich von Beginn mit einigermaßen hartnäckigen Fragen auseinanderzusetzen, wie etwa der, wer oder was in dieser Rede eigentlich mit der „Natur“ gemeint sei (Apfelbäume, Quasare, Krebszellen?) und damit auch, welche natürlichen Gesetzmäßigkeiten und Zeitlogiken wohl als besonders „geistnah“ und also heilsam zu bezeichnen wären.

Die an sich chronisch unscharfe Kategorie des „Landes“ bietet hier einen einleuchtenden Ausweg. Denn was meint die vergleichsweise späte Zivilisationsleistung „des Landes“ anderes als eine Natur, der nach menschlichem Willen alles Unheimliche und konkret Bedrohliche genommen wurde? Was anderes als ein kontrolliertes Idyll, dessen Ziel darin besteht, uns gerade von jener permanenten Überlebensspannung zu entlasten, unter der wir als homo sapiens von reiner Natur aus stünden? Die heutzutage mit dem Ideal des „Lebens auf dem Lande“ verbundenen Entlastungsphantasien reichen vom privaten Reihenhausgrün über die Pachtung eines Schrebergartens, der Wochenend-Datscha im Radius von 20-2000 Kilometer Nähe bis hin zum radikalen Ausstieg in Form einer autarken Biokommune am Ende der Welt. Was diese angestrebten Lebensformen – bei allem möglichen Sarkasmus – aber eint und ihnen philosophische Relevanz verleiht, ist das in unserer Gesellschaft leidvoll verbreitete Empfinden, den Kontakt zu sich selbst, den seinen und seiner Umwelt dauerhaft verloren zu haben. Es ist die die Hoffnung auf die wenigstens partielle Wiederherstellung eines „gelungenen Weltverhältnisses“ im von Rosa beschriebenen Sinne.

Friede den Hütten

Zwischen der Vermutung, unser Kontakt zur Wirklichkeit sei fundamental gestört oder verzerrt und jener Tradition, die wir seit 2500 Jahren „Philosophie“ nennen, besteht mehr als eine lose Verbindung. Genau genommen ist die Ahnung eines vorgängigen, tief greifenden Seins-Verlustes ihr eigentlicher und immer wieder neu zu fassender Ausgangspunkt. Kein Wunder deshalb, dass die beiden Philosophen, die diesem Verlust im 20. Jahrhunderts am tiefsten verspürten, auch zu den großen Stadtflüchtigen ihrer Epoche zählten: Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger. Was diese beiden Giganten des Denkens immer wieder zurück in die Einsamkeit ihrer Holzhütten trieb – Wittgenstein an einen einsamen Fjord in Norwegen, Heidegger in sein Schwarzwälder Refugium oberhalb von Todtnauberg – war die Aufgabe, das fragwürdig gewordene Verhältnis des Menschen zu der ihn einschließenden Wirklichkeit neu zu überdenken und zu klären. Weniger als die konkreten Diagnosen, die bis heute die philosophische Landschaft weltweit prägen, sind an dieser Stelle die unterschiedlichen Existenzziele zu betonen, derentwegen sich beide für ein Hüttendasein auf dem Land entschieden. Wittgenstein zog sich an den norwegischen Fjord zurück, um so weit mit seinen (philosophischen) Problemen „ins Reine zu kommen“, dass er fortan nicht länger über sein Weltverhältnis nachdenken und also philosophieren müsse. Er hoffte nach Klärung aller wesentlichen Fragen ein, wie er es nannte, „anständiges Leben“ führen zu können, dass sich seinen Vorlieben gemäß in konkret sinnvollen, insbesondere handwerklichen Tätigkeiten erschöpfen würde. So notierte er an einem Augustmorgen des Jahres 1937, mitten in der Arbeit an seinen „Philosophischen Untersuchungen“, in sein Notizbuch: „Die Lösung des Problems, dass Du im Leben siehst, ist eine Art zu leben, die das Problemhafte zum Verschwinden bringt.“ Für Heidegger hingegen ging es beim Gang auf die Hütte gerade darum, sich dem philosophischen Fragen ganz und gar zu öffnen – um das heroische Ideal eines Denkens, das im Kampf mit ersten Zweifeln hin und her geworfen wird wie eine Tanne im Sturm: „Aber sobald ich wieder hinaufkomme, drängt sich schon in den ersten Stunden des Hüttendaseins die ganze Welt der früheren Fragen heran, und zwar ganz in der Prägung, in der ich sie verließ. Ich werde einfach in die Eigenschwingung der Arbeit versetzt, und bin ihres verborgenen Gesetzes im Grunde gar nicht mächtig“, fasst er die immer wieder neu zu suchende Intensität eines philosophischen Ergriffenwerdens in ein eindrückliches Bild.

Der Ort der Orte

Wittgensteins und Heideggers Hüttenexistenzen verkörpern zwei Entwicklungsideale, für die auch der gemeine Landfreund heutiger Tage erfahrungsnahe Entsprechungen zu nennen weiß: die freudvolle Selbstvergessenheit eines Tuns, in dem man ganz aufgeht und sich über volle Stunden beglückend selbst vergisst, sowie am anderen Ende des Kontinuums eine innere Einkehr und Ruhe, die überhaupt erst ein tieferes Durchdenken des eigenen Platzes in der Welt ermöglicht. Wäre es zu viel, den Rhythmus eines wahrhaft gelungenen Lebens als ein fortwährendes Pendeln zwischen diesen beiden Formen vollendeter Fokussierung zu imaginieren? Also als ein Reisen zwischen zwei extrem beglückenden Zuständen, in denen unsere Weltbeziehung ganz und gar intakt und mit Sinn erfüllt ist?

Es ist klar, dass dieses Ideal keinen einen und einzigen Erfüllungsort kennt. Andererseits, ganz von der Hand weisen lässt sie sich nicht, die Vermutung, da draußen, auf dem Land, wäre ihm so nahe zu kommen wie nirgends sonst auf der Welt. Oder ist das nur der Eindruck eines Großstädters, der seit mehreren Jahren ziemlich unruhig und zunehmend unentschlossen zwischen Stadt und Land hin und her pendelt?