Fokus: Mauern Eingemauert und frei – Kunst im Gefängnis

Hinterm Horizont
Courtesy: Empfangshalle

Der Künstler ist frei. Die Kunst ist frei. Der Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes schützt die Kunst vor Mauern. Was aber ist, wenn die Kunst freiwillig hinter Gitter geht?

Wenn die Zuschauer nicht in die Konzerthalle oder den Theatersaal gehen können, müssen die Künstler eben zu den Zuschauern kommen. So ist die Logik des Dortmunder Kunst- und Literaturvereins für Gefangene. Sie bringen Kultur hinter Mauern, ein Projekt, das 2009 mit 25 Künstlern startete. Mittlerweile treten jedes Jahr ungefähr 120 Musiker und Entertainer in 12 Bundesländern vor den Insassen auf.

Häufig sind es Coverbands, die spielen, manchmal treten Bauchredner oder Improvisationstheatergruppen auf. Dann können die Insassen für ein paar Songs ihre Strafe vergessen oder vielleicht sogar Lust auf ein neues Hobby nach der Haft bekommen. Zauberer kommen gut an – denn über ihre Tricks können auch die Insassen staunen, die kein Deutsch verstehen.

Ohne Attitüden in den Bau

Auch wenn die die A-Cappella-Band Stimmrecht über die Dortmunder Initiative gebucht wurde, wird sie vor jedem Auftritt genau kontrolliert. Alle müssen ihren Ausweis zeigen, ihr Equipment wird durchleuchtet. Rock’n Roll-Attitüden sind hier fehl am Platz. Der Auftritt ist anders als vor einem zahlenden Publikum, sagt der Sänger Daniel de Lorenzo. Aber genauso unterscheidet sich eine Geburtstagsparty von einer Firmenfeier, Hochzeiten von Straßenfesten. Gute Stimmung gibt es in Freiheit und hinter Mauern gleichermaßen. Im Frauengefängnis wird dann schon mal auf und zwischen den Stühlen getanzt. „Teilweise singen die Frauen so laut mit, dass wir uns selbst nicht mehr hören“, sagt de Lorenzo. Aber auch er, gibt de Lorenzo zu, hat seine Vorurteile, auch wenn er es nicht wahrhaben will. „Während eines Konzerts denkt man zum Beispiel: ‚Mensch, die sind doch alle total nett und offen. Warum sitzen die hier ein?‘“, oder er überlegt, dass er einem Insassen lieber nicht in einer dunklen Straße begegnen möchte. Solche Gedanken kommen bei öffentlichen Konzerten nie.

Während eines Konzertes hinter Mauern ist auch immer der Künstler gefangen. Wie in einer Einbahnstraße läuft er durch eine Tür nach der anderen und hört, wie jede Tür nach ihm abgeschlossen wird. Er weiß: Alleine kommt er hier nicht mehr raus.
Dieses beklemmende Gefühl war auch bei dem Künstlerduo Empfangshalle einschneidend, als sie ein Projekt für die Justizvollzugsanstalt Heidering entwarfen. Um sich die Situation besser vorstellen zu können, ließen sich Michael Gruber und Corbinian Böhm für eine Viertelstunde in je eine Gefängniszelle sperren. Als sich die Tür hinter Gruber schloss, merkte er als erstes, dass an der Tür von innen keine Klinke war. Warum sollte man die auch einbauen, wenn der Bewohner nicht entscheiden soll, wann er hinausgeht? „Das hatte ich mir harmloser vorgestellt“, sagt Gruber über die 15 Minuten hinter Mauern.

Die Zeit ist Freund und Feind

Vor der JVA Heidering haben Michael Gruber und Corbinian Böhm eine Windkraftanlage gesetzt: Eine 30 Meter hohe Säule, mit fünf vertikal ausgerichteten Windräder. Auf dem Kopf der Apparatur steht eine goldene Figur, ein Mann, überlebensgroß, der gen Horizont schaut. Er hat die Hand erhoben, um seine Augen vor dem Sonnenlicht zu schützen. Weht Wind, drehen sich die Windräder im Kreis und die Figur um die eigene Achse. Die Figur ist wie ein Hoffnungsschimmer, dass es nach der Haft in eine andere Richtung gehen kann.

Hinter den Mauern des Gefängnisses haben Empfangshalle sieben ringförmige Leuchtkästen installiert. Wie große Wagenräder hängen sie von der Decke. Wer sich unter sie stellt, sieht im Inneren der Ringe Panoramaaufnahmen von der Umgebung des Gefängnisses. Alle Fotografien wurden von der Windkraftanlage aufgenommen. Manche Aufnahmen sind gestochen scharf, wenn der Wind und so auch die Anlage stillstanden. Drehte sich die Anlage, entstanden unscharfe, manchmal völlig verschwommene Bilder. Die unterschiedlichen Bilder der gleichen Umgebung erinnern an die Zeit. Denn die Zeit ist Feind und Freund der Eingeschlossenen. Sie zieht sich, monate- oder jahrelang. Gleichzeitig ist sie die bestimmende Größe im Gefängnis. Eine Zeitschrift, die trotz Abonnement einen Tag zu spät kommt, macht einen Insassen schnell rasend.

Den Insassen sollte nicht etwas vorgesetzt werden, was sie bestaunen sollen. Die Statue ist daher nicht nur Schmuckstück; das Windkraftwerk sollte auch eine Einnahmequelle sein. Als Empfangshalle ihr Projekt entwarfen, begutachteten sie einen Windatlas, also eine Karte, die anzeigt, welche Windstärken es in dem Gebiet gibt. Dem Atlas zufolge ist die Lage in der Brandenburger Heide günstig; die Anlage könnte so viel Geld einnehmen, dass damit nicht nur ihre Wartung, sondern auch Projekte hinter den Gefängnismauern finanzierbar wären: Workshops, Konzerte oder Lesungen etwa. Das klappt jetzt nicht ganz so wie von dem Künstlerduo erhofft. Die Einnahmen dürfen nicht direkt an die Gefangenen gehen. Aber die JVA will versuchen, einen anderen Weg zu finden, damit die Gefangenen von der Anlage profitieren.

Der Mythos Kunst im Gefängnis

Dabei ist Kunst im Gefängnis nicht nur ein Geben der Künstler. Für die Musiker ist ein Konzert hinter Mauern oft ein Mythos. Vor Insassen aufzutreten, das ist eine Verbeugung vor dem großen Johnny Cash. Er hatte 1968 im Folsom-Gefängnis in Kalifornien gespielt, seine Platte davon wurde ein Riesen-Erfolg. Jeder Countrysänger träumt von einem so legendären Konzert. Manche Bands wollen ihr Profil stärken, andere wollen sich engagieren – oder sich einfach gutfühlen. De Lorenzo schätzt diese zugemauerten Konzerte. „Ich habe Dinge erfahren, die sonst hinter verschlossenen Türen geblieben wären.“