Fokus: Dada Hacker: Der Geist des Dadaismus im digitalen Zeitalter

Busters
© DOON 東

Hätten die Begründer des Dadaismus ein Jahrhundert später im heutigen Internetzeitalter gelebt, sie hätten sich bestimmt der digitalen Technik bedient, um ihre Positionen zu vertreten. Und vielleicht wären ein paar von ihnen zu Hackern geworden. 
 

Hacker sind Umstürzler der geltenden Ordnung. Sie greifen zu extremen Mitteln und bewegen sich damit in einem gefährlichen Grenzbereich. Allerdings besteht die Gefahr, dass sie der Mut verlässt oder sie sich sogar vom herrschenden System instrumentalisieren lassen. So wie das Internet eine weltumspannende Technologie ist, ist auch das Hackertum ein globales Phänomen, auch wenn seine konkreten Erscheinungsformen in den einzelnen Ländern divergieren. Wie aber ist es um den subversiven Geist der Hacker in China bestellt und wo hakt es?

Die in China missverstandene Hackerethik

Zwar wurde das chinesische Wort für „Hacker“ mit hēikè phonetisch direkt aus dem Englischen entlehnt, doch die Schriftzeichen (黑客; wörtlich: „schwarzer Gast“) haben im Chinesischen eine negative Konnotation. Es liegt wohl an den Assoziationen, die man mit dem Schriftzeichen „hei“ (wörtlich: „schwarz“ oder „illegal“) verbindet, dass man im Chinesischen bei dem Wort „Hacker“ sofort an Vandalismus, wenn nicht sogar an Verbrechen denkt; etwa an das Knacken von QQ-Accounts oder Onlinespiel-Konten, an Kreditkartenbetrug, das Eindringen in Banksysteme, die Verbreitung von Viren und Trojanern oder die sinnlose Manipulation von Websites. Man macht das vielleicht nur aus purer Neugierde oder weil man sich einen schlechten Scherz erlauben will, manchmal aber auch, um sich auf Kosten anderer zu bereichern.

In der englischen Sprache hingegen ist der „Hacker“ ein neutraler bis positiv besetzter Begriff. Das beschriebene destruktive Verhalten geht nur von einer Hand voll Leuten aus, während die meisten Hacker nichts Böses im Schilde führen. Im Zentrum von Kultur und Ethik der Hacker, die auf breites Verständnis stoßen, steht nicht blinder Vandalismus und Kriminalität, sondern die Idee, durch ihre Aktionen ein klares Statement abzugeben. Kern dieses Statements ist der Kampf gegen den Kapitalismus und gegen die Kontrolle der Technologien durch die Autoritäten. Nach Ansicht der Hacker, für die Technologie ein Werkzeug der Befreiung ist, sollten alle Informationen kostenlos und frei zugänglich sein. Doch auch wenn das Internet dem Menschen eigentlich bei der Verwirklichung seiner Ideale und Ziele helfen könnte, unterdrücken die gegebenen gesellschaftlichen Machtstrukturen diese Möglichkeit. Freiheit, Offenheit, Partizipation und Zusammenarbeit sind demzufolge die Schlüsselworte, die von Hackern besonders hervorgehoben werden. In seinem Buch Hackers: Heroes of the Computer Revolution fasst Steven Levy die weltanschaulichen Leitsätze des Hackertums zusammen:

  • der Zugang zu Informationen sollte unbegrenzt sein
  • alle Informationen sollten frei sein
  • beurteile einen Hacker nach seiner Fähigkeit und nicht nach Aussehen, Alter, Rasse oder gesellschaftlicher Stellung
  • Computer können das Leben besser machen 
  • Widerstand mit radikalen Mitteln

Selbst wenn diesen Überzeugungen etwas Utopisches anhaftet, sind es aggressive Mittel, zu denen die Hacker greifen, um Restriktionen und Fesseln zu durchbrechen und so gegen die Unterdrückung der technologischen Freiheit durch Staatsmacht und Kapitalismus ins Feld zu ziehen. Weil sie sich nicht an die von den Machthabern aufgestellten Spielregeln halten, sondern außerhalb dieser Regeln agieren wollen, bewegen sie sich stets an der Grenze von Moral und Gesetz.

Julian Assange von Wikileaks zählt zu den berühmtesten Aktivisten der Hackerszene. Dass er Regierungsdokumente, die ihm zugespielt wurden, der Öffentlichkeit zugänglich machte, war für den freien Informationsfluss und die Überwachung von Staat und Unternehmen von höchster Bedeutung. Die US-Regierung allerdings sieht seine Aktionen als illegal an, so dass Assange gezwungen war ins Exil zu gehen.

Ein anderes bekanntes Hackerkollektiv ist Anonymous. Dessen Anhänger treten mit der Guy Fawkes Maske aus dem Politcomic V for Vendetta für Freiheit und Gerechtigkeit ein. Als Visa, Mastercard und PayPal sich weigerten ihre Dienste für die Annahme von Spenden zugunsten von Wikileaks zur Verfügung zu stellen, wurde Anonymous aktiv und attackierte die Internetpräsenzen dieser Firmen. Auch Scientology wurde in der Vergangenheit Zielscheibe ihrer Angriffe, als die Sekte versuchte die Meinungsfreiheit zu unterdrücken; Anonymous attackierte Webseiten für Kinderpornografie und erklärte 2015 außerdem dem Islamischen Staat den Krieg.

Zudem geht die Enthüllung der Panama Papers, die erst kürzlich weltweites Aufsehen erregt haben, auf das Konto von Hackern. Auch dies ist ein Resultat, das auf den Einsatz radikaler Mittel zurückgeht.

Chinas „rote Hacker“

Verglichen mit diesen Paradebeispielen, mit denen westliche Hacker Geschichte schrieben, verblassen die Aktionen chinesischer Hacker. Nicht dass sie technisch weniger drauf hätten – kaum einer würde das computertechnische Genie der Chinesen in Zweifel ziehen. Das Hauptproblem chinesischer Hacker ist vielmehr ihr Wertevakuum.

Aus Interviews in Hackerkreisen und den von ihnen selbst verbreiteten Storys wird deutlich, dass der Großteil chinesischer Hacker Ende des letzten Jahrhunderts einfach aus Spaß mit dem Hacking begonnen hat. Später versuchten sich viele von ihnen in der sogenannten „schwarzen Industrie“, das heißt in illegalen Machenschaften, durch die man sich mittels Hackertechniken Vorteile verschaffen konnte. Darunter fielen das Knacken von Bankkonten, illegale Lotterien, Online-Games und Finanzgeschäfte. Noch später wechselte ein Teil der „Schwarzen Gäste“ zu den „White-Hats“, also in die Internet-Security-Branche, um für Kunden Sicherheitslücken zu definieren, zu identifizieren und letztlich zu schließen. Mit den zuvor erwähnten weitaus tiefsinnigeren Werten hatte das alles letztlich nichts zu tun.

Bemerkenswert ist allerdings, dass in allen Erzählungen über vergangene Tage der „Cyberkrieg“ gegen Länder wie die USA oder Japan als die einflussreichste und größte Gemeinschaftsaktion der chinesischen Hackerszene gilt. Man bezeichnet sich selbst als „Rote Gäste“ (chinesisch: 红客), rühmt sich, die Websites von Weißem Haus und Pentagon angegriffen zu haben und stellt sich als „patriotisch“ dar. Beim 2001 ausgebrochenen „sino-amerikanischen Hackerkrieg“ traten die „Roten Gäste“ erstmals in Erscheinung. „80.000 Rote Hacker stürmen die Website des Weißen Hauses“, berichteten damals die Medien. Anschließend nahmen die Roten Hacker Länder wie Japan, die Philippinen und Vietnam in ihr Visier. Auch wenn ihre Methoden natürlich extrem, subversiv und nah an der Grenze zur Illegalität waren, stand hinter ihren Aktionen die Huldigung eines engstirnigen Nationalismus mit einer starken Tendenz, sich der Staatsmacht anzudienen. Vom unabhängigen oder widerständigen Geist, der wahres Hackertum ausmacht, war man dabei weit entfernt.

Eben hierin liegen die Krux und das Paradoxon „subversiver“ Aktionen: Ihnen werden allzu leicht die Zähne gezogen oder man vereinnahmt sie sogar, so dass sie letztlich das Gegenteil bewirken. Anstatt zum Herausforderer wird man zum Handlanger der geltenden Ordnung. Ganz gleich um welchen Bereich der Gesellschaft es geht, es ist nicht leicht, sich langfristig eine subversive Haltung und die nötige Verve zu bewahren.

Natürlich macht man es sich zu einfach, wenn man die chinesische Hackerszene auf ein paar Schlagworte wie „schwarze Industrie“, „White-Hats“ oder „Rote Hacker“ reduziert. Der Hintergrundbericht der Website PingWest (品玩网) hält uns darüberhinaus eine neue, ganz andere Hackergeneration vor Augen. Der Artikel erwähnt den 1994 geborenen Nachwuchshacker „redrain“, ein Technikgenie, der sich für alle möglichen Projekte der Datensicherheit einsetzt und auf Weibo über 10.000 Fans hat. „Roter Regen“, der in der Szene als einer bekannt ist, „der sich traut, den Mund aufzumachen“ (敢喷人) und im Geiste des Hackertums offen für „Freiheit, Teilen und Denken“ plädiert, bekundet: Wenn du diesen Geist nicht teilst, „verdienst du den Namen ‚Hacker’ nicht“.

Zudem gibt es etliche Hacker, die im Verborgenen agieren und so ihren Beitrag zum freien Informationsfluss im Netz leisten. Auf ihr Konto gehen auch viele der VPN-Anwendungen, die in China für die Umgehung der Zensur und den Zugriff auf Seiten wie Facebook, Twitter oder Instagram notwendig sind.

Auf den Punkt gebracht: Der subversive Geist des Hackers braucht ein konkretes Gegenüber und muss von klaren Wertvorstellungen geleitet sein. Verliert man diese zentralen Werte aus den Augen, dann sind auch die genialsten Hackerfähigkeiten vergeben und können nur ins Leere schießen.