Fokus: Öffentlicher Raum Commons im öffentlichen Raum

Bishan Bookstore
Bishan Bookstore | Foto: Matjaz Tancic

Der Initiator des Bishan-Projekts (碧山计划), Ou Ning (欧宁), untersucht Möglichkeiten, wie öffentlicher Raum zum gesellschaftlichen Fortschritt beitragen kann.

Öffentlicher Raum bezieht sich zunächst auf einen klar definierten physischen Raum, der allen Menschen zur Verfügung steht. Doch nur, wenn die Öffentlichkeit diese Räume aktiv nutzt, werden sie zu der „öffentlichen Sphäre“, von der Habermas spricht. Erst dann kann entstehen, was ich unter einem progressiven öffentlichen Raum verstehe. Die öffentliche Sphäre muss dabei nicht unbedingt ein physischer Raum sein. Sie bezieht sich auf einen Raum der Meinungsäußerung in den Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft. Individuen oder zivilgesellschaftliche Gruppen können sich hier zu öffentlichen Angelegenheiten äußern und Diskussionen in Gang setzten. Insofern bildet auch das nicht der Kontrolle der Regierung unterliegende Internet eine Form der öffentlichen Sphäre.

Ich meine außerdem, dass zu einem progressiven öffentlichen Raum auch die von der Allgemeinheit in diesem Raum geschaffene Sprache und Kultur, ihre Gebräuche und Erinnerungen gehören. Gemeint sind damit die neuen „Commons“, von denen Michael Hardt und Antonio Negri sprechen. Diese weisen über die herkömmliche Eigentumsidee hinaus (insbesondere über die klassische Idee volkseigenen Bodenbesitzes). Der neuartige Raum des Gemeinsamen bildet vielmehr eine alternative Form des progressiven öffentlichen Raums.

Die öffentliche Sphäre

In jeder chinesischen Stadt wird, wenn es die finanziellen Mittel erlauben, vor dem Sitz der  Stadtverwaltung ein Platz angelegt, der vor allem politische Autorität demonstrieren soll. Er wird normalerweise für Feierlichkeiten oder von der Regierung inszenierte Großveranstaltungen genutzt. Auch wenn es sich bei diesen Plätzen um öffentliche Räume handelt, erfüllen sie vor allem eine politische Funktion. Sie werden in erster Linie von der Regierung genutzt, wohingegen nicht offiziell autorisierte Volksversammlungen illegal sind. Deshalb sind diese Plätze die überwiegende Zeit auch menschenleer. Zwar tragen diese Orte häufig den Namen „Volksplatz“, tatsächlich aber handelt es sich bei ihnen um einen Raum der Macht, der dazu da ist politische Ordnung zu demonstrieren und das Volk zu überwachen.

Hat sich jedoch Volkszorn aufgestaut oder das Gefüge des Staates Risse bekommen, kann sich eben dieses „Volk“ dazu entschließen, den politischen Raum zu besetzen, um seinen Forderungen Ausdruck zu verleihen. Als Konsequenz ihrer einseitigen Funktionszuweisung wurden die von der Regierung vereinnahmten Plätze in der Vergangenheit also immer wieder automatisch zu „öffentlichen Sphären“. Sie wurden im Lauf der chinesischen Geschichte zu Ereignisräumen politischer Volksbewegungen.

Interessanterweise hat man in den letzten dreißig Jahren das chinesische Wort für den „Platz“, guangchang (广场), für die im Zuge der neuen Wirtschaftswelle überall aus dem Boden schießenden riesigen Einkaufsmalls zweckentfremdet und so zu einer synonymen Bezeichnung für den kommerziellen Raum gemacht. In Europa oder den USA finden sich im Umkreis urbaner Plätze meist Wohnungen oder Läden angesiedelt. Es ist die multifunktionale Vielfalt, die diese Plätze normalerweise zu einem Anziehungspunkt für viele Menschen werden lässt. Wenn sich chinesische Einkaufzentren den Beinamen „guangchang“ geben, dann weil sich mit der Rückübersetzung ins englische „Plaza“ die Hoffnung auf solch einen belebten Ort verbindet.

Als ich 2009 Chefkurator der in Hongkong und Shenzhen stattfindenden Bi-City Biennale of Urbanism / Architecture (深圳香港城市建筑双城双年展) wurde, bat ich die Stadtregierung von Shenzhen, den vor dem Rathaus gelegenen Civic Square (市民广场) als Hauptausstellungsort zur Verfügung zu stellen. Es war der Versuch, den Platz zu „entpolitisieren“: Durch Ausstellungsaktivitäten sollte die Stadtbevölkerung mobilisiert werden, den Platz zu nutzen. Es sollte eine neue Kultur geschaffen werden und der Platz sollte als alltäglicher öffentlicher Raum belebt werden.

Die Bi-City Biennale of Urbanism / Architecture nutzte 2009 den Civil Square in Shenzhen als Hauptausstellungsort Foto: Liang Jingning 梁井宇
Die Bi-City Biennale of Urbanism / Architecture nutzte 2009 den Civil Square in Shenzhen als Hauptausstellungsort

Neue „Commons“

Beeinflusst von der Commons-Theorie von Hardt und Negri initiierte eine Gruppe von 30- bis 40jährigen römischen Intellektuellen (genannt „Generazione TQ“ als Abkürzung für „Trenta“ und „Quaranta“) im Jahr 2011 die Bewegung „Teatro Valle Occupato“.

Das Teatro Valle ist ein unweit des Pantheon gelegenes altes Theater aus dem achtzehnten Jahrhundert. In Folge der Finanzkrise sah sich die Regierung von Rom finanziell nicht mehr in der Lage, das Schauspielhaus weiter zu betreiben und entschloss sich zu dessen Privatisierung. Die Generazione TQ protestierte gegen diese Veräußerung kulturhistorischen Erbes durch die römische Regierung und besetzte das Theater. Mithilfe von Freiwilligen wurden hier zahlreiche Kultur- und Kunstveranstaltungen organisiert. Außerdem sammelte man über Crowd Funding das nötige Kapital, um die Bühne langfristig zu betreiben und sie der gesamten Stadtbevölkerung kostenlos zugänglich zu machen. Die Eigentumsverhältnisse des Teatro Valle blieben weiter dahingestellt, aber es konnte überleben, weil es aktiv genutzt wurde. Es wandelte sich zu einem öffentlichen Raum, der neue „Commons“ schuf.

2014 wurde im Dorf Bishan, im Kreis Yi der Provinz Anhui (安徽黟县碧山村), in einem dem Dorfkollektiv gehörenden verlassenen Ahnentempel der Bishan Bookstore (碧山书局) als Teil des Bishan-Projekts eröffnet. Unter Beibehaltung des kollektiven Eigentums stellte die Dorfbevölkerung die alte Ahnenhalle der Buchhandlung zur kostenlosen Nutzung zur Verfügung. Inzwischen hat sich der Buchladen zu einem lebendigen „gemeinsamen“ Raum entwickelt: Er ist für alle kostenlos zugänglich und sowohl Touristen als auch Dorfbewohner können hierher kommen, um zu schmökern, Bücher zu kaufen, ins Internet zu gehen, freie Zeit zu verbringen beziehungsweise an den diversen Lesungen und Kulturveranstaltungen teilzunehmen. Sogar Hochzeiten werden hier gefeiert.

Movable Accurate aus Dänemark im Bishan Bookstore Foto: Ou Ning
Movable Accurate aus Dänemark im Bishan Bookstore

Ermutigt von dem Erfolg des Bishan Bookstores richtete ich 2015 in einem ungenutzten Getreidedepot in Bishan die School of Tillers (SOT, 理农馆) ein. Nach dem einfachen Umbau des in der Tradition Anhuis errichteten Gebäudes entstand ein multifunktionales ländliches Kulturzentrum mit Restaurant, Bibliothek, Lernzentrum, Teezimmer, einem Café, einem Shop und Residenzen für Wissenschaftler. Auch dieser Raum wurde zu einem Raum der Commons, der mit der Dorfbevölkerung interagiert, die Gemeinschaft formt und so einen Beitrag zur Ausweitung des neuen öffentlichen Lebens im Dorf leistet. Die Landbevölkerung kommt hier nach Lust und Laune zusammen, um sich auszutauschen. Sie nimmt gerne an den Veranstaltungen teil und lernt neue Ideen und kulturelles Wissen kennen. Man kommt sogar hierher um Streitigkeiten zu klären.

Dorfbewohner in der Bibliothek im ersten Stock des SOT Foto: Ou Ning
Dorfbewohner in der Bibliothek im ersten Stock des SOT

Die Mitarbeit der gesamten Gesellschaft

Was die Gestaltung von öffentlichem Raum anbelangt, führen uns die traditionellen Wohnhäuser in den Dörfern Anhuis eine ganz simple Logik vor Augen: Die traditionellen Wohnhäuser im Stil Anhuis bestehen üblicherweise aus einer Reihe von Zimmern, die sich um einen Innenhof gruppieren. Abgesehen von den zum Hof weisenden Schlafzimmern, die meist relativ klein sind, gibt es zahlreiche weitaus größere Wohnräume. Dabei hat der winzige Privatraum der Schlafzimmer zur Folge, dass sich die Familienmitglieder häufiger in den Wohnzimmern aufhalten, um am Familienleben teilzunehmen. Auch in den von „kommunenartigen“ Lebensformen geprägten Sozial- und Ökodörfern wie man sie in Neuseeland, Australien, Dänemark und den USA findet, ist der persönliche Wohnraum meist sehr klein und spartanisch. Das führt dazu, dass sich die Bewohner normalerweise aktiv an den im Zentrum der Kommune stattfindenden kollektiven Mahlzeiten und anderen öffentlichen Aktivitäten beteiligen.

Allerdings reichen ein paar anwohnerfreundliche Gestaltungsmaßnahmen innerhalb eines physischen Raums nicht aus, um einen gesellschaftlich progressiven öffentlichen Raum zu schaffen. Schon viele Stadtplaner und Architekten haben sich den Kopf über die Gestaltung von öffentlichem Raum zerbrochen. Mit dem Ergebnis, dass dieser später von den Menschen nicht angenommen wurde. Die Verwaisung des öffentlichen Raums in Chinas Städten und Dörfern steht in engem Zusammenhang mit dem Niedergang des Kollektivismus und der Ausbreitung des Individualismus. Und auch die Begrenztheit des politischen Systems räumt der Etablierung einer „öffentlichen Sphäre“ nur wenige Möglichkeiten ein. Darüber hinaus ist es vielleicht auch die starre Eigentumsidee, welche die Idee und die Umsetzung der neuen Commons bremst. Für den Aufbau eines progressiven öffentlichen Raums sind Stadtplaner und Architekten bei weitem nicht ausreichend. Er ist auf die Offenheit des Staates und die Mitarbeit der gesamten Gesellschaft angewiesen.