Fokus: Dada Digitale Literatur als Datendada

Datendada
Datendada | © DOON 東

Dada im Jahr 2016 ist tot und lebendig, je nachdem, wie man darauf blickt.

Das Dada-Jubiläumsjahr, so lässt sich nach einer Google-gestützten Durchsicht der seit dem 1. Januar 2016 veröffentlichten online lesbaren Artikel mit „Dada“ im Titel feststellen, wird kategorial unterschiedlich begangen: einerseits als Musealisierung, andererseits als fröhliches Als wäre es 1916-Re-enactment. Ersteres ist sinnvoll, wenn man Dada als historische Avantgardebewegung betrachtet, die nominell 1916 in Zürich, ideell aber bereits 1912/13 in Russland begann und später in anderen Strömungen aufging. Anders das „Dada“-Wiederaufführen, dem der Generalverdacht ‚Thema verfehlt‘ entgegengebracht werden kann, denn wer im Zeitalter der Meme-Kultur noch mit Eimer auf dem Kopf eine Bühne betritt, um Lautgedichte vorzutragen, produziert performative Kleinkunst. Dies gilt auch für schlichte Übertragungen ursprünglich dadaistischer Techniken wie der Fotomontage ins Digitale: Ein smartphonegestütztes Cut-up von Bildebenen oder ein Morphen von Selfies mit ikonischen Bildern kann auf ein Publikum ‚poetisch' wirken, – dada, im Sinne einer Störung von systemblinder Reaktion ist es nicht. Nachspielen schädigt die Idee von Dada sogar, denn es erfüllt wirkungsästhetisch die Funktion eines Avantgardekarnevals, der bei Menschen ein heimeliges Gefühl der Subversion erzeugt, ohne ihnen aktuelle Devianz zuzumuten. Statt auf neue Weise den Finger in die ästhetische und gesellschaftliche Wunde zu legen, formiert sich mittels pseudodadaistischer Adorno-Meme und anderer virtueller Microstyles im Netz performativ ein neues Bildungsbürgertum, das sich mental ans längst Etablierte als gesetzte Avantgarde ankuschelt.

Dada jenseits von Musealisierung und Re-enactment

Nicht im Fahrwasser des Jubiläums und ohne selbst den Begriff zu bemühen, lässt sich aber doch ein Weiterleben des Dada-Prinzips beobachten: in verschiedenen Projekten genuin digitaler Literatur, insbesondere der Algorithmen- und Bot-Literatur. Hier finden sich sowohl die dadaspezifische Durchdringung von ästhetischem Unsinn und politischem Ernst als auch das performative Destabilisieren von Vorstellungen und Begriffen. Codepoesie reißt algorithmengesteuert Worte, Bilder und Klänge aus dem Zusammenhang und versetzt sie in neue Kontexte und Konstellationen. So werden gewohnte bis gewöhnliche ideelle Inhalte zu potenziellen mentalen Störenfrieden, wirken als Datendada. Wie Gesetztes sich verflüssigt, lässt sich gut an Gruntgesets (2015) von Gregor Weichbrodt beobachten, für das „der Verfassungstext für die Bundesrepublik Deutschland neu geschrieben“ wurde – in der fehlerhaften Orthografie und aggressiven Großschreibung von Facebook-Hasskommentaren. Mit dieser Überblendung des nüchternen Inhaltes mit dem emotionstrunkenen Stil gelingt es, die begrifflich kaum fassbare realitätsverändernde ‚Überarbeitung‘ gesetzlich verankerter Grundwerte durch Hatespeech plausibel zu machen.

Datendadaistische Aktionen

Welche Spielarten des Datendada Urteilsindividuen oder -gruppen amüsieren, irritieren oder verärgern, variiert: So bekommt das Kollektiv Traumawien für die Aktion Ghostwriters (2012), bei der Amazon mit Hunderten sinnloser E-Books geflutet und damit auch wirtschaftlich torpediert wurde, auch unter Digitalfernen anhaltenden Beifall, weil es einen starken bildungsbürgerlichen Konsens gibt, den Branchenriesen als kulturfeindlich anzusehen. Auch Weichbrodts Intellectual Theft (2016), der „inspiring quotes“ unter Überwachungskamerafotos von Bankräubern setzt, geht beim Publikum gut durch, weil die performative ‚Lehre‘ der entleerten Bedeutung von Binsenweisheiten unterhaltsam kaschiert wird. Hingegen gilt Hannes Bajohrs Durchschnitt (2015) als nahezu unlesbar, weil das unvorhersehbare Sichabwechseln von semantisch plausiblen und sinnlosen Übergängen zwischen den algorithmisch gesuchten und kombinierten 18-Wort-Sätzen aus den von Marcel Reich-Ranicki in Der Kanon versammelten Texten äußerst anstrengend ist.

Spontanes Datendada

Während die bewusst programmierte datendadaistische Literatur mehrheitlich ein akademisches Insiderphänomen ist, also höhere Anteile an westlich-klassischer Bildung und weißen Männern aufweist, als ihr lieb sein kann, entsteht im Netz überall da, wo Menschen die vorgegebenen Plattformen gegen den Strich spielen, auch spontan Datendadaistisches. Auf Twitter ist aktuell der Account @Çiğdem so ein Phänomen: Dessen oftmals graziös unkorrigierte Tweets („früher grundschule lerharin: wer isssst stark ich und alle: ich ich ich ich ich lehrarin: ok tragt mal alle tische raus wir: omg-.- verarsc“) torpedieren den auf Twitter gern zur Schau gestellten Orthografiedünkel. Für die datendadaistische Wirkung ist es dabei unerheblich, wer @Çiğdem in der physischen Realität ist und ob die Fehler ‚echt‘ sind.

Datendada lässt sich, ob konzeptuell hervorgebracht oder emergierend, als der Glitch des Digitalen betrachten, die zerfasernde Randzone, an der neue, abweichende Erfahrungen gemacht und Lehren gezogen werden, allen voran: „Hermeneutik ist heilbar.“