Interview mit Rasha Abbas „Komik ist der beste Weg”

Rasha Abbas
Rasha Abbas | ©Heike Steinweg

Früher schlug die syrische Schriftstellerin Rasha Abbas eher dunkle Töne an. Eineinhalb Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland hat sie nun eine Sammlung satirischer Kurzgeschichten über die Tücken des Alltags in ihrer neuen Heimat veröffentlicht.

Als Rasha Abbas, geboren in der Küstenstadt Latakia im Nordwesten Syriens und aufgewachsen in Damaskus, ihren ersten Erzählband Adam hates the Television (2008) veröffentlichte, arbeitete sie noch als Redakteurin beim syrischen Staatsfernsehen. Drei Jahre später, kurz nach Beginn der Revolution, kehrte sie ihrem Arbeitgeber den Rücken, schloss sich der demokratischen Bewegung an und musste im folgenden Jahr nach Beirut ins Exil gehen. 2014 erhielt sie das Jean-Jacques-Rousseau-Stipendium der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Das Ankommen und Einleben in Deutschland hat sie in 15 Kurzgeschichten verarbeitet, die im März 2016 auf Deutsch unter dem Titel Die Erfindung der deutschen Grammatik erschienen sind.

Wie ist Ihr neuer Erzählband, der deutlich mit Ihrem früheren Werk bricht, entstanden?

Auf Facebook habe ich ab und an über komische Dinge geschrieben, die mir in Deutschland passiert sind. Sandra Hetzel, Übersetzerin und Gründerin des Literaturkollektivs 10/11 für junge arabische Autoren, hatte die Idee, daraus ein ganzes Buch zu machen. Für mich war das ein ziemliches Abenteuer, da ich gar nicht wusste, wie man ein lustiges Buch überhaupt schreibt. Normalerweise ist meine Erzählweise eher dunkel, depressiv und psychedelisch. Vielleicht ist diese Veränderung aus der sensiblen Situation heraus entstanden, in der wir uns momentan befinden, denn in meinen Erzählungen geht es darum, wie es ist, als Geflüchtete in Deutschland zu leben.

In Ihren Kurzgeschichten nehmen Sie die deutsche, aber auch die arabische Kultur heftig auf die Schippe. Wieviel Mut braucht es dazu?

Natürlich stellt vieles in diesem Buch nicht meine echte Wahrnehmung der Dinge dar. Um des Humors willen muss ein Witz immer etwas harsch und übertrieben sein. Es macht Spaß, so zu schreiben, auch weil es provoziert. Viele Leute reagieren auf so etwas extrem sensibel… und damit meine ich nicht nur uns als Neuankömmlinge, sondern auch einige der europäischen Aktivisten, mit denen wir zusammenarbeiten. Eine andere Sache macht mich ebenfalls ganz verrückt: Einige Leute glauben, sie sollten ein „gutes Bild der arabischen Kultur” zeichnen und deren gute Absichten repräsentieren. Das führt doch nur dazu, nicht offen über Dinge zu sprechen. Deswegen ist Komik das beste Mittel, Kultur zu reflektieren.

Die deutsche Übersetzung Ihrer Erzählungen ist vor dem arabischen Original erschienen. Wer ist Ihre primäre Leserschaft?

Die ersten Adressaten meiner Erzählungen sind in Deutschland lebende Menschen - also Deutsche und Araber. Vieles in meinen Erzählungen klingt aber ziemlich mysteriös für Arabischmuttersprachler, die Deutschland nicht kennen. Deswegen habe ich den arabischen Text für den Ableger der Heinrich-Böll-Stiftung im Libanon, der das Original veröffentlichen wird, noch einmal überarbeitet. Wenn man für arabische Leser schreibt, kann man außerdem ganz andere Witze machen, weil bestimmte sprachliche Ausdrücke oder Bilder berühmt sind.

Wie funktioniert dieses Wandeln zwischen den Sprachen?

Es ist interessant zu sehen, wie Sprache und Persönlichkeit zusammenhängen. Auf Arabisch beispielsweise schreibe und spreche ich gemäß der Logik des Arabischen. Wenn ich einen Artikel auf Englisch schreibe, formuliere ich nicht erst auf Arabisch und übersetze das dann. Ich schreibe und produziere den Artikel gemäß der englischen Logik, in der englischen Sprache. Das Arabische ist eine sehr reiche Sprache, in der man Dinge mit Adjektiven und Adverbien stundenlang beschreiben kann. Im Deutschen muss man praktischer vorgehen. Eines der Worte, das ich sehr lustig finde, ist „geradeheraus”: Man soll beim Sprechen streng sein und direkt auf den Punkt kommen.

Ihr Buch wurde zuerst digital beim Verlag Mikrotext und dann auf Papier im Orlanda Verlag veröffentlicht. Was sind die Vorteile einer digitalen Publikation?

Die Literatur hinkt den bildenden Künsten und der Musik hinterher, wenn es darum geht, neue Technologien als Medium und nicht nur als Inhalt der Kunst zu nutzen. Nur in der Literatur setzen wir seit Hunderten von Jahren die immer gleichen Medien ein. Wir brauchen extremere Experimente - ein digitales Buch geht da nicht weit genug. Es gibt zum Beispiel schon so etwas wie einen „Wiki-Roman”, der sich an der Struktur von Wikipedia orientiert, oder einen „SMS-Roman”. Die Literatur wird viel lebendiger, wenn sie versucht, neue Medien für sich zu erobern.

Rasha Abbas’ nächstes Buch, Des Pudels Kern, wird im Herbst 2016 auf Arabisch im Al-Mutawassit Verlag erscheinen.