Dada-Manifest Hommage statt Geiselhaft

Dada Manifesto
Dada Manifesto | © DOON 東

Das künstlerische Forschungsprojekt Open Matter Institute (开放问题研究所) machte sich im Juli 2016 auf den Weg nach Zürich, um dort am Abschlusssymposium der Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe Dada100 teilzunehmen. Und das mit dem festen Vorsatz, die traditionellen Formen des Gedenkens zu durchbrechen und im Tonfall des „达da“ eine Hommage an das historische Ereignis des Dadaismus zu richten.

Kommt „dada“ von der französischen Abkürzung für „Holzpferd“ (dadaisme) oder aus der Babysprache, oder hat man die Namensgebung einfach dem Zufall überlassen, indem man das Wörterbuch an einer x-beliebigen Stelle aufschlug oder gar mit einem Briefmesser zwischen dessen Seiten fuhr? Ganz egal welcher Gründungsmythos des Dada nun tatsächlich der Wahrheit entspricht: Auf jeden Fall meldete sich mit dem Geburtsschrei des Dada die Stimme des Unsinns zu Wort.

In diesem Jahr begleitet uns diese Stimme ein ganzes Jahrhundert. Und dabei hat sich ihr Klang über die hundert Jahre mit Bedeutung aufgeladen.

Im Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, wurde die Hommage an den Dadaismus zum wichtigsten kulturellen Ereignis des Jahres 2016 in Zürich. Darüberhinaus finden in der ganzen Stadt ein Jahr lang über zweihundert kleinere und größere Veranstaltungen rund um den Dadaismus statt. In der Tat hat ein solch wichtiges Ereignis eine Hommage verdient. Aber wie dem Dadaismus Respekt erweisen? Wie kann es möglich sein, eine Negation zu bestätigen?

Eben hierin liegt der Grundgedanke unserer „达da“-Aktion: Nicht der Erinnerung nachzuhängen, nicht zu gedenken, nicht zu dokumentieren und auch keine Ausstellung zu machen. Denn Dada ist kein „Klassiker“, vor dem man sich verneigt. Dada ist kein formal-ästhetisches Stilempfinden, nicht das Resultat einer künstlerischen Technik und kein visueller Effekt. Dada ist auch nicht der Ahnherr aller Bilder und Aktionen oder die Wurzel eines Stammbaums. Ganz zu schweigen davon, dass man den Dadaismus als etwas, das den „schönen Künsten“ nahekäme, begreifen könnte – also als eine Kunst, die einen in erhabene Stimmung versetzt. Man halte den Dada fern von Altären und Palästen, denn jegliche Feierlichkeit und historische Verherrlichung birgt ein und dasselbe Risiko: Sie könnte der destruktiven Kraft, mit der der Dadaismus von Anbeginn Tabula Rasa machte, zuwiderlaufen. Dada verlangt nicht nach einem posthumen Ritterschlag. Denn das Erlöschen des Widerstands ist niemals auf dessen Unterdrückung, sondern auf dessen Vereinnahmung und Aneignung zurückzuführen.

Die beste, ja die einzig denkbare Form der Hommage ist nur auf eine einzige Art und Weise möglich: Man muss es den Dadaisten gleich tun. Tun, was sie vor hundert Jahren getan haben und was sie heute anstellen würden. Wenn uns die Schallwellen des Dada aus weiter Ferne erreichen, müssen wir ihm Unsinniges aus der Gegenwart entgegenrufen. Wie ein „Echo“ nach einem Jahrhundert, das dabei zugleich auf die heutige Welt abzielt. Eine Welt, in der Dada bereits zu einem historischen Erbe geworden ist.

Allerdings ist es mit einem einfachen „Echo“ bei Weitem nicht getan. Impliziert dieses doch immer den logischen Zusammenhang von „vorher“ und „nachher“, von „Ursache“ und „Wirkung“. Wir müssen also zu dem Moment zurückgehen, als der Urschrei des Dada noch nicht in der Welt war. Wie ein Flugzeug, das auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigt, müssen wir mit einem „sonic boom“ die Schallmauer durchbrechen.

Die in symphonischem Wohlklang errichteten Mauern aus den derzeitigen Sinn- und Wertesystemen, ästhetischen Bezugsrahmen, sozialen Hierarchien und historischen Narrativen aber auch das lärmende Hintergrundrauschen des Alltagslebens bilden gemeinsam die Schallmauern unserer Gegenwart. Und nur wenn man die von ihnen konspirativ erzeugte Resonanz und Schwingung mit hoher individueller Energie und Geschwindigkeit durchstößt, kommt es zu dem gewünschten Überschallknall.

Dada Sonic Boom © Liu Tian

Wenn das Open Matter Institute also aus China anreist, um in Zürich am Schlussbouquet der Veranstaltungsreihe Dada100 mitzuwirken, dann mit folgender Strategie im Gepäck: Wir schicken mit Yu Zhenhong (郁震宏) und Jia Qin (贾勤) zwei klassische Gelehrte nach Zürich, damit sie mit dem Handwerkszeug der traditionellen chinesischen Phonologie und Schriftzeichenkunde (und nicht zuletzt mit dem der Philologie und dem Wissen um die konfuzianischen Klassiker) in zwei Stunden ein einziges Schriftzeichen sezieren: „达“ (da, wörtlich: „ankommen, erreichen“ und in seiner Doppelung „达达“ das chinesische Lehnwort für Dada, Anm. d. Übers.). Ort dieser Sektion ist der Saal „Kaufleuten“. Dort wo am 9. April 1919 mit der achten und abschließenden „Dada Soirée“ die letzte offizielle Veranstaltung der Dadaisten in  der Schweiz stattfand. Damals in Anwesenheit von 1.500 Gästen.

Programmblatt der 8. Dada-Soirée am 9. April 1919 © Liu Tian

Unsere „达da“-Stimme stimmt allerdings nicht in die „uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation“ oder den „liturgische Gesang“ Hugo Balls beim Vortrag seiner Lautpoesie ein, denn wir verwehren uns gegen jegliche exzentrische Darbietung. Vielmehr präsentiert sie sich als ein äußerst seriöser und akzentuierter Vortrag, besser gesagt, als eine „Vortrags-Vorführung“, die zugleich ein Paradoxon birgt: Denn obwohl der Vortrag und der in ihm enthaltene und von ihm ausgehende hohe Sinngehalt vortrefflich übersetzt werden wird, werden sich seine Inhalte wohl nach Manier der Stillen Post verbreiten. Ebenso wie das von uns zusammengestellte „Ankündigungsblatt “ wie ein Rätsel aus kryptischen Zeichen wirken wird. Dem anwesenden europäischen Publikum wird das Ganze wahrscheinlich als ein ungeheurer Unsinn erscheinen.

Doch genau auf dieses aus einer kulturellen Kluft resultierende Paradoxon haben wir es abgesehen: Darauf dass ein gewaltiger Unsinn dabei herauskommt, wenn man die hehren Ideen einer fernen Zivilisation deplatziert und sie an einem anderen Ort in einer neuen Zeit ankommen. Doch wenn dieses Paradox in den Kreis ewiger Widergeburt eintritt, haben wir eine ewige Bleibe und Sicherheit gefunden. Selbst bei „erlesenen Worten mit gewichtiger Bedeutung“, wie man im Chinesischen so schön sagt, ist niemals garantiert, dass sie da, wo man sie äußert auch verstanden werden. Das ist wie bei der allmählichen Entwicklung und Etablierung eines Flugkurses, dessen Kurve unzähligen Zufällen unterliegt. Wie bei „einer Reise, auf der sich die Wege niemals kreuzen“, hat sich der Sinn in fremde Gefilde begeben ohne jemals jemanden anzutreffen. Wie bei einer „Reise, die nie ihr Ziel erreicht“ werden auch wir nie ankommen.

In ihrem Ausgangpunkt braucht keine Welt einen Namen. Wie mag es also gewesen sein, bevor der Name „Dada“ fiel? Für das Publikum ist es weniger wichtig zu verstehen als einfach nur zu hören: Lässt sich nicht, bevor eine große Idee zur Landung ansetzt, in dem kurzem Moment der Schwerelosigkeit noch einmal jenes Geräusch vernehmen, das aus einem schwarzen Loch zu kommen scheint? Gelingt es durch ein Gedenken, das die Zeit aus den Angeln hebt, noch einmal einen Schritt an den Abgrund zu Chaos und Nichts herantreten und jenes gewaltige Krachen zurückrufen und zu überwinden. Denn nur wenn wir an den Punkt zurückgelangen, an dem das Geräusch noch nicht erklungen war, ist uns die Hommage gelungen und wir haben uns aus der Geiselhaft ihres Nachhalls, der seit einem Jahrhundert ertönt, befreit.

Ankündigungsblatt aus Dada100 Zeitung n°3 zur Verfügung gestellt von Open Matter Institute

Das von uns gedruckte Ankündigungsblatt erscheint in der durch das Komitee Dada100 in Zürich herausgegebenen Dada100 Zeitung n°3 als eigene Seite. In dem deutsch- und englischsprachigen Journal wirkt das ganz auf Chinesisch gehaltene Blatt dann wie Plakat, Werbung, Rätsel und Zeichensalat in einem.

Die Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe Dada100 findet noch bis Ende 2016 in Zürich statt. Das Open Matter Institute war am 8. Juli 2016 Teil des Symposiums Schlussbouquet, das im Klubsaal des Kaufleuten, Pelikanstraße 18, stattfand. Kuratoren: Liu Tian (刘畑) und Li Shengzhao (李晟曌); Vortrag und akademische Beiträge: Yu Zhenhong (郁震宏) und Jia Qin (贾勤); Übersetzung: Yu Shengzhou (俞盛宙); Kamera: Zhu Changquan (朱昶全); Kalligraphie: Yuan Dan (袁旦); Redaktion: Song Zhe (宋哲); Visual Design: Lu TaTa (卢涛); Organisation: Centre for Chinese Visual Studies (视觉中国研究院) der China Academy of Art (中国美术学院); Projektunterstützung: Pro Helvetia Shanghai.