Olympia 2032 Der erste Wettkampf

Der erste Wettkampf
Der erste Wettkampf | © DOON 東

Der Fortschritt der Biomedizin hat es möglich gemacht, Menschen mit Behinderung so zu transformieren, dass sie laufen können wie natürliche Menschen - vielleicht sogar noch schneller. Als man bei den Olympischen Spielen erstmals Transformierte und Normale gegeneinander antreten ließ, stieß das nicht nur auf Begeisterung, sondern löste weltweit heftige Kontroversen aus.

Als Ochiwa in der Öffnung zu den Katakomben auftauchte, brandete im Olympiastadion von Nairobi Jubel auf. Zwei Tage zuvor, als Ochiwa im 100-Meter-Sprint der Männer Gold geholt hatte, war das Publikum ähnlich außer Rand und Band geraten. Nur wenige Sekunden später brach auf den Zuschauertribünen ein noch größerer Sturm der Begeisterung los. Ein schmächtiger Mann im Rollstuhl rollte eskortiert von ein paar Leuten aus dem Tunnel. Augenscheinlich nervös blickte sich der Mann im Stadion um. 

Erneuter Jubel, als Ochiwa entgegen der Gepflogenheiten zu dem Rollstuhlfahrer lief, um ihm die Hand zu schütteln. Der Mann im Rollstuhl hieß Shannon. In den letzten zwei Monaten war ihm in sieben Pamphleten fundamentalistischer Religionsgemeinschaften mit dem Tode gedroht worden. Das Olympische Komitee hatte Ochiwa deshalb eigens dazu aufgefordert, seine Unterstützung zu bekunden und ein Statement gegen Gewalt abzugeben.

Man hatte Shannon unter Hunderten an den unteren Extremitäten Gelähmten ausgewählt. Heute würde er antreten, um den neuen Goldmedaillensieger im 100-Meter-Lauf der Männer zu schlagen.   

Hutu hängte sich an einen Virtual-Reality-Blickpunkt. Tatsächlich waren diese sogenannten VR-Spotter mit einer Kamera ausgerüstete Menschen. Diejenigen, die ihre Live-Übertragung über das Internet verfolgen, bezeichnete man als ihre „Dämonen“. Der Spotter auf Tribüne D9 quatschte  in einer Tour, die Menschheit müsse siegen, und solche Sachen. Einige seiner Dämonen gaben zu bedenken, dass auch der andere Mitstreiter ein Mensch war, nur eben einer, der eine Transformation durchlaufen hatte. Es sei doch ein kompletter Unsinn, so der Spotter, dass man bei den Olympischen Spielen diesmal noch zusätzliche Wettkämpfe angesetzt hatte, an denen auch Transformierte teilnehmen konnten. Man habe die Moral des Sports an die Interessen des Kommerzes verraten. Glucksen aus der Dämonenblase: in ein paar Jahrzehnten, so wurde spekuliert, würde wohlmöglich der Großteil der Menschheit aus Transformierten bestehen. So gesehen würde es vor allem gegen den olympischen Geist verstoßen, wenn bei Olympia nur eine Minderheit miteinbezogen würde. Außerdem würde in Zukunft jeder x-beliebige Transformierte schneller laufen als ein Medaillensieger aus der Gruppe der Normalos. Bliebe dabei der Sinn der Spiele nicht auf der Strecke?

Der Spotter wurde nun richtig ärgerlich und erging sich in Schimpftiraden. Hutu wechselte zu einem Mitarbeiter aus der Arena, der sich in unmittelbarer Nähe der beiden Kontrahenten befand und eine bessere Sicht auf die Szene hatte. Hier waren die Dämonen überwiegend weiblich. Unisono schwärmten sie von Ochiwa als einem echten Kerl, wobei jede einzelne von ihnen den Sportler als ihren zukünftigen Ehemann für sich reklamierte. Hutus Aufmerksamkeit galt indessen eher dem anderen Mann, dem gerade ein paar Leute aus dem Rollstuhl halfen. 

Shannon hätte nicht im Traum daran gedacht, dass er sich eines Tages mit einem Olympiasieger auf einer Augenhöhe messen könnte. In seinem früheren Leben hatte er sich nicht einmal für Leichtathletik interessiert.

Nach seiner Aktivierung erwärmte sich der Chip in seinem Körper. Der Mikrochip war exakt auf die Anforderungen zugeschnitten, die ihm heute bevorstanden, und würde genau einen Sprint von dreißig Sekunden durchhalten. Shannon versuchte ein paar Schritte zu gehen. Nach der Transformation hatte er genügend Kraft. Aber man musste bedenken, dass er von klein auf körperlich beeinträchtigt gewesen war und es nicht gewohnt war, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er hatte immer noch Probleme das Gleichgewicht zu halten. Das IOC hatte Chips, die eine automatische Koordination erlaubten, verboten. Es galt die Forderung, dass alle Athleten die Bewegungen ihrer Gliedmaßen selbst steuern mussten.

Der Schiedsrichter bat die Sportler, ihre Startpositionen einzunehmen. Shannon bückte sich, um in den Startblock zu steigen und platzierte seine Finger hinter der Startlinie. „Nur nicht stürzen“, wiederholte er sein stilles Mantra, „nur nicht stürzen...“. Im Vergleich zu ihm machte Ochiwa einen entspannten Eindruck, und vor allem einen hoch konzentrierten.

Als Shannon den Startschuss hörte, wusste er, dass er zu früh gewesen war. Er hatte seine ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, die Balance zu halten. Er war zu nervös. Der Zwischenfall sorgte für Heiterkeit unter den Zuschauern auf den Rängen, die jetzt rhythmisch „Shannon, Shannon!“ skandierten. Der Schiedsrichter kam zu ihm herüber, um ihn zu ermahnen,Beim nächsten Fehlstart hätte er das Rennen verloren.

Also noch einmal. Diesmal unterlief ihm kein Fehler mehr, aber er kam etwas später aus dem Startblock als Ochiwa. Nach ein paar Schritten wurde er selbstbewusster und fand zu seiner üblichen Trainingsform zurück. Nach dreißig Metern lief er mit Ochiwa bereits Schulter an Schulter.

In diesem Moment fiel ihm wieder auf, wie heiß der Chip wurde.

Nach fünfzig Metern hatte er Ochiwa um eine halbe Körperlänge überholt. Der Chip fing an zu glühen und kochte seine Nerven. Wie wenn man mit den Fingern eine Schale mit kochendem Wasser berührt: Im ersten Moment spürte er nichts, doch dann ging es schnell und mit jeder Sekunde wurde es unerträglicher. Der Wind schlug ihm entgegen. Sein Brausen überdeckte alle Geräusche im Stadion. Shannon war sich kaum mehr bewusst, dass er sich bei einem Wettlauf in der Arena befand. Vielmehr rannte er durch eine enge Schlucht gegen den Wind, wie ein Blitz, der die Berge spaltet, unaufhaltsam.

Nach achtzig Metern war sein Gegner aus seinem Blickfeld verschwunden. Er musste Ochiwa mindestens um eine Körperlänge hinter sich gelassen haben. Jetzt konnte nichts mehr passieren, es sein denn, sein Chip brannte durch.

In dem Moment, als er über die Ziellinie stürmte, war sein Kopf leer. Dann gab der Chip seinen Geist auf. Viel früher als vorgesehen. Aus seinen Beinen wich mit einem Mal alle Kraft. Er stürzte kopfüber hin, überschlug sich ein paarmal und blieb mit dem Rücken auf der Aschebahn liegen.

Er hörte Schreckensrufe, die Schritte der Herbeieilenden und das Scheppern medizinischer Apparate. Er sah den azurblauen Himmel und die elegante Bogenlinie des Stadiondaches. Er spürte die grobkörnige Oberfläche der Laufbahn und den Schweiß, der in seinen Augen brannte.

Shannon war glücklich.           

Ein Rohr unter dem Arm öffnete Hutu in seinem Hotelzimmer die Tür zum Balkon. Zum ersten Mal in der Geschichte waren die Olympischen Spiele komplett als Virtuelle Realität erfahrbar. In der Arena gab es neben den offiziellen VR-Spots noch hunderte Liveübertragungen durch legitimierte Privatpersonen – sie waren die ideale Datenquelle für seine Kursberechnung.

Hutu stellte das Stativ auf, auf dem das Rohr fest montiert war, und überprüfte es.

Er war nicht religiös, aber er glaubte an die Überlegenheit der Menschheit. In dieser Zeit bröckelte die Größe des Menschen durch den raffinierten und unaufhaltsamen Fortschritt der Technik. Jegliche Gegenwehr erschien lächerlich und verpuffte. Er hatte nichts gegen Shannon. Aber er musste schon einen gewaltigen Knall auslösen, damit die Menschen wirklich aufhorchten.

Er gab seinen Befehl über die VR-Brille. Aus der Kanone flammte es auf. Sie schoss eine kleine Rakete ab, die im Himmel verschwand. Die Rakete enthielt keinen Sprengstoff. Sie war nur darauf ausgerichtet punktgenau ein Individualziel zu treffen. Er wollte schließlich kein Gemetzel anrichten.

Weiter konnte er nichts mehr tun. Von hier bis zum Stadion waren es etwa zwei Kilometer. Die Rakete würde ihre Mission ohne sein weiteres Zutun erfüllen.

Er würde hier auf die Polizei warten. Er hatte eine Menge zu sagen.