Olympia 2032 Olympiade Paradox

Olympiade Paradox
Olympiade Paradox | © DOON 東

Wird in der Zukunft den Verlierern der olympischen Spiele mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Gewinnern?

Die 35. Olympischen Spiele im Jahr 2032 werden in die Geschichte des Sports eingehen, weil sie einen Wendepunkt darstellen, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Bei den vorherigen Olympischen Spielen hatte China jeweils sämtliche Goldmedaillen gewonnen, auch in den neuen Disziplinen Mental-Yoga, Mall-Walking und IKEA-Kommoden-Montieren. Die Welt hat sich längst daran gewöhnt, dass die größten Sportler, Künstler, Komponisten und Wissenschaftler unserer Zeit Chinesen sind, ein Chinese hat die Unvollendete von Schubert zuende komponiert, chinesische Kunsthistoriker haben die Lücken im Wandfries des Pergamonaltars geschlossen, chinesische Forscher haben mit neuen Molekularanalysen sämtliche in der Bibliothek von Alexandria verbrannten Bücher rekonstruiert. Sogar bei den Paralympics haben die Chinesen alles gewonnen, nicht einmal da haben europäische Sportler es in die Medaillenränge geschafft, obwohl sie, um Chancengleichheit herzustellen, auch ohne Behinderung antreten durften.

Die Attraktivität der Spiele litt natürlich unter dieser Situation, sogar die chinesischen Zuschauer selbst sehnten sich nach einem Athleten, der eine ernsthafte Konkurrenz zu seinen chinesischen Kollegen darstellte. Deshalb war sogar das chinesische Nationale Olympische Komitee daran interessiert gewesen, die Wettbewerbe für die 35. Spiele im Jahr 2032, die wegen der milden Temperaturen erstmalig in Alaska stattfanden, zu modifizieren, um sie wieder attraktiver für die Zuschauer zu gestalten. Man dachte an eine „Olympiade Paradox“, bei der am Anfang der Spiele ausgelost worden wäre, in welcher Disziplin jeder Athlet antreten würde. So wäre es zu reizvollen Wettbewerben gekommen, wenn etwa ein Sumoringer und eine rhythmische Sportgymnastin im Synchronschwimmen um Gold gekämpft, oder eine Diskuswerferin sich beim Dressurreiten versucht hätte. Es wäre allerdings zu befürchten gewesen, dass China sich auch auf diesen Modus eingestellt und in kürzester Zeit eine Generation von Sportlern ausgebildet hätte, von denen jeder in der Lage gewesen wäre, in sämtlichen Disziplinen anzutreten und zu gewinnen, so wie es ja auch längst üblich ist, dass chinesische Solisten nicht nur ein Instrument beherrschen, sondern mehrere, wir erinnern uns an die Leistung des 18jährigen Li Li, dessen Einspielung aller neun Symphonien von Beethoven, bei denen er sämtliche Instrumente selbst gespielt hat, ein weltweiter Verkaufserfolg war. Man hätte Disziplinen finden müssen, in denen die Sportler aus anderen Nationen wieder eine Chance gehabt hätten, Disziplinen, bei denen man mit Trainingsfleiß und Opferbereitschaft nichts erreichen konnte, denn darin waren chinesische Sportler nunmal allen anderen überlegen. Man zerbrach sich lange den Kopf, um eine Lösung zu finden, aber dann war ja bekanntlich alles anders gekommen.

Schon bei den letzten Olympischen Spielen war der Trend zu beobachten gewesen, dass viele Zuschauer die Sportler auf den hinteren Rängen mehr feierten als die Sieger. Wenn der Führende beim Marathonlauf an der Ecke auf die Zurückgebliebenen wartete, geriet das Publikum außer sich vor Begeisterung. Wenn die Athleten sich beim Hindernislauf gemeinsam über die Hürden halfen, wenn die Boxer Arm in Arm den Ring verließen, um ein Bier trinken zu gehen, wenn die Ruderer sich mit ihren Rudern ausgelassene Wasserschlachten lieferten, wenn die Turmspringer versuchten, die wuchtigste Arschbombe hinzulegen, bei der das Wasser am höchsten spritzte. Oft war der Letztplatzierte der eigentliche Star seiner Disziplin, es konnte ja auch nur einer Letzter werden, viele von ihnen hatten im Anschluss hochdotierte Werbeverträge bekommen. Für 2032 haben die Medienkonzerne reagiert und der Übertragung des Geschehens auf den hinteren Rängen erstmalig mehr Zeit gewidmet als dem Kampf um die Medaillen. Von den Sportlern wollte keiner ein Spielverderber sein, alle machten mit und scherzten lieber miteinander und mit dem Publikum statt sich sinnlos abzuhetzen und die Gesundheit zu ruinieren.

In einer Welt, in der der globale wirtschaftliche Wettbewerb und die Jagd auf die letzten Ressourcen der Erde die Menschen ständigem Stress aussetzt, in der jeder sich im Beruf, aber auch in der Freizeit und sogar in seinem Liebesleben optimieren muss, um nicht aussortiert zu werden, in der eigentlich jeder Mensch ein Hochleistungssportler ist, wenn er ökonomisch überleben will, sind die Olympischen Spiele zu einem Refugium der Leistungsverweigerung, des Spaßes an zwecklosen Tätigkeiten und der Freude am Dasein geworden, was die Einschaltquoten wie nie zuvor in die Höhe schnellen ließ. Niemand wollte es sich entgehen lassen, Menschen dabei zuzusehen, wie sie ohne jeden Erfolgsdruck gemeinsam ihre Freizeit verbrachten. Die ansteckende Wirkung dieser Atmosphäre kann gar nicht zu überschätzt werden. Die Hoffnung ist nicht unberechtigt, dass der Sport zum ersten Mal in seiner modernen Geschichte tatsächlich die Welt verändern könnte.