Olympia 2032 Clarence Underwoods letzter Wurf

Letzter Wurf
Letzter Wurf | © DOON 東

Die ganze Welt ist bei den dezentral und virtuell stattfindenden Olympischen Spielen 2032 hautnah dabei. Doch als Clarence Underwood zum Diskuswurf ansetzt, schaltet die Welt ab.

Der Anschwung: Er führt den rechten Arm nach hinten, ausgestreckt, mit geradem Oberkörper. Mit lockerem Schwung wird der Arm möglichst weit nach hinten gebracht, etwas oberhalb der Schulter.

Die Drehung: Er dreht das linke Bein nach vorn, verlagert das Gewicht darauf. Der Winkel zwischen den Beinen öffnet sich, dann drückt er das Rechte vom Boden ab. Der rechte Arm wird dabei in einen möglichst großen Abstand zum rechten Bein gebracht, was eine bessere Beschleunigung des Wurfgeräts ermöglicht. Doch er lässt diese Energie verpuffen, oder besser: Er nutzt ihren Schwung, um sich rückwärts wieder in die Ausgangsposition zu bewegen.

In einer multifunktionalen Wohneinheit in Radevormwald tasten die Sensoren der Olympia-App die Bewegungen von Clarence Underwood ab. Auch seine Vitalwerte werden minutiös protokolliert. Anhand dieser Daten wird eine holographische Darstellung des Sportlers live gerendert, und auch die Weite seines Wurfs lässt sich so exakt berechnen. Aber Clarence Underwood wirft den Diskus nicht.

Der Anschwung.
Die Drehung.

Seit 2028 werden die Olympischen Spiele nun schon dezentral veranstaltet. Die Gründe für diesen Epochenwandel waren vielfältig: die zunehmende Bedrohung durch terroristische Anschläge bei Massenveranstaltungen, die katastrophale Umweltbilanz eines solchen Mega-Events, die zahllosen Skandale und Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der Spiele. Mit dem Slogan Immersion statt Emission startete das IOC im Frühjahr 2026 eine Kampagne, mit der die Öffentlichkeit für das neue Konzept gewonnen werden konnte.

Der Anschwung.
Die Drehung.

Clarence steht allein in einer archaischen Landschaft. In jeder Richtung hat er freie Sicht bis zum Horizont, in weitem Abstand sind die Ruinen einer vergangenen Zivilisation zu erkennen. Das Gras weht sanft im Wind, manchmal ruckelt es kurz. Die Texturen sind leicht pixelig, sie stammen aus einem Konsolengame der frühen Nullerjahre. Nur hier kann Clarence seine beste Leistung abrufen, im Training wie im Wettkampf. Andere Profisportler nutzen das offizielle Stadionambiente, das vom IOC in verschiedenen Lokalisierungen zur Verfügung gestellt wird. Aber Clarence braucht die Einsamkeit, Menschenmassen waren ihm schon immer ein Gräuel.

Der Anschwung.
Die Drehung.

Im Herbst 2030 gab das IOC bekannt, dass es das Diskurswerfen von der Liste der olympischen Sportarten streichen wird. Somit wird bei der diesjährigen Olympiade 2032 zum letzten Mal eine Goldmedaille in dieser Disziplin vergeben. Die besten Chancen auf den Sieg werden Clarence Underwood eingeräumt, der im Vorjahr den seit 1986 bestehenden Weltrekord des DDR-Sportlers Jürgen Schult brechen konnte. Die neue Bestmarke liegt bei 74,36 m, und es ist fraglich, ob sie je übertroffen wird. Denn das Diskurswerfen liegt schon seit Jahren in der Popularität der Sportarten weit abgeschlagen auf einem der hinteren Plätze. Die Entscheidung des IOC, da sind sich alle Experten einig, bedeutet den Todesstoß für die letzte Disziplin, die noch einen Bogen zu den olympischen Spielen des Altertums geschlagen hat.

Der Anschwung.
Die Drehung.

Clarence Underwood wurde als einziges Kind eines englischen Social Media Managers und einer deutschen Atemtherapeutin geboren. Erst spät entdeckte er die Liebe zum Sport, insbesondere zum Diskuswerfen. Seine untersetzte Figur kam ihm dabei zugute, da sie ihm eine schnelle Beschleunigung in der unteren Drehung ermöglicht. Über sein Privatleben ist nicht viel bekannt, er gilt als scheu und gibt keine Interviews. Einen Monat vor den Olympischen Spielen 2032 gab er bekannt, dass er sich nach diesem Wettkampf zur Ruhe setzen werde.

Der Anschwung.
Die Drehung.

An dem Punkt, an dem Clarence den Schwung der Drehung umkehrt, fällt sein Blick jedes Mal auf die Anzeige an der Wand, neben dem Foto seiner Einschulung. Dort werden nicht nur seine Vitalwerte aufgelistet, sondern auch die Zahl der live zugeschalteten Zuschauer. Bei der ersten Umkehrung waren es genau 7436, eine vertraute Ziffernfolge für den Weltrekordhalter. Nun werden es immer weniger, aktuell sind es nur noch 5745.

Der Anschwung.
Die Drehung.

Er ist in der Form seines Lebens, und er wird diese Schleife durchhalten, bis auch der letzte Zuschauer sich ausgeloggt hat. Vielleicht wird die Übertragung auch vorher schon abgebrochen, denn jeder wird denken, es handele sich um einen Fehler beim Rendering. Doch selbst nach einem Reset der Geräte wird der Werfer noch immer in seiner Schleife gefangen sein. Clarence Underwood geht von der Bühne ab als lebender glitch, und außer ihm wird niemand die Bedeutung seiner Tat verstehen. Aber es reicht, dass er sie versteht.

Der Anschwung.
Die Drehung.
Der Anschwung.
Die Drehung.