Olympia 2032 SPLITT

Splitt
Splitt | © DOON 東

Wer ist der Star der Spiele 2032? Weiß, schwarz, männlich, weiblich? Die zukünftigen Athleten sind heute noch Kinder. Von welchem Kontinent kommen sie, was braucht es, daß ein Talent die Steine auf der Hundertmeter-Lebens-Bahn aus dem Weg räumt?

20, 19, 18, Stop. Gut, nicht gut genug, also weitermachen. Zurück, zurück, auf Anfang, nein, zurück auf weiter. Der Star der Spiele ’32 ist schon geboren, irgendwo läuft, springt sie, er, es? Ein schwarzer Junge, ein weißes Mädchen? Something in between? Indisch, isländisch, aus einer asiatischen Sportschule oder aus einer Sonderklasse in Norddeutschland auf der an diesem hellen Morgen eine mittelalte Sportlehrerin ein wenig Augenmerk auf ein ihr anvertrautes kleines Mädchen aus Eritrea richtet und dieses kleine Mädchen läuft und läuft und läuft, immer und andauernd und allem und allen davon und zuhause wird ihr Vater sie laufen lassen, wird sie vielleicht extra zu der mittelalten Lehrerin bringen, die anbietet, dieses Kind auch mal außerhalb der Unterrichtsstunden zu trainieren.

Es ist ein wilder Windtag und sie läuft ein wenig etwas zu gut und in ihrem Kopf macht es klick, noch nicht gut genug, aber da macht etwas klick, das sagt, weitermachen, das sie antreibt, wiederkommen lässt, gegen den Schmerz in den Beinen, weiterlaufen sagt. Weiterlaufen. Ein Sturm von Menschengesichtergeschrei. Der Wind rast in den Ohren. Das Stadion ein Kessel. Innen ganz kühl. Klick. Klick. Sagen wir das Mädchen heißt Merhawit.

Joans Eltern gehören nicht zu diesen Mittelschicht-Verlierern. Joans Eltern sind Makler und sie haben es trotz Immobilienkrise geschafft irgendwem in Kalifornien wieder Häuser zu verkaufen, sie haben es geschafft ihre zwei Autos, ihr amerikanisches mittleres Traumfamilienhaus zu erhalten. Joan ist zu schmal, zu klein, zu drahtig für Mannschaftscheerleader-Sportlichkeiten, aber sie ist schnell. Sie hängt sich schon als Kleinkind stolz an ihren Dad, wenn der seine Joggingrunden dreht. Manchmal natürlich auch mit Mom.

Chica wird nicht dabei sein. Da können wir leider schon sicher sein. Chica wird einmal in ihrem Leben aus der Ferne ein Stadion sehen. Nicht, dass in Brasilien nicht gerade einige neue milliardenteure Bauten rumstehen, aber Chica lebt weit draußen in einer Favela in einem Vorort und der Sturm an Medien und Sportrummel, der Jubel in den Stadien und die Korruptionsgelder werden einfach an ihr vorbeisickern. Sie wird mit den Kindern ihres Viertels vor dem Fernseher hocken, ja sicher, die ganzen Spiele lang und stolz sein, diffus stolz auf etwas, was in ihrem Land ganz nahe bei stattfindet, sie wird dieses besondere Gefühl behalten, nicht einordnen können, aber es wird ein Knoten auf der Perlenschnur, die Chica ausmachen wird.

Viel später, 2032, wird sie viel älter aussehen als sie ist, wird von ihren drei Kindern von zwei Vätern eins verloren haben, wird nichts gelernt haben, außer das, wie man überlebt, am Rand, aus nichts mit nichts, als im Fernseher, ja Fernseher, das Breitbandinternet, oder was auch immer gerade der aktuelle Tech-Standard ist, wird hier nicht gelandet sein, als wieder die Ringe hochgezogen werden und Chica sich erinnert, an damals, als etwas besonders war.

Li ist auf 15 Sekunden. Ihr Trainer zieht die Augenbrauen hoch. Jubel, innen. Oder zumindest dieses Das-ist-gut-Gefühl. Weiter. Obwohl Li erst sechs Jahre alt ist, trainiert sie schon in einem Sportinternat. Gerne. Stolz. Aber sicher, sagt Lis Mutter.

Aishe wird auch nicht dabei sein. Aishe hat unter ihren langen Röcken einen guten Sportlerkörper. Aber Aishe lebt in Kreuzberg und sie geht auf eine Schule, aus der sie bald raus will, und dann will sie gar nicht so viel. Aishe war noch nie in Mitte oder woanders, wo sie nicht kennt. Aishe wird ab zehn nicht mehr richtig am Sportunterricht teilnehmen. Einmal heimlich dunkel legt sich eine kleine andere Erinnerung in sie hinein. Bei einer Veranstaltung ihres Kindergartens sollen die Mütter Eierlaufen. Und ihre Mutter, die einen schwarzen Schleier trägt, läuft allen davon. Isme läuft als allererste ins Ziel. Herz-schlag-tritt, eine kurze Ewigkeit, erste sein, ganz vorne, da geht noch was, die Tartanbahn fliegt unter Drajina, Merhavit, Peggy, Sabine, Bille, Feven, Joan hinweg, jetzt, es geht, tritt, schritt, go, genau jetzt um diese eine hundertstelsekunde, Pläne werden gepitcht, Sponsoren steigen ein, eine neue Metro, Richtfeste, olympische Dörfer, Skandale und Pressekonferenzen, Maskottchen werden losgejagt, im Augenwinkel links und rechts kommen sie, noch einen Puls. Schlag. Ende. Dann läuft Isme schon nicht mehr.

Aishe ist übrigens ganz zufrieden mit sich und der Welt und fängt im türkischen Supermarkt um die Ecke an, fast hätte sie es noch zur Arzthelferin gebracht, vielleicht wird sie irgendwann später doch noch mal eine Schule besuchen, ein Dreh weiter? Vielleicht hat Chica aber auch jemanden gefunden, der sie auf eine andere Schule als die direkt in der Favela bringt. Eine Schule, in der die Schüler und Lehrer jetzt streiken, weil die Zustände katastrophal sind, aber dieser Streit macht in Chica etwas, dass man nicht alles hinnehmen muss.

In Mosambik läuft ein kleines Mädchen in schöner hellblauer Schuluniform den ganzen langen Schulweg. Ein paar Kilometer lang. Ihr Puls ist ruhig. Sie läuft leicht, mit langen Schritten. Diesen Laufstil wird sie ein Leben lang behalten, er wird einmal als perfekt beschrieben werden. 14, 13. Joan kriegt das Stipendium. In Indien wird ein Sportprogramm aufgelegt. 12, 11. Isme meldet Aisha gegen sämtlichen Familienwiederstand bei einem Sportkurs an und sich gleich mit. Die Fackel wird entzündet. Große, breite, schwere Körper zum Stemmen, schmale, zierlich-drahtige für die Langstrecke, die langen Federmädchen für den Hochsprung, die Breitschultrigen im Wasser. Muskulös-elegante für die Kurzstrecke. Ein Sturm. Innen versuchen die jungen Frauen ganz ruhig zu bleiben und gleichzeitig die Spannung hochzuhalten. Das Adrenalin genau richtig. Sie machen die Königinnenstrecke. Sie sind einen weiten Weg gekommen. Alle. Einige einen noch weiteren. Achtung, Ready. Niederknien, auf die Fingerknöchelchen, Kopf ausschalten, Go. 9,99999. Klick.