Olympia 2032 Der Vogel

Der Vogel
Der Vogel | © DOON 東

Die Bilder der zweiten Olympischen Sommerspiele in Peking werden durch Drohnen in die Welt gesendet. Aber sind sie wirklich nur Maschinen wie Pippas Vater behauptet, oder liegt da etwas Menschliches in ihren Blicken?

Pippa war noch nie so dicht dran. Ihr Leben lang hat sie davon geträumt. 12 Jahre lang. Und jetzt ist sie mitten drin. Vor, hinter, und neben ihr keuchen die schnellsten Frauen der Welt, sie sieht die Falten an ihren Trikots, die Schweißperlen auf ihren Gesichtern, sie ist eine von ihnen. Sie springt über Hürden, über Stangen, fliegt sechs Meter weit, und all das auf dem Sofa im Wohnzimmer. Durch ihre Games-2032-Brille sieht sie all das, was eine der mitfliegenden Drohnen bei den Spielen filmt. Fast 1000 Drohnen sind bei diesen Olympischen Spielen in Peking zum ersten Mal im Einsatz. Sie filmen unter Wasser, fliegen zwischen Marathonläufern, und jagen Speeren und Diskusscheiben hinterher. Pippa wirft sich von rechts nach links, duckt sich, springt auf, und wirft den Obstteller, den ihr Vater ihr auf den Couchtisch gestellt hat, um.

Auf den Offiziellen Olympischen Seiten kann man sich über die Drohnen informieren, da steht alles über sie, Größe, Gewicht, Flughöhe. Nach ein paar Tagen stellt Pippa fest, dass sie eine Drohne besonders mag. Weil ihr Tempo perfekt ist. Weil sie nicht wackelt. Weil sie die interessantesten Bilder macht. Crane heißt sie, und das hier ist das erste Mal, dass sie zum Einsatz kommt. Sie ist im Vergleich zu den anderen Drohnen relativ klein und leicht; die Kanu-Drohnen sind viel breiter, die Unterwasser-Drohnen viel länger, und die Fecht-Drohnen groß und schwerfällig.

Crane ist anders als die anderen. Pippa sieht sich nur noch die Sportarten an, die Crane filmt. Stabhochsprung. Weitsprung. Hürdenlauf. Crane ist eine Leichtathletik-Drohne, klar, das passt zu ihr. Pippas Vater lacht, wenn Pippa ihm von ihrer Drohne vorschwärmt, davon, dass sie es schafft, jedes Mal den perfekten Moment einzufangen, dass das, was sie da macht, große Kunst ist, da eine Leidenschaft dahinter steckt. „Das ist eine Maschine“, sagt Pippas Vater, „die wurde von jemandem programmiert, um genau das zu tun, was sie tut. Das ist alles. Du interpretierst da was rein.“ Aber Pippa spürt, dass Crane anders ist.

Am deutlichsten wird ihr das an dem Tag, als da plötzlich ein Vogel auf einem der Sprungständer sitzt. Keine Ahnung was für ein Vogel das ist, er ist grau und sieht ziemlich gelangweilt aus, der ganze Zirkus hier, das interessiert ihn nicht. Schiedsrichter und Offizielle versuchen, ihn zu verjagen, er kann eine Ablenkung oder gar Gefahr für die Sportler darstellen, wenn er da einfach so sitzt. Pippa weiß das, denn Crane filmt. Crane könnte auch das Warmmachen der Stabhochspringer filmen, wahrscheinlich sollte sie das, aber Crane filmt den Vogel.

Filmt, wie er sich schließlich doch einschüchtern lässt und majestätisch abhebt, mit wenigen kräftigen Flügelschlägen fliegt er bereits hoch über den riesigen Flutlichtstrahlern, und Crane bleibt dicht hinter ihm, bis plötzlich das Bild wackelt, zittert, und dann ist alles schwarz.

Ein Kurzschluss, steht auf den offiziellen Seiten, aber Pippa weiß es besser. Crane hat versucht, über ihre Grenzen zu gehen, und sie ist gescheitert. Sie kann nicht so hoch fliegen wie ein Vogel, sie ist ein programmiertes Instrument. Papa hat Recht.

Pippa nimmt die Brille ab. Nur kurz, denn da leuchtet das Profil von Crane wieder auf. Sie ist wieder da. Etwas zerknautscht sieht sie aus, sie ist abgestürzt und hat sich einen der Solar-Rotoren verbogen, aber folgsam filmt sie das Warmmachen der Stabhochspringer. Der Kommentator kann es nicht lassen, auf die vermeintliche Fehlfunktion von Crane hinzuweisen, die Techniker hätten sich sehr über den Vorfall gewundert und schon überlegt, ob sie lieber Np19, eine flache, schnelle Drohne das Springen filmen lassen.

Und dann, kurz bevor es losgeht, sitzt der Vogel wieder da. Oben, auf dem Sprungständer, er putzt sich den Flügel, als wäre er hier zuhause, er weiß ja auch nicht, dass Millionen Menschen auf der ganzen Welt gerade zusehen. Er ist ganz ruhig und ganz bei sich. Und Crane ist bei ihm. Dieses Mal schafft sie es, ihn noch ein Stück bei seinem Flug zu begleiten, der Kommentator ärgert sich und ruft nach Konsequenzen, da wird das Bild vor Pippas Augen wieder schwarz, und es ist klar, Crane sendet nicht mehr.

Crane liegt irgendwo zerbeult in einem Technikraum, drei Rotoren sind verbogen, sie wird nicht mehr aufgeladen und die Verantwortlichen haben sich nun für Np19 entschieden, das leichte Zittern der Bilder ist nicht spielentscheidend, meinen sie. Pippa bemerkt es sofort. Crane hat nie gezittert. Aber Np19 überträgt jetzt live den Stabhochsprung, technisch einwandfrei, präzise Bilder, aber Pippa fühlt nichts dabei.

Ihr Herz beginnt erst wieder vor Aufregung zu rasen, als sich das Profil von Crane erneut meldet. Eigentlich dürfte sie keinen Akku mehr haben, meint Papa. Die ist doch total kaputt, sagt der Kommentator, drei Rotoren fast abgebrochen, die kann doch gar nicht mehr fliegen. Aber Crane kann. Sie hat Solarzellen auf ihren verbeulten Rotoren, und im Technikraum stand das Fenster offen. Schwankend fliegt sie auf die Stange zu, hebt an, schwebt über die Matte, über die Zuschauer, so hoch wie der Vogel fliegt sie, das kann doch gar nicht sein, sagt Papa, wie macht sie das, aber Pippa weiß, dass Crane so hoch fliegen kann wie ein Vogel, weil sie so hoch fliegen wollte wie ein Vogel.

Und sie selbst fliegt mit. Sie war noch nie so dicht dran.