Olympia 2032 Der virtuelle Sieg

Der virtuelle Sieg
Der virtuelle Sieg | © DOON 東

Die 34. Olympiade ist die erste Olympiade der Menschheitsgeschichte, die im virtuellen Raum stattfindet. Dazu ist als Hauptstadion eigens der Olymp neu errichtet worden, natürlich aus Bits und optischen Fasern gebaut.

Gerechnet an der maximalen Anzahl gleichzeitiger online-Zuschaltungen am Eröffnungstag wäre es die meistbesuchte Eröffnungszeremonie der Geschichte, in jeglicher Hinsicht. Freilich ist es nur einer begrenzten Anzahl Benutzern mit ausreichend Credits erlaubt, ihren digitalen Avatar auf dem Schauplatz erscheinen zu lassen – und dies obschon es sich um einen virtuellen Raum handelt, der vom Mathematischen her gesehen unendlich ausweitbar wäre. Die große Menge der Gratisnutzer jedoch existiert nur in Form von Unit Points mit sechs Freiheitsgraden, die absolut keine Pixel verbrauchen. Sie können zwar das Blickfeld bewegen und dabei alle Orte sehen, die ihnen zu sehen erlaubt sind, doch haben sie selbst keine Identität, können sich nicht austauschen und auch nicht miteinander in Kommunikation treten. Und natürlich kommen sie auch nicht in den Genuss der von zusätzlichen Kanälen übertragenen Wahrnehmungserfahrungen.

Hinter jedem Avatar stecken tausende von Geistern, egal ob sie in Gestalt von Zeus oder von Hello Kitty anwesend sind.

Q, einer von 300.000 Privilegierten, hat sich ein Avatar ausgewählt, das die Merkmale von Kraftwerk, dem japanischen Künstlerduo Maywa Denki und Mr. Spock in sich vereint, mit einem starken Touch von Normcore und Uniform-Otaku, worauf er überaus stolz ist. Qs Avatar erscheint zuerst hoch am Himmel, um dann, geführt von einem farbigen Lichtstrahl, auf einer Bogenlinie in gleichförmiger Geschwindigkeit nach unten zu fliegen. Die Zuschauer sehen die Gesamtansicht des im leeren Raum schwebenden Olymps, der sich langsam um die eigene Achse dreht, in leuchtender Pracht: ein Gemisch aus Florentinischer Romantik und verschiedensten virtuellen Sinnesreizen, welche die gesamte Fantasie und technische Raffinesse der globalen Digitaltechniker zum Ausdruck bringen.

Q verspürt einen kontrollierbaren Schwindel. Sein Adrenalinspiegel steigt leicht an. Er wird diese lange nicht mehr verspürte Erregung halten können, bis er in der Arena landet – das ist der Sinn dieses sorgfältig konstruierten Übergangs aus der realen in die virtuelle Welt.

Aus seiner Sicht mangelte es diesem überdimensionierten Kolosseum deutlich an Phantasie. Am wenigsten konnte er sich an die übervölkerte, laute Atmosphäre gewöhnen. Daher schaltete er schließlich alle anderen Nutzer aus, stellte alle Avatare ringsum auf durchsichtig, so dass sie in den Hintergrund eingingen, und nun Q allein und einsam der großartigen Zeremonie beiwohnte. Riesenhafte virtuelle Gestalten führten in der Luft ihre Künste in  Verrenkungen und Windungen vor, teilten sich im Takt der digitalen Klänge in zahllose kleine Menschen auf, die versprühten und sich auf Zuschauer verteilten, um dort zu kleinen virtuellen Medaillons zu werden, die dann in bestimmte Privilegien eingetauscht werden konnte, wie etwa ein einminütiges Zuschauerrecht im VIP-Raum.

Bereits vor der Eingabe dieser virtuellen Olympiade hatten sich lange Diskussionen um ethische und technische Fragen entsponnen.

Die Verfechter waren der Meinung, dass es in der gesamten Geschichte der Menschheit ohnehin noch nie wirkliches Fair Play gegeben hätte, und dass es sich angesichts der genetischen, finanziellen und technischen Voraussetzungen, bei dem sogenannten Fair Play lediglich um eine Selbsttäuschung durch eine illusionäre Ethik handle. Dahingegen sei die virtuelle Realität womöglich der einzige Weg, der, wenn auch gefahrvoll, tatsächlich zum Fair Play führen könnte. Dann hätten nämlich sämtliche Teilnehmer die Bande des Körpers und der physikalischen Welt abgelegt und kämen nur durch ein genormtes Brain-Computer-Interface in die virtuelle Arena. So würden sich die ganzen Strapazen mit andauernden Trainings und jahrelangen Mühen in Blut und Schweiß in übersetzte Nervenimpuls-Signale auflösen, anhand derer die aus absoluter Sicht völlig ununterscheidbaren digitalen Avatars kontrolliert würden, welche in einem Raum wetteiferten, den kein Mensch je zu erreichen oder sich daran zu gewöhnen vermochte.

Sie sagten, das erst wäre eine wirkliche Fairness.

Q war anderer Meinung.

Gemeinsam mit vielen anderen Körper-Fundamentalisten hielt er daran fest, dass gerade die Mängel des menschlichen Körpers all den Bemühungen erst wirklich Sinn verliehen. Und nur das Wirkliche konnte schön sein. In der virtuellen Welt betrachten alle nur deinen Avatar und versuchen daraus auf deinen Stand, dein Geschlecht, deine Hobbys und Orientierung und alles weitere zu schließen. Das war doch sogar noch verlogener als die Markengläubigkeit im Konsumismus. Denn alles in diesem Raum war ja nur eine Virtualisierung der realen Welt, die ganze Avatar-Verehrung eine Virtualisierung der Verlogenheit, eine doppelte Verneinung, aus der keine neuen Gefühlsbindungen entstehen konnten. Wettkämpfern zuzuschauen, die von jeglicher Individualität beschnitten um virtuelle Goldmedaillen kämpfen – das wäre doch ein absolut langweiliges und lachhaftes Verhalten.

Doch diese Gegenstimmen vermochten die Stromrichtung nicht zu ändern.

Obschon jene Sportler ihre reale Staatsangehörigkeit bewahrten, war ihre virtuelle Zugehörigkeit weitaus augenscheinlicher. In diesem Bit-Raum, der theoretisch unendlich teilbar und schichtbar war, konnten sich die Benutzer frei zu Stämmen zusammenschließen, Königreiche errichten, und sogar dank dem Artificial Intelligence-Hosting-Mechanismus gleichzeitig in mehreren Avataren auftreten. Das machte die ganze Parade der Athleten, die sich hier vor Q ausbreitete, gleichsam zu einer losen Ansammlung von leuchtenden Inselgruppen, die sich dauernd in neuen Ordnungen formierten.

Während Q ganz alleine dieser Eröffnungszeremonie der Olympiade beiwohnte, wartete er beklommen auf einen entscheidenden Augenblick. Seine Kollegen waren gerade dabei, in der realen Welt einen synchronen Angriff zu starten, um die wichtigen Datenübertragungsknoten zu kappen, welche dieses immense virtuelle Reich instand hielten. Es würde nichts zu Schaden kommen, es gäbe keine Toten und Verletzten, keine politischen Beschwerden; es ging lediglich darum, einen virtuellen Sieg für das Wahre und das Schöne zu verwirklichen. Im Kopf begann er sich schon vorzustellen, wie die Medien sie als eine Gruppe extremistischer Fundamentalisten beschreiben würden, ohne ihr wirkliches Leben überhaupt zu kennen, und ohne zu wissen, wie Q in einem Bombenangriff zum Querschnittsgelähmten geworden war und vor dem Eintritt in die virtuelle Welt lange Diskriminierung erlitten hatte, allein weil er nicht ausreichend Credit hatte.

Der Mensch ist von Geburt an nicht gleichberechtigt.

Q blinzelte mit den Augen der realen Welt. Zehntausende von digitalen Avatars erfüllten von Neuem das Feld.

Wenigstens vor dem Untergang.