Aktivismus in den Sozialen Medien Mit Humor gegen den Hass

„Wir machen uns nicht lustig, wir machen uns Sorgen!”
„Wir machen uns nicht lustig, wir machen uns Sorgen!” | © HoGeSatzbau

In den Sozialen Medien darf jeder seine Meinung sagen. Aber was passiert, wenn die extrem rassistisch oder fremdenfeindlich ist? HoGeSatzbau und HassHilft gehen kreativ gegen menschenverachtendes Gedankengut im Internet vor.

Dass die Sozialen Medien keine unregulierten Spielwiesen sind, auf denen größtenteils höfliche Menschen über ihr Privatleben schreiben und lustige Gifs teilen, ist den meisten Internetnutzern wohl bewusst. Wer sich durch Netzwerke wie Facebook und Twitter klickt, entdeckt neben Urlaubsfotos und Foodporn auch immer häufiger fremdenfeindliche Hasskommentare. „Ausländer raus!” gehört dabei zu den weniger aggressiven Forderungen all derer, die etwas gegen Geflüchtete und andere Einwanderer haben. Besonders im Zuge der vielbeschworenen „Flüchtlingskrise” hat sich die Zahl der Posts und Tweets mit rassistischen, fremdenfeindlichen und islamophoben Inhalten vervielfacht. Viele der Hasskommentatoren sehen sich dabei als „echte Deutsche”, die ihr Land und ihre Kultur vor einer drohenden Überfremdung bewahren müssen. Bemerkenswert, dass diese vermeintlich „echten Deutschen“ ihren xenophoben Zorn nur selten auch in korrektem Deutsch in die Tastatur hacken. So liest man weit öfter „ausländer Raus!!!”, „Ausleender rhaus” oder „auländers raus!!” als „Ausländer raus!”.

Warum diese angeblichen „echten Deutschen” ihre eigene Sprache so wenig beherrschen? Das fragen sich auch die drei Mitglieder der Hooligans Gegen Satzbau, kurz HoGeSatzbau, immer wieder. Der Name der Gruppe spielt auf die extremistische „Hooligans gegen Salafisten“- Bewegung an, die sich im Oktober 2014 in Köln eine Straßenschlacht mit der Polizei lieferte. Unter dem Motto „Wir machen uns nicht lustig, wir machen uns Sorgen!” spüren die „Hooligans“ der HoGeSatzbau menschenverachtende Hasskommentare auf Facebook, tumblr und Twitter auf und korrigieren diese unter strenger Einhaltung der Duden-Rechtschreibregeln. Dieser Deutschunterricht ist natürlich ironisch gemeint und die Posts der „Hooligans“ sind oft brüllend komisch. „Sprache ist Macht”, meinen Klugscheißerhool, Grafikhool und Grammatikhool, die nur unter Pseudonym agieren. „Menschen, die im Ausdruck begrenzt sind, können nicht im gleichen Maße in der Gesellschaft partizipieren und haben das Gefühl, weniger Einfluss auf ihr Leben nehmen oder Veränderungen in ihrem eigenen Leben vornehmen zu können.” So entstehe unter anderem der Hass auf Ausländer, Geflüchtete und auch Politiker.

Keine Likes für fremdenfeindliche Parolen

Angefangen mit ihrem ironischen Nachhilfeunterricht haben die „Hooligans“ im Herbst 2014. Ihre „Initiative gegen Rechts-Schreibung” hat mittlerweile 126.800 Facebook-Likes und 2.500 Twitter-Follower. Wer ihre Seiten und Kanäle aufruft, dem springen sofort der deutsche Reichsadler, die Parteifarben der NSDAP und altmodische Schriftarten entgegen  – also visuelle Codes, die mit Vorliebe von faschistischen Gruppierungen eingesetzt werden. Da die „Hooligans“ für die totale Satire stehen, nehmen sie nicht nur die Sprache, sondern auch die Symbole der Neonazi-Szene auf die Schippe. Facebook scheint das nicht zu verstehen und hat die Seite schon mehrmals sperren lassen. Das ist vor allem deshalb seltsam, weil gerade Facebook notorisch schlecht darin ist, echte Hasskommentare aus seinem Netzwerk zu löschen. „Wir bekommen sehr oft Zuschriften von Leuten, die eindeutig rechte und volksverhetzende Inhalte, Aufrufe zu Gewalt und Verunglimpfungen von Menschen bei Facebook melden und als Antwort bekommen, dass die Inhalte nicht gegen die Gemeinschaftsbedingungen verstoßen”, meinen die „Hooligans“. Offiziell findet Facebook die Gruppe, die eine Heimat in der Amadeu Antonio Stiftung für Zivilgesellschaft und demokratische Kultur gefunden hat, mittlerweile gut und hat sie im August 2016 für den „Smart Hero Award” nominiert.

„Hasshilft” verfolgt einen ähnlich unkonventionellen Ansatz wie die „Hooligans“, wenn es darum geht, rassistisches und islamophobes Gedankengut in den Sozialen Medien zu bekämpfen. Die Initiative des Zentrums Demokratische Kultur (ZDK) in Berlin wandelt jeden Hasskommentar auf Facebook oder Twitter in eine „unfreiwillige Spende” gegen Fremdenfeindlichkeit um. Die Idee dahinter ist so genial wie einfach: Jedes Mal, wenn jemand einen Hasskommentar veröffentlicht, antworten die Mitstreiter von Hasshilft mit einem bereitgestellten Post, der Rassismus mit Witz und Ironie anprangert. Diese Posts werden gezählt und pro Hasskommentar ein Euro an Programme wie EXIT gespendet, die Neonazis beim Ausstieg aus der Szene helfen. Oder auch an Projekte für Geflüchtete. „Wir wollen den Hass dekonstruieren, ihn der Absurdität preisgeben, denn etwas anderes ist dieser blanke Hass nicht. Er ist absurd und gefährlich”, erklärt Fabian Wichmann, der Sprecher von Hasshilft.

Wer hasst, der spendet

Die „unfreiwillige Spendenaktion” läuft schon seit Oktober 2015 und wird von einem Team aus sechs Ehrenamtlichen koordiniert, die teilweise selbst Neonazi-Aussteiger sind. Finanziert wird Hasshilft von Partnern und Unterstützern, zu denen auch einige Medien und viele Privatspender zählen. Bei Hasskommentatoren kommt die Initiative natürlich nicht gut an: „Einige Nutzer kommentieren unseren Post mit weiterem Hass und damit weiteren unfreiwilligen Spenden”, meint Fabian Wichmann. „Wir haben aber auch Nutzer, die sich entschuldigen und ihre Hasskommentare zurücknehmen. Nicht viele, aber es kommt vor.” Während einige mit der Polizei oder dem Anwalt drohten, löschten viele die kompletten Posts oder kommentierten nicht mehr weiter, um nicht noch mehr unfreiwillig zu spenden.

Auch die „Hooligans Gegen Satzbau“ erhalten regelmäßig giftige Antworten. Die Zahl der Drohmails halte sich aber in Grenzen. „Es gibt einen ‚Schüler’, der als Paradebeispiel gelten könnte”, erzählt die Gruppe. „Er wurde korrigiert, was die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf seine Worte und sein Profil nach sich zog und eine fristlose Kündigung seines Arbeitgebers zur Folge hatte.” Nach einigem Hin und Her habe er ein Flüchtlingsheim besucht und erkannt, dass er sich verrannt habe. „Als er den Hooligans das schrieb und Bilder schickte, bat er auch darum, eine anonyme Entschuldigung zu posten.” Solche Schüler sehen nicht nur die „Hooligans“ gerne.