Syrian Mobile Film Festival Im Auge des Smartphones

Junges Publikum auf einem Screening des Mobile Film Festivals in Syrien
©Syrian Mobile Film Festival

In Syrien dokumentieren Tausende Menschen mit ihren Smartphonekameras den unerträglichen Alltag im Kriegsgebiet. Im Programm des „Syria Mobile Film Festival” reisen diese Filme um die Welt.

Es ist dunkel im BOX Freiraum, einem kleinen Zentrum für Kunst und Kultur im Ostberliner Stadtteil Friedrichshain. Mehr als hundert Besucher drängen sich auf wackeligen Bierbänken und erfüllen den Raum mit dem sanften Klirren von Weingläsern. Ein ganz normaler Frühlingsabend in Berlin. Kaum hat das Filmscreening begonnen, ist die lockere Stimmung jedoch schnell verflogen: Es fallen Fassbomben auf Aleppo. Ein kleiner Junge versucht in einem Kurzfilm von Hasan Kattan dem Schulunterricht zu folgen, kann aber kaum schreiben, weil ihm die rechte Hand und mehrere Finger der linken Hand fehlen. Im nächsten Clip von Majd Al-Hamwi und Lawand Zaza erkundet ein Syrer in den Niederlanden seine neue Umgebung auf einem klapprigen Fahrrad. Ammar Abdo zeigt zwei junge Männer, beinahe noch Jugendliche, die durch goldgelbe Felder als Rekruten der Freien Syrischen Armee auf ihren nächsten militärischen Einsatz zu robben.

„Smartphones sind ein Werkzeug, um unsere Geschichten zu verteidigen”, erklärt Amer Matar, Journalist und einer der Initiatoren des Syria Mobile Film Festival. Wir sitzen in einer Shisha-Bar unweit des BOX Freiraum. „Einfach Videos auf der Straße zu drehen ist in Syrien verboten. Wer filmen will, braucht dafür eine Erlaubnis.” Mit Smartphonekameras könne man diese Hindernisse überwinden und das Leiden der Zivilbevölkerung ungefiltert dokumentieren, meint Matar. „Ohne Smartphones könnten wir viele der schrecklichen, aber auch schönen Dinge, die in Syrien passieren, nicht sehen.“ Schön seien zum Beispiel die kleinen und großen Aufstände der Menschen gegen das Regime von Baschar Al-Assad oder gegen Terrororganisationen wie den Islamischen Staat: „Die Kamera im Smartphone ist wie ein Auge für uns.”

Zurück an die Wiege der syrischen Revolution

Um den vielen Filmen, die von der syrischen Bevölkerung seit dem Ausbruch der Revolution 2011 gemacht wurden, eine Plattform zu bieten, hat Amer Matar zusammen mit seinen Kollegen von Al-Sharea, einer gemeinnützigen syrischen Medienstiftung, vor drei Jahren das Syria Mobile Film Festival gegründet. Syrische und syrisch-palästinensische Filmemacher – egal ob Profis oder Laien – können ihre Arbeiten auf der Website des Festivals hochladen und sich um eine Teilnahme bewerben. Wichtigste Voraussetzung ist, dass die Filme nur mithilfe einer Handykamera aufgenommen worden sein dürfen. Ob die Postproduktion auch auf dem Smartphone oder aber am Computer stattgefunden hat, ist dabei egal. 

Das erste Screening des Syria Mobile Film Festival fand 2014 in sechs syrischen Städten statt. In diesem Jahr werden die insgesamt 33 Filme des Festivalprogramms an mehr als 20 Orten gezeigt: Mit dabei sind Aleppo, Idlib, Homs und Daraa, aber auch Istanbul, London, Los Angeles. Und eben Berlin. Das „mobile“ im Festivaltitel hat also eine doppelte Bedeutung: Zum einen steht es für die Handys, mit denen die Filme gemacht werden. Zum anderen unterstreicht es den nomadischen Charakter des Festivals, das um die ganze Welt zieht. Seit diesem Jahr sind außerdem ein paar internationale Filme im Programm, unter anderem aus dem Irak, Australien und Indonesien.

Während die Organisation in Berlin relativ einfach war, gehen die Screenings in syrischen Städten mit einem ungeheuer größeren logistischen Aufwand einher. Matar und seine Mitstreiter waren in der Revolution aktiv, viele von ihnen mussten fliehen und leben mittlerweile in Europa. „Zum Glück haben wir immer noch ein riesiges Team in Syrien”, meint Matar. Die Termine vieler Aufführungen würden wegen der schlechten Sicherheitslage erst kurz vorher bekannt gegeben. Das Auftaktscreening des diesjährigen Festivals fand im April in der Stadt Daraa im Südwesten Syriens statt. Das Festivalteam rollte eine riesige Leinwand in dem antiken Amphitheater Busra Al-Harir aus und zeigte ausgewählte Filme im Schutz der Nacht. Daraa ist ein symbolträchtiger Ort, die Stadt gilt als Wiege der syrischen Revolution.

Handys für ein befreites Kino

Neben den Filmvorführungen vergibt das Syria Mobile Film Festival auch Preise und Stipendien an junge syrische Filmemacher und organisiert die regelmäßig in Syrien und der Türkei stattfindenden Pixel-Workshops. Im Rahmen dieser Lehrwerkstätten können die Teilnehmer ihr Filmmaterial schneiden und von Profis lernen. „Das Filmen wird so viel billiger”, erklärt Amer Matar die Vorteile des Smartphone-Ansatzes. „Außerdem sind wir unabhängig von Produktions- und Sicherheitsfirmen, die man an einem normalen Filmset auf jeden Fall bräuchte.” Ein neues, „befreites” Kino wollten sie so schaffen, dass den Gedanken, Träumen und Ideen syrischer Filmemacher eine Bühne biete. Dass die Filme im Festivalprogramm eher wackelig und manchmal ziemlich grobkörnig sind, gehört zum Konzept. Schließlich bilden qualitativ hochwertige, perfekt ausgeleuchtete Bilder selten die Realität ab. „Das schärfste Bild ist nicht immer auch das deutlichste” ist nicht umsonst das offizielle Motto des Festivals.

Langsam senkt sich die Abenddämmerung über Berlin. An der Außenwand des BOX Freiraum leuchtet ein Neonschriftzug auf: „Dein Land existiert nicht” steht in hellblauen Lettern auf die Sandsteinwand geschrieben. Der künstlerische Aktivismus von Matar und seinem Team wirkt wie ein Paukenschlag im internationalen Konzert des Vergessens und Wegschauens angesichts der blutigen Auseinandersetzungen seit den ersten Protesten in Daraa vor fünf Jahren. Doch Syrien existiert und das Leiden seiner Bevölkerung ist sehr real. Solange das Syria Mobile Film Festival um die Welt tourt, kann keiner guten Gewissens die Augen davor verschließen.