Stadtgeschichten: Berlin Seepferdchen im Schoko-Laden

Christoph Wohlfarth
Christoph Wohlfarth | Foto: Susanne Schleyer

Schokolade als Beruf? Christoph Wohlfarth hat sich diesen süßen Kindertraum verwirklich und seine eigene Schokoladenmanufaktur eröffnet. Damit führt er eine Tradition fort, die Berlin schon seit über 150 Jahren prägt.

Christoph Wohlfarth sitzt mir in der Chausseestraße in einer schmalen Kaffeebar namens 19 Grams gegenüber. Für alle, die keine Kaffee-Afficionados sind: 19 Gramm entsprechen der Menge an nötigen Kaffeebohnen die man für einen perfekten doppelten Espresso benötigt. Christoph Wohlfarth wirkt immer entspannt, obwohl er als Inhaber einer kleinen Schokoladenmanufaktur mit integriertem Geschäft für seine süßen Produkte sehr viel zu tun hat. Aber er ist ein Genießer. Für die guten Dinge des Lebens nimmt er sich Zeit. Den Kaffee, den wir trinken, lobt er sofort: „Ich beziehe meine demeter-Kaffeebohnen von hier – drei meiner Schokoladensorten haben ja einen kleinen Kaffeeanteil“. Das 19 Grams, das Christoph Wohlfarth so gern aufsucht, befindet sich nur drei Minuten von seiner Wohnung in einer erstaunlich ruhigen, fast verträumten Ecke mitten in der Stadt.

Berlin ist eine seltsame Metropole: Man merkt ihr immer noch an, dass sie relativ spät eine wirkliche Großstadt wurde. Erst 1920 hat Berlin viele umliegende Städte, Landgemeinden und Gutsbezirke eingemeindet. Die heutigen Bezirke Berlins haben daher oft den Charakter von eigenständigen Städten, mit Zentrum und Peripherie. Es gibt in Berlin mehrere Zentren, nicht nur eines in Ost- und eines in Westberlin, und immer wieder diese überraschend ruhigen Straßen im Grünen. Das macht Berlin zur wohl „grünsten“ und wasserreichsten Stadt zwischen Paris und Moskau.

Das 19 Grams ist ein schönes, ebenso schlicht wie edel gestaltetes Café. Zur Rechten befindet sich eine Wand aus naturbelassenem Backstein – hier werden die hauseigenen Kaffeesorten präsentiert. Wir gehen nun zur Empore hoch und lassen uns in einer wunderbaren Nische mit Blick bis auf die belebte Chausseestraße nieder. Die verwinkelte obere Etage mit den kleinen Sitznischen ist der geglückte Versuch, in dem schmalen Raum mehr Platz anzubieten. Ein paar Hipster mit Laptop haben sich hier niedergelassen, tippen mal erregt los, dann blicken sie wieder selbstvergessen nach oben. Von der Decke baumeln übergroße Glühbirnen, in denen die Drähte in sanftem Orange vor sich hinglimmen. Diese Glühbirnen-Lampen passen zum modernen, urbanen Chic dieses Cafés, das dennoch eine gewisse Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlt.

Genau diese Beschreibung könnte auch auf Christoph Wohlfarth zutreffen. Seine Schokoladenmarke heißt, ganz einfach, Wohlfarth. Wie kam der gebürtige Bremer, jetzt 38 Jahre alt, dazu, nach Berlin zu ziehen und Schokoladentafeln, Pralinen und – sein erfolgreichstes Produkt – „Schoko-Salzstäbchen“– zu produzieren und zu verkaufen? Wie wurde aus ihm einer der 160.000 Kleinunternehmer, die Berlin zu einer boomenden Stadt voller Überraschungen machen?

Bevor wir uns dieser Frage annähern, erzählt Christoph zunächst von seiner Begeisterung für A-Cappella-Musik. Er versteht wirklich etwas von der Materie. Auf der Bühne der „Glocke“ in Bremen stand Christoph auch schon, wie er nicht ohne Stolz berichtet. Auch die drei Geschwister sind musisch, spielen Cello und Geige, die Mutter Querflöte, der Vater Mundharmonika. Es bestätigt sich wieder einmal: Wenn jemand Kunst macht, ob literarische, bildnerische, fotografische, musische oder auch kulinarische – dann ist er meist ein vielseitig interessierter Mensch, der seine Inspiration aus ganz unterschiedlichen Quellen erhält.

Christoph ist in Bremen auf eine Waldorfschule gegangen. Dort hat ihm der handwerkliche Ansatz gefallen. Alles Mögliche hat er gelernt, selber herzustellen. Zum Schulabschluss gehörte eine große Eigenarbeit: Christoph hat allein ein Boot gebaut, dessen Motor mit Solarenergie betrieben wird. Danach lernte Christoph erstmal Bäcker. Sein Gedanke war: Bäcker ist ein Beruf mit Zukunft, Brot essen die Leute immer. Auch wenn er sagt, dass ihn die Familientradition damals nicht bei der Berufswahl beeinflusst hat, so gefällt es ihm doch aus einer Familie mit einer dreihundert Jahre langen Bäckertradition zu stammen. Noch sein Großvater war Inhaber einer Wohlfarth-Bäckerei in Thüringen. Diese wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg total zerstört. Sein Vater kam nach dem Krieg nach Bremen. Christoph ist ein Beispiel dafür, wie Enkel manchmal Traditionen fortsetzen, der die Eltern den Rücken gekehrt haben. Das reine Bäckerhandwerk empfand er jedoch auf die Dauer als zu unkreativ und das tägliche sehr frühe Aufstehen als wenig lustig. So machte er auch noch eine Konditorlehre. „Eine eher weiblich dominierte Welt“, sagt er rückblickend. Aber er zeigte schnell Talent, nicht nur, was die „Architektur“ von Torten angeht: Er baute in seiner Ausbildungszeit gemeinsam mit seinem Chef einen lebensgroßen Skispringer aus Schokolade und eine sechs Quadratmeter-Torte, die das handwerkliche Können ziemlich herausforderten. Später hat er mal die Kriemhild aus dem Nibelungenlied aus Schokolade fabriziert und einen riesigen Notenschlüssel. Mehrmals nahm Christoph Wohlfarth am Patisserie Grand Prix in Wien teil und gewann dort mit einer seiner Torten den 1. Preis. Sein Chef während der Konditorenausbildung, Konditormeister Peter Hauptmeier, vermittelte ihn schließlich im Jahr 2003 an ein Restaurant mit sehr gutem Ruf – das VAU von Kolja Kleeberg – in Berlin. Dort arbeitete Christoph zunächst als Demi Patissier, später als Chef Patissier. Nach dem VAU arbeitet er bei Krucks Chocolaterie (Kleinmachnow). Dort war er für den kompletten Aufbau und das Angebot der hauseigenen Konditorei zuständig. Nachdem Christoph Wohlfarth die Bäcker- und anschließend die Konditor-Ausbildung abgeschlossen hat, macht er das Fachabitur, Note 1,6. An die Uni ging er jedoch gar nicht. Zu eingespannt war er damals einfach schon, zu erfolgreich auf seinen Gebieten.

Scheinbar zusammenhanglos erzählt Christoph Wohlfarth nun, dass er einen sehr feinen Geruchssinn habe. „Das ist manchmal auch lästig“, seufzt er. Man kann sich das vorstellen, in einer Großstadt mit schwitzenden Touristen in der U-Bahn, mit Currybudengeruch und Abgasen in den Straßen. Aber diese feine Nase hilft sicher auch beim Erstellen von Rezepturen.

Berlin ist im Übrigen eine echte Schokoladen-Metropole, damals wie heute. Schokoladenmanufakturen wie Schokoladen Walter, Sawade, Rausch und Hamann sind hundert Jahre alt und älter. Süße Massenware wird ebenfalls seit Langem in Berlin produziert. Bahlsen, Storck und Stollwerck haben hier Werke. Sarotti wurde 1852 in Berlin gegründet, später ging die Firma in Stollwerck auf. Daneben gab es in Preußen zahlreiche andere Schokoladenmarken, zum Teil mit zirkushaften Namen wie Frisöni, Nizelli, Kynast, Kwieschinsky oder Cyliax. Die Gegend um den Gendarmenmarkt war vor dem Ersten Weltkrieg das Mekka junger, fortschrittlicher Leute mit etwas Geld, die es chic fanden, Schokolade zu konsumieren – damals noch als Apothekenprodukt zur „Kräftigung“.

Doch Weltkriege, Nachkriegszeit und Mauerbau setzten den Süßwarenfabriken zu. Heute gibt es zwei Kulturzentren, die in den Achtziger und Neunziger Jahren, im Zuge von Hausbesetzungen, in ehemaligen Schokoladenfabriken unterkamen: Als das Frauenzentrum in der Mariannenstraße in die ehemalige Fabrik Greiser & Dobriz einzog, musste erstmal zentimeterhoch alte Schokolade vom Boden gekratzt werden. Die Hausbesetzerinnen hatten harte Arbeit zu leisten! Und das Kulturzentrum Schokoladen in der Ackerstraße in Mitte trägt seinen Namen nicht ohne Grund. Doch während von den früheren Schokoladentempeln nicht viel mehr als ihr Name übrig geblieben ist, hat sich um die Jahrtausendwende in Berlin wieder eine kleine feine Schokoladenbewegung etabliert. Es entstanden eine Reihe neuer Marken, fernab vom Supermarkt-Massensortiment, hochpreisig und von sehr guter Qualität, mit besonderem Augenmerk auf ökologische Herstellung und fair gehandelte Zutaten. Eine solche Marke war in’t Veld-Schokoladen. Im Jahr 2006 wird Christoph Wohlfarth deren Chocolatier und produzierte gemeinsam mit Holger in’t Veld, eine Weile lang eine sehr gute Schokolade, mit Verkauf im hauseigenen Laden am beliebten Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg. Noch heute spricht Christoph davon, dass er durch Holger in’t Veld an die „große Welt der Schokolade“ herangeführt wurde.

Vor sechs Jahren hat sich Christoph schließlich den Schritt in die Selbstständigkeit zugetraut und Wohlfarth Schokolade ins Leben gerufen. Manufaktur und Laden befinden sich in der ruhigen, von einigen Einzelhandelsgeschäften und kleinen Büros bestimmten Choriner Straße, ebenfalls im Prenzlauer Berg. Aber natürlich verkauft Christoph seine Schokoladenprodukte weit über die Grenzen des Prenzlauer Bergs hinaus - bis nach Salzburg oder Japan. In der Choriner Straße kann man in der gläsernen Schokoladenmanufaktur dem produzierenden Team bei der Arbeit zuschauen und die Produktvielfalt des Hauses kennenlernen, auch probieren. Man findet hier neben den schon erwähnten „Salzstäbchen“ (lange dünne Schokostäbchen mit Salzkrümeln) viele weitere Kreationen wie die „Schoko-Salami“ (eine Schokoladenwurst mit Nüssen und Rosinenstückchen, sieht täuschend echt aus). Es gibt eine Variante „ab 18“ mit Rum. Für Überraschung sorgen die Singles an der Wand über der Theke: Es sind Schokoladen-Schallplatten mit thematisch passenden Klassikern wie Trude Herrs’ Sechziger-Jahre-Schlager Ich will keine Schokolade. Die Schokoladen-Singles haben Rillen und lassen sich wirklich abspielen.

Christoph fährt sich mit der Hand durch die dunklen Locken – manchmal hat er etwas von einem kleinen Jungen (ich erfahre, dass er ein Nachzügler ist, sein Vater ist schon 92 Jahre alt, „aber noch sehr fit!“). Nun berichtet er mir von seinem großen Traum - nicht ohne Selbstironie ob der Romantik der Idee: Am liebsten würde er mal alle Dinge, die ihn begeistern „unter einen Hut bekommen“: In seinem Schokoladencafé gäbe es dann auch eine Indoor-Minigolfanlage und ein Aquarium, in dem Seepferdchen schwimmen – Christoph grinst an dieser Stelle – und an einem Abend im Monat fände natürlich ein A-Cappella-Event statt. Warum sollte sich dies nicht realisieren lassen? In Berlin, der Stadt mit den vielen Zentren und den unzähligen kleinen kreativen Inseln und Nischen, ist noch vieles möglich.