Stadtgeschichten: Peking Die Seele des Trommelturms ist noch da

Ma Kelu
Ma Kelu | Foto: Zeng Rongtian (曾融天)

Der östlich des Trommelturms aufgewachsene Maler Ma Kelu nennt den Pekinger Trommelturm einen „General niederer Herkunft“ und den Glockenturm eine „Lady edler Abstammung“. Während er sich an seine Kindheit erinnert, legt er zugleich Zeugnis über den Wandel Pekings ab. Nichtsdestotrotz glaubt Ma, dass der Geist oder die Seele dieses Ortes noch vorhanden ist und dass er seine Ausstrahlung nicht verloren hat.

Ein Wochenende in Pekings Künstlerviertel Caochangdi (草场地). Das Café am fünften Ring, in dem ich mit Ma Kelu (马可鲁) verabredet bin, ist so überfüllt, dass wir kurzerhand auf das einigermaßen ruhige Restaurant daneben ausweichen. Ich denke daran, dass ich den Maler ursprünglich in seinem Atelier besuchen wollte. Es läuft eben nicht immer alles nach Plan, was dem Gelingen der Sache glücklicherweise keinen Abbruch tut. Ma und ich bestellen erst einmal Bier und Vorspeisen.

Mit sechs Jahren zog Ma mit seinem Vater von Shanghai nach Peking in einen der typischen Siheyuan-Wohnhöfe in einer der Hutong-Gassen östlich des Trommelturms. „Der Boden war mit grauen Ziegeln gepflastert und im Hof standen zwei große Zierapfelbäume, die bis über das Dach reichten“. Den Siheyuan hatte sein Vater in den Vierzigerjahren bei einem Offizier der Guomindang gegen 38 Goldtael eingetauscht. Im Peking Anfang der Sechzigerjahre galt allein die Verbotene Stadt als „innere Stadt“, während die Bevölkerung in der sogenannten „äußeren Stadt“ wohnte. Wo heute der zweite Ring verläuft, stand da noch die Stadtmauer mit ihren Toren. Auch wenn sie schon damals nicht mehr vollständig erhalten war, war die Grundstruktur der Stadt immerhin noch zu erkennen. Außerhalb der Stadtmauer lagen Gemüsefelder und Ziegelgruben und noch dahinter Getreidefelder und Forstflächen. Die Stadtgrenze verlief  im Osten bei Jianguomen (建国门) und Dabeiyao (大北窑), im Westen bei Fuchengmen (阜成门) und You’anmen (佑安门) und im Norden bei Andingmen (安定门). Hinter der Stadtmauer gab es außerdem aufgegebene Ziegelgruben, die sich mit Wasser gefüllt hatten und über die es jedes Jahr Gerüchte von Ertrunkenen gab.

Ma Kelu (马可鲁):Drum Tower Avenue, 48x58cm (1981) Ma Kelu (马可鲁):Drum Tower Avenue, 48x58cm (1981) | Courtesy of Ma Kelu

„Rote Mauern mit gelben Dachziegel und dazu grüne Bäumen unter einem blauen Himmel“, dieses Bild hat Ma vor Augen, wenn er an das Peking seiner Kindheit denkt. Der Trommel- und der Glockenturm, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Zuhause lagen, galten damals als die höchsten Gebäude der Stadt. Am Trommelturm fand am Frühlingsfest ein Jahrmarkt statt. Es wurden glasierte Früchte am Spieß verkauft, Geschichtenerzähler traten mit ihren Guckkastentheatern auf und es gab die traditionellen chinesischen Neujahrsbilder und Spruchpaare in Form von Kalligrafien auf roten Papierstreifen. Für Ma gehört das zu den schönsten Erinnerungen an den Trommelturm. Zwischen Glocken- und Trommelturm befand sich eine Arena für Geschichtenerzähler. Ein großer, breiter Flachbau, in dem zum Beispiel der legendäre Yuan Kuocheng (袁阔成) aus der Inthronisierung der Götter (封神榜) oder der Geschichte der Drei Reiche (三国演义) erzählte. Weil die Kinder kein Geld für den Eintritt hatten, lauschten sie an den mit Papier bespannten Fensteröffnungen oder verfolgten das Geschehen durch einen Türspalt. Und dann war da noch die Bäckerei, die süßes Gebäck herstellte dessen süßer Duft einem in die Nase stieg, während man den Geschichten lauschte. Das war der Gipfel der Genüsse, auch wenn man kein Geld hatte, um sich eine der knusprigen Süßigkeiten zu kaufen. Ma besuchte damals die Grundschule und wollte sein eigenes Geld verdienen. Nur wie? Der Trommelturm war ein altes Gemäuer, in dessen Innenhof alles mögliche Unkraut wucherte. In Peking gab es damals Unmengen von Asseln, die bei den Apotheken sehr begehrt waren. Also suchte Ma mit seinem älteren Bruder abends im Trommelturm mit einer Taschenlampe nach Kellerasseln. „Um den Trommelturm herrschte damals ein interessantes städtisches Treiben. Es war ein Bild für die Götter, wenn die Taubenzüchter auf den Dächern standen und mit ihren Gesten die Vögel dirigierten.“ Als Kinder kletterten sie zum Spielen auf die Häuser. Und immer wieder gab es Ärger mit den Erwachsenen, wenn beim Laufen über die Dächer die Ziegel brachen. Noch etwas weiter westlich der beiden Türme konnte man zwar nicht in die kaiserlichen Gärten von Zhongnanhai (中南海) vordringen, in denen das Machtzentrum der Kommunistischen Partei lag, , aber der Beihai-Park (北海) und die Ufer der drei Seen von Shichahai (什刹海) waren wie ein Paradies der Ruhe. Im Sommer gingen die Kinder gemeinsam nach Shichahai zum Schwimmen. Viele von Mas Schulkameraden und späteren Künstlerfreunden wohnten hier. Die gesamte Mittelschule, als er mit der Malerei anfing, im Arbeitsleben oder als er später als verheirateter Mann einen Kinderwagen vor sich herschob, ging er in dieser Gegend spazieren, vergnügte sich und suchte Abkühlung im Schatten der Bäume. Die Pekinger Hutongs waren sein Revier und im Gassengewirr von Nanluoguxiang (南锣鼓巷) und Beiluoguxiang (北锣鼓巷) kannte er sich aus wie in seiner Westentasche.

Als Ma die Mittelschule besuchte, fing man an die alte Stadtmauer abzureißen. Die Kulturrevolution hatte begonnen und die Schüler mussten beim Abbruch helfen. Am Fuß der Stadtmauer wurden die Mauersteine mit Seilen verschnürt und abtransportiert. In der ganzen Stadt sah man Leute Steinbrocken hinter sich herziehen, die zum Aufmauern der kleinen Häuschen verwendet wurden. Damals waren die Winter strenger als heute. Man ging zu den zugefrorenen Seen von Shichahai zum Schlittschuhlaufen. Dort war ein wichtiger Jugendtreff, ähnlich den Plätzen, die heutzutage als „in“ oder „cool“ gelten. Man hatte Spaß, flirtete (oder fand eine Freundin) und gab mit seiner Eroberung an. Es gab Schlägereien und es spielten sich etliche blutige Jugenddramen ab. „In der Erinnerung jedes Pekingers gibt es Szenen, die aus dem Pekinger Gangsterfilm Mr. Six (老炮儿) stammen könnten.“

Die friedliche Idylle war brüchig. Von einem der Dächer wurde Ma Augenzeuge einer ziemlich grausamen Szene der Kulturrevolution. Als die Roten Garden bei einer älteren Dame, die hinter Mas Hof wohnte, Bücher konfiszierten, entdeckten sie in einem Hohlraum hinter der Wand einen japanischen Säbel ihres Mannes. Als Zeichen der Schande verpassten sie der Frau eine „Yin-Yang-Frisur“, bei der die Hälfte ihres Kopfes kahl rasiert wurde, und schlugen sie mit einem Gürtel bis sie blutüberströmt war. Kurze Zeit darauf starb die alte Dame.

Als später der Hausrat von Mas Familie von den Roten Garden beschlagnahmt wurde, waren er und sein Vater gerade im Hof. Sein Vater handelte mit Textilien und galt damals als „Kapitalist“. Die Rotgardisten drohten zwar mit dem Gürtel, schlugen aber nicht zu. Noch am selben Tag wurden Schränke und Bücherregale mit Papierstreifen versiegelt und durften nicht mehr geöffnet werden. In der Nacht schlief die Familie auf Türflügeln, die man über ein paar Ziegel gelegt hatte. „Das Bild, wie das Mondlicht auf die Amtssiegel fiel, war unheimlich und hat sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt.“ Kurz darauf bewegten die Rotgardisten Mas Familie dazu aufs Land zu ziehen. Es war das Jahr 1966. Doch am Tag vor ihrem Aufbruch hieß es plötzlich von oben, die „Ordnungstrupps von Ost- und Westpeking“ (东纠,西纠) seien reaktionäre Organisationen und man solle lieber „mit Worten statt mit Waffen kämpfen“. Schließlich waren diese „Ordnungstrupps“ Rotgardisten, die sich zunächst aus den Kindern der Militärkader rekrutiert hatten und die ziemlich radikal waren. Pekinger Familien waren gerade von ihnen heimgesucht worden, da wurden die „Ordnungstrupps von Ost- und Westpeking“ von einer anderen Gruppierung (der Vereinigung der Rotgardisten Pekinger Mittelschüler,联动, beziehungsweise dem Ordnungstrupp aus dem Universitätsviertel Haidian, 海纠) als reaktionär eingestuft. Die Familie Mas blieb also noch einmal verschont, „ansonsten“, so Ma, „wäre mein Schicksal ganz anders verlaufen“.

In der Kulturrevolution wurden seine älteren Geschwister in die südlichen Provinzen Yunnan und Jiangxi verschickt, während sich Ma einer Produktionsbrigade in Pinggu (平谷) im Pekinger Umland anschloss. Nach zwei Jahren wurde ihm eine Arbeit in Peking in der Nähe von Chaoyangmen (朝阳门) zugeteilt, so dass er wieder zuhause wohnen konnte. Von seiner Heirat bis 1988, dem Jahr, in dem er China verließ, bewohnte er einen kleinen Seitentrakt in dem elterlichen Hof in der Nähe des Trommelturms. Er arbeitete insgesamt zwölf Jahre in der Gastronomie. Zunächst im Restaurant bis man ihn nach zwei Jahren in einen Betrieb zur Herstellung und Wartung von industriellen Küchengeräten versetzte. 1984 kündigte er. All dies hat Ma in seinem Text Namenlose Zeiten (无名年代) beschrieben, den die Literaturzeitschrift Today (今天) in ihrer Rubrik über die Siebzigerjahre veröffentlichte.

Alles in allem sind es äußerst vielfältige Erinnerungen an die 28 Jahre (1960-1988) die er als Kind und Erwachsener in Nachbarschaft zum Trommelturm verbrachte. All diese schönen und schlimmen Erlebnisse, einschließlich der von Schrecken und Gewalt geprägten Erfahrungen, haben Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre schließlich einen vielschichtigen psychologischen, gesellschaftlichen und emotionalen Widerhall in seinen Arbeiten gefunden und verarbeiten seine Eindrücke bezüglich Familie, Gesellschaft, Politik und Stadtleben.

Eines der Themen in Mas Katalog lautet „Glocken- und Trommelturm“. Der Maler lebte in seiner New Yorker Zeit in Brooklyn. Wieder zurück in China verband er die Orte in einer Ausstellung. Waren dies doch beides Viertel, in denen einerseits die unterste Gesellschaftsschicht lebte und die andererseits die Relikte von Alltagskultur und alter Geschichte bewahrt hatten. So hatten in der Gegend um den Trommelturm viele Künstler und Prominente gewohnt. Beispielsweise die letzten Anhänger und alten Beamten des kaiserlichen Qing-Hofes. Hier befand sich der Palast des Prinzen Gong (恭王府), der ursprünglich für den korrupten mandschurischen Beamten He Shen (和珅) errichtet worden war, die Residenz von Madame Sun-Yatsen (宋庆龄故居) und das alte Wohnhaus des Schriftstellers Guo Moruo (郭沫若). Und auch Zhang Boju (张伯驹), Sammler von chinesischer Kalligraphie und Malerei, hat am Houhai (后海), dem Hinteren See, gewohnt. „Meine gesamten Erinnerungen sind mit dem Quartier um den Trommelturm verknüpft. Aus diesem Grund habe ich Shichahai und die Straßenzüge von Di’anmen (地安门大街) und Gulou (鼓楼大街) später auch immer wieder gemalt.“ Auch wenn mein Motiv Straßen sind, sind in den Arbeiten meine Erinnerungen und Gefühle enthalten, und das in ihrer ganzen Ambivalenz und Affinität zu diesem Stadtviertel.“ Als sich die Kulturrevolution gegen die sogenannten „Vier Alten“ richtete (gemeint sind alte Denkweisen, alte Kulturen, alte Gewohnheiten und alte Sitten, Anm. d. Übers.), wurden in China zahlreiche Kulturdenkmäler zerstört. Nach einer Zeit der Stagnation in den Siebzigerjahren setzte 1980 schließlich die Reform- und Öffnungspolitik ein. Dort, wo einmal zwischen Glocken- und Trommelturm die Geschichtenerzähler aufgetreten waren, eröffneten nun kleinere Restaurants und einfache Shops. Anfang der Neunzigerjahre entstand hier eine Art Trödelmarkt mit etlichen vermieteten Ständen, die gefälschte Antiquitäten anboten. Ma erinnert sich, wie er nach seiner Rückkehr aus Amerika aufgrund der Zeitverschiebung schon in den frühen Morgenstunden auf den Beinen war und an zwei oder drei verschiedenen Straßenständen all das frühstückte, was man in New York nicht bekam. Dann lief er von der Seitenstraße Yandai Xiejie (烟袋斜街) über Shichahai nach Houhai und genoss die verschlafene und stille Atmosphäre. Um diese Ruhe war es nach dem Ausbruch von SARS zwischen 2002 und 2003 allerdings geschehen: Die Gassen füllten sich nach den monatelangen Ausgehbeschränkungen allmählich mit Leben und auch um den Trommelturm herrschte zunehmende Betriebsamkeit. Es kamen immer mehr Touristen und in Shichahai machten etliche Bars auf. Nach einigen Renovierungsphasen durch die Regierung war nichts mehr übrig von der einstigen Bescheidenheit (rund um den Trommelturm wurden seit den Neunzigerjahren viele Wohnhäuser abgerissen und Peking verlor sein ursprüngliches Gesicht). Doch das ist wohl eine Krankheit, die an allen hochkommerzialisierten Orten grassiert.

Noch vor seiner Heimkehr nach China im Jahr 2006 hatte sich Ma im Pekinger Umland ein Haus gekauft. „Als ich China verließ, wollte ich einfach etwas von der Welt sehen. Und auch nach meiner Rückkehr bin ich nicht mehr an den alten Ort zurückgegangen. Es war damals sehr schwer, dort etwas zu finden. Während ich selbst den Trommelturm verließ, blieb meine Familie dort wohnen.“ Ma, der gerade sechzig geworden ist, hat bis heute das Gefühl, dass sich an seinen Erinnerungen und Gefühlen für die Gegend um den Trommelturm und die Seen nie etwas verändert hat. Manchmal zieht es ihn noch an diese Orte zurück, auch wenn er den Hof von damals nicht mehr betritt. „Ich habe mein Zuhause schon Jahre nicht mehr besucht, auch wenn meine Familie immer noch dort lebt.“ Ma geht einfach in der Umgebung spazieren. Er läuft und schaut oder setzt sich mit Freunden in das Obergeschoss einer der Bars von Houhai. Manchmal schlendert er abends durch die Gegend, macht Fotos und nimmt die Veränderungen wahr. Aber nur selten nähert er sich dem Wohnhof, in dem er einmal gewohnt hat. Er nennt den Trommelturm einen „General niederer Herkunft“ und den Glockenturm eine „Lady edler Abstammung“.  Egal welche Blüten die Kommerzialisierung treibt, der Ort und auch seine mit ihm verbundenen Gefühle sind immer noch da. Für ihn ist es immer noch der beste Platz in der ganzen Stadt. „Hätte Peking nicht die Umgestaltungen erfahren, die nach 1949 einsetzten, würde es, wenn man die alten Bilder betrachtet, einer Stadt wie Rom heute in nichts nachstehen. Hätte man auf die Empfehlungen Liang Sichengs (梁思成) gehört, die historische Altstadt zu erhalten und daneben ein neues Zentrum zu errichten, wäre Peking heute eine ‚goldene Reisschüssel’. Nichtsdestotrotz ist Peking immer noch da und seine Seele auch.“