Stadtgeschichten: München Vom Deck in den Maschinenraum

Gelberuam und Artischocken

Georg Oswald spricht über das fiktive München und die Unnötigkeit schneidiger Thesen

Wenn es in München einen Ort der offenbaren Lust gibt, dann ist es dieser. Auf dem Viktualienmarkt riecht es nach Oliven, nach Feta, nach Brot. Zöpfe von Chilis und Knoblauch, Tische voller Pilze und Beeren wetteifern mit den Auslagen exotischer Früchte und heimischer Gemüse ebenso wie mit frisch geschlachteten Kleintieren und teils noch im Bassin schwimmenden Fischen um den Appetit der Besucher. Hunderte Käse und Weine sind zu finden, koschere Lebensmittel und Tiroler Spezialitäten, „Standln“ mit frisch gepressten Säften, Suppen, Ochsensemmeln, Kaffee und Süßigkeiten laden zur Pause – und natürlich der zentrale Biergarten. Selten sieht man hier jemanden eilen, es wäre ein Frevel.

Georg Oswald, den Münchener Schriftsteller und Berliner Verleger, treffe ich bei Fisch Witte, einer Institution am Markt, einer von vielen freilich. Wir haben Glück und finden einen Platz unter dem Sonnenschirm an einem der kleinen Metalltische. Oswald besucht den Markt oft und gern. Den Namen spricht er selbstverständlich mit Vogel-V aus. Viktualien, erklärt er sei im älteren Bayerisch der geläufige Ausdruck für Lebensmittel.

Georg Oswald Georg Oswald | © Georg Oswald Aufgewachsen ist Georg Oswald nicht weit von hier in der Gemeinde Weßling. 1985 zog er in die Stadt und studierte Jura, lange Zeit hat er neben dem Schreiben den Beruf des Rechtsanwalts ausgeübt. Der Wechsel an die Spitze des Berlin Verlags konnte ihn nicht bewegen, ganz aus der süddeutschen Metropole wegzugehen. „Ich habe für München sehr, sehr heimatliche Gefühle“, sagt er. „Es ist eine große Bindung entstanden zu verschiedenen Orten in der Stadt und natürlich zu vielen Personen, ob es alte Freunde in Sendling sind, die gegen die Gentrifizierung schimpfen, oder andere Schriftsteller, die man im Literaturhaus trifft.“ Auch die Literatur spielt für ihn eine große Rolle, allem voran der Roman „Erfolg“ von Lion Feuchtwanger über München in den 1920er-Jahren.

Auch in Oswalds eigenen Büchern spielt München eine Rolle. Der Roman Vom Geist der Gesetze spielt in einem Milieu der reichen, vom eigenen Erfolg nachgerade besoffenen und an ihrem maßlosen Ehrgeiz scheiternden Leute. Menschen wie diese „mit ihrer Protzsucht und dem vielen Geld, der eindeutigen Botschaft an jeden, der nicht dazu gehört: ‚Du gehörst nicht dazu’“ beängstigten den jungen Studenten: „Ich habe die Innenstadt regelrecht gemieden.“ Georg Oswald weist aber darauf hin, dass München mit einem der höchsten Ausländeranteile in Deutschland auch eine hohe Integrationskraft zeigt. Man müsse das Bild von der Schickeria-Stadt, wie Helmut Dietl es maßgeblich prägte, als die Satire nehmen, die es sei.

In seinem aktuellen Buch, dem Thriller Unter Feinden zeichnet Oswald denn auch ein völlig anderes München-Bild. Da kommt es zu Krawallen im Stadtteil Westend, weil ein drogenkranker Polizist einen Migranten überfährt und die Angelegenheit vertuscht. Das Szenario erinnert an London oder Paris, in München ist es nicht so ohne Weiteres vorstellbar. Lagert in unserer Stadt viel sozialer Sprengstoff?

Sicher nicht im Westend, das sei längst ein reiches Viertel, nur eben nicht in der Fiktion von Georg Oswald. Diese Übersetzungsleistung müssten Leser schon erbringen, um den Witz des Romans zu verstehen. „Aber natürlich gibt es in München die gleichen sozialen Verwerfungen wie überall – vielleicht ein bisschen besser verdeckt. In sehr saturierten, sehr gesettelten Gesellschaften, kann das soziale Gleichgewicht durchaus leicht kippen.“ Das führt ihn zur Grundfrage seines Buches: Was ist Sicherheit? „Wovor schützen wir uns eigentlich, wenn wir – etwa zur Münchner Sicherheitskonferenz, die in dem Roman eine zentrale Rolle spielt, Panzer auffahren lassen und Scharfschützen auf die Dächer setzen? Diese Symbolsprache fand ich ein gutes Thema. Das herauszufinden, warum so ein Thema derart interessant ist, und möglichst tief in die Geheimnisse eines Stoffes einzudringen, beschäftigt mich heute viel mehr als schneidige Thesen zu formulieren.“

Seit wenigen Jahren leitet der Schriftsteller Oswald den Berlin Verlag. Ein Seitenwechsel? „Eher kommt es mir vor, als sei ich vom Deck in den Maschinenraum gewechselt, dahin, wo die Dinge gemacht werden. Um einem Buch zum Erfolg zu verhelfen, braucht es viele Menschen mit viel gutem Willen und Überzeugungskraft. Ich sehe es so, dass es zwischen Verlag und Autor sehr viele gleichlaufende Interessen gibt. Nur bei der Verteilung des Geldes stehen sich beide als Konkurrenten gegenüber.“

Wir essen während des Gesprächs eine unvergleichliche Fischsuppe. Die Welt, über die wir reden, wirkt gerade recht weit weg. Das ist so ein Münchener Gefühl, eine angenehme Entrückung, an der kurz zuvor der Amoklauf im Norden der Stadt und die anschließende Panik in der Altstadt schwer gekratzt haben und die für den Moment doch stabil bleibt.

Nicht wenige nennen den Viktualienmarkt das Herz der Stadt. 1807 gegründet war der Markt einst Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins für einen durch Napoleon zu bedeutenden Gebietszuwächsen und dem Königstitel gelangten Herrscher. Schon Maximilian I soll gern über seinen neuen Markt gegangen sein, weil er hier auf „Hoch und Nieder“, alle Schichten der Münchener Bevölkerung treffen konnte. Auch heute begegnen sich hier sehr unterschiedliche Menschen. „Natürlich ist es ein Anlaufplatz für Touristen. Auch Prominente kommen her. Ich habe hier schon den Ex-Oberbürgermeister Vogel bei einem kleinen Weißbier sitzen sehen. Oder der Bastian Schweinsteiger geht über den Platz, ohne dass das groß kommentiert würde. Aber man trifft auch die ganz normalen Münchener. Das hat damit zu tun, dass es hier noch Händler gibt wie auf jedem anderen Markt. Wobei die Beschwerde über die hohen Preise auf dem Viktualienmarkt ungefähr so alt ist wie der Markt selbst.“