Brutalistische Architektur Zurück zum Beton!

Don Bosco in Augsburg | Thomas Wechs
Don Bosco in Augsburg | Thomas Wechs | Foto: Alexander Wohlrab

Grau, roh, menschenfeindlich: Brutalistische Architektur hat einen schlechten Ruf. Doch das ändert sich gerade. Denn die Betonmonster aus den 1950er- bis 1970er-Jahren kann man auch anders sehen und beschreiben: als unverwechselbare Monumentalskulpturen – packend, direkt und wagemutig.
 

„Nichts an diesen Gebäuden ist Fake. Sie zeigen ihr Material, ob Beton, Ziegel oder Stahl, pur und offen. Da klingt nichts hohl, so wie heute diese ganzen Wärmedämmfassaden. Da ist nichts verkleidet, verfeinert oder weggeschliffen. Diese Architektur steht mitten im Leben“, sagt Oliver Elser, Brutalismus-Fan und Kurator am Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main.

St. Trinitatis in Leipzig | Bauakademie St. Trinitatis in Leipzig | Bauakademie | Foto: Uwe Pilz Ausgehend von Großbritannien entstanden brutalistische Bauten ab den 1950er-Jahren als Reaktion auf die immer gleichen gläsernen Fronten und glatten Rasterfassaden der Nachkriegsarchitektur. Brutalismus sei eher eine Haltung als ein Stil, so Oliver Elser. Eine Haltung, die den rohen Baustoff (béton brut) zum Gestaltungselement machte. Stoßkanten, Maserung und Astlöcher der Holzverschalung, in die der Beton gegossen wurde, bleiben unverputzt und somit sichtbar.

Spektakuläre Gotteshäuser

Auffallend viele Kirchenbauten sind brutalistisch. Gottfried Böhms Mariendom im nordrhein-westfälischen Neviges zum Beispiel, eine spektakuläre Beton-Faltwerk-Konstruktion, die an ineinandergeschobene Zelte erinnert und Platz für 6.000 Menschen bietet. Oder die blockhaft verschlossen wirkende Kirche St. Agnes von Werner Düttmann in Berlin, die inzwischen als Galerie genutzt wird. Die Betonkuppel der Kirche Don Bosco von Thomas Wechs in Augsburg zählt ebenso dazu wie die ehemalige Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig, errichtet von der Bauakademie der DDR.

Mariendom in Neviges | Gottfried Böhm Mariendom in Neviges | Gottfried Böhm | Foto: Seier+Seier Neben Gotteshäusern wurden vor allem öffentliche Gebäude wie Rathäuser, Kulturzentren oder Schulen im großen Format und mit kühner brutalistischer Geste gebaut. Dahinter stand eine politische Ästhetik: Die Gebäude für gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger sollten mindestens so monumental sein wie einst die Burgen der Mächtigen.

Monumentale Lernfabrik

So entstand die Ruhr-Universität Bochum von 1963 bis 1970 als Leuchtturm einer demokratischen Bildungsoffensive. Der Architekt Helmut Hentrich entwarf die Universität als „Hafen im Meer des Wissens“: 13 Hochhäuser aus Stahlbeton, jeweils neun Stockwerke hoch und rund 100 Meter lang, stehen für Ozeandampfer, die in diesem Hafen angelegt haben. Darunter erstreckt sich ein kilometerlanges Tiefgaragensystem. Treppenaufgänge und überdachte Gänge erschließen weitverzweigte Zwischenebenen. Nicht alle der rund 41.000 Studierenden fühlen sich wohl an ihrer Universität, und die Tageszeitung Die Welt bezeichnete den Komplex gar als „Lernfabrik von überragender Scheußlichkeit“.

Ruhr-Universität in Bochum | Helmut Hentrich Ruhr-Universität in Bochum | Helmut Hentrich | Foto: © RUB, Marquard Auch Mieter in brutalistischen Wohnbauten sind nicht durchgehend begeistert von der Betonarchitektur, wie sie zum Beispiel Gottfried Böhm von 1969 bis 1974 in Köln-Chorweiler errichtete. Zu unflexibel, zu wenig Rücksicht auf die Wünsche der Bewohner, lautet die Kritik.

Wellen der Wiederentdeckung

Ohne Zweifel sind die Kolosse in Grau imposante Fotomotive. Aber wie gut lässt es sich in brutalistischen Bauten tatsächlich wohnen, lernen und arbeiten? „Sehr gut“, findet Brutalismus-Experte Oliver Elser und nennt als Beispiele das Londoner Barbican Center oder das mittlerweile sehr begehrte Olympische Dorf in München. „Die Qualität brutalistischer Architektur, das Drastische, Direkte, wird gerade neu entdeckt.“ Und zwar nicht nur in sozialen Medien, Fotobänden oder auf Architekturkongressen – auch immer mehr Eigentümer und Nutzer brutalistischer Bauten wüssten den Wert des Spröden und Sperrigen zu schätzen. Diese Neubewertung füge sich ein in die „Welle der Wiederentdeckung“, die für die Bau- und Architekturgeschichte typisch seien. Oliver Elser: „Die zwischen 1920 und 1970 geschmähten Gründerzeithäuser sind heute zum Beispiel hoch begehrt.“

Wohnbauten in Chorweiler | Gottfried Böhm Wohnbauten in Chorweiler | Gottfried Böhm | Foto: Elke Wetzig Eng verbunden mit dem Comeback des Brutalismus ist ein neuer Blick auf seinen wichtigsten Baustoff. Denn während Beton in den 1960er-Jahren noch für Utopie und Aufbruch stand, wird er inzwischen meist mit sozialen Problemen in Trabantenstädten gleichgesetzt. „Doch das miese Image von Beton ändert sich“, ist Oliver Elser überzeugt. Schließlich ist das Baumaterial nicht schuld an städtebaulichen und politischen Fehlern. Für viele Bauten des Brutalismus kommt diese Einsicht allerdings zu spät, sie sind bereits abgerissen.

Olympiadorf in München | Heinle Wischer und Partner Olympiadorf in München | Heinle Wischer und Partner | Foto: Bernhard Betancourt Um bedrohte Gebäude zu retten und die robuste Eigenwilligkeit dieser Architektur zu dokumentieren, haben das Deutsche Architekturmuseum, die Wüstenrot Stiftung und das Uncube-Magazin die Initiative #SOSBrutalism gegründet. Herzstück ist ein ständig wachsendes Online-Archiv mit derzeit rund 1.000 Gebäuden auf der ganzen Welt, die unter anderem nach Gefährdungsgraden klassifiziert sind.

St. Agnes in Berlin | Werner Düttmann St. Agnes in Berlin | Werner Düttmann | Foto: KÖNIG GALERIE Berlin | Roman März Auch an brutalistischen Gebäuden gehen die Jahrzehnte nicht spurlos vorüber. Sie müssen fachgerecht repariert und saniert werden. Am denkmalgeschützten Mariendom in Neviges werden zum Beispiel Beschichtungen aus dem Brücken- und Wasserbau getestet. Und die schrittweise Sanierung der Ruhr-Universität in Bochum geht mit funktionalen Verbesserungen einher. Kurator Oliver Elser ist damit nicht immer einverstanden. Ganz grundsätzlich aber findet er: „Brutalistische Architektur gehört nicht unter die Glasglocke. Man muss sie weiterbauen.“