Fokus: Körper „Red“: Durch Körperperformance die Geschichte erlebbar machen

Jiang Fan in "Rot"
Jiang Fan in "Rot" | © Dai Jianyong

Ausgangspunkt für das Dokumentartheaterstück „Red“ von Wen Huis Living Dance Studio (生活舞蹈工作室) war die Modelloper „Das Rote Frauenbataillon“ aus der Zeit der Kulturrevolution. Zhuang Jiayun, die für Text und Konzeption verantwortlich zeichnete, lässt die Arbeit an dem Stück noch einmal Revue passieren; ein Stück, in dem der Körper als Modell fungiert, die Vergangenheit zu erkunden.

Für diesen Artikel habe ich noch einmal in der dem Goethe-Institut im Sommer 2014 eingereichten Projektbeschreibung gelesen. Der Inszenierung liegen drei Überlegungen zugrunde:

1. Um sich dem Originaltext zu nähern, wurden diverse mit dem Stück Das Rote Frauenbataillon (红色娘子军) verbundene Dokumente und Materialien gesichtet (Akten, Berichte, audiovisuelles Material und die in den letzten drei Jahren gesammelten Interviews). Auf dieser Grundlage sollten historische Ereignisse und persönliche Erinnerungsfragmente, die mit der Aufführung dieses revolutionären Balletts verbunden sind, als Dokumentartheater rekonstruiert und aus Tanz-Perspektive die damaligen technischen Neuerungen und ästhetischen Normen analysiert werden.
2. Die Ideologie des Originalstücks und die darauf aufgebaute kollektive Identifikation sollten untersucht werden. Wichtiger Teil dieses Punktes sind die Interviews. Eine ganze Generation erlebte wie die Politik in den Alltag eindringen konnte und damit selbst zur Alltagskultur wurde. Durch ihre komplexen emotionalen Erfahrungen mit dem Stück wird analysiert, wie die herrschende Ideologie des Staates und der kulturelle Alltag der Menschen jener Zeit eine so große Übereinstimmung erreichten.
3. Die dritte Überlegung widmet sich der Körperperformance. Die in Beziehung zum Roten Frauenbataillon stehende Darstellung der Tänzer verbindet den Raum auf und jenseits der Bühne, sowie gestern und heute miteinander und evoziert damit persönliche physische Erfahrungen, wie Liebe, Schmerz, Inspiration oder Erschöpfung. Durch ihre geschichtsübergreifende Performance wird dieser Teil der Geschichte gegenwärtig.

Der Körper als Mittel der Forschung

Der Körper ist eine wichtige Quelle für das Dokumentartheater. Seit dem 20. Jahrhundert wurde er wieder aus der Ecke als Opponent/Unterdrückter des Bewusstseins hervorgeholt und gelangte ins Blickfeld der Anthropologie und Soziologie. Schnell wurde er Forschungsgegenstand und praktisches Zentrum der Performance Studies. Es gibt verschiedene Perspektiven der Körperforschung, wobei zwei davon für Red von entscheidender Bedeutung waren. Einerseits die phänomenologische Sicht: Hier ist der Körper Grundlage der erkennbaren Welt und der Mensch bildet durch körperliche Erfahrungen Bewusstsein und Werte heraus. Diese Sicht betont die Authentizität des körperlichen Organismus, seine Individualität und Eigendynamik. Andererseits der historisch-politische Körperbegriff Foucaults: Er untersucht die auf den Körper wirkenden Machtstrukturen, wie Disziplinierung, Umerziehung und Überwachung. Aus dieser Perspektive ist der (passive) Körper Resultat der Macht. Betont wird dabei, wie der Körper von Geschichte und Politik geprägt wird. Diese beiden Paradigmen durchdringen sich im Stück gegenseitig.

Ausgehend von den körperlichen Erinnerungen und Bildern, die Das Rote Frauenbataillon auslöst, bringen wir Tänzer und Interviewte auf der Bühne zusammen, um mittels des Körpers ihre persönlichen Erfahrungen, Gefühle und Gedanken auszudrücken. Zum anderen wird durch die  Performance auf der Bühne auf den Kontext von Macht und Körperkonfrontation zurückgeblickt. Damit wird der Körper zum Mittler, der Tänzer und Geschichte in Red zusammenbringt.

  • Red Bühnenfoto © Dai Jianyong
    Red Bühnenfoto
  • Red Bühnenfoto © Dai Jianyong
    Red Bühnenfoto
  • Liu Zhuying in Red © Dai Jianyong
    Liu Zhuying in Red
  • Liu Zhuying in Red © Dai Jianyong
    Liu Zhuying in Red
  • Wen Hui in Red © Dai Jianyong
    Wen Hui in Red
  • Wen Hui in Red © Richy Wong
    Wen Hui in Red
  • Jiang Fan in Red © Dai Jianyong
    Jiang Fan in Red

 

Der Körper als Sprache

Als ich 2013 zusammen mit Wen Hui (文慧)das Stück konzipierte, war ich sehr nervös, denn ich merkte, wie komplex und widersprüchlich das Stück war, sodass das Thema aus den Tiefen freigelegt werden musste und es keine einfachen Erklärungen geben würde. Wir begannen mit den Proben, bevor es ein Stück gab und tasteten uns langsam voran. In freien Improvisationen suchten wir zunächst Inspiration und Theatralität, dann entwickelten wir in thematischen Improvisationen die Erzählung und die Figurenbeziehungen. Wir zeigten den Tänzern Videos und wenn bei ihnen der Wunsch da war, zu reden, machten wir eine Pause und tauschten uns aus.

Um die Struktur des Stückes herauszuarbeiten, legte ich eine Tabelle mit den Erzählungen der vier Tänzer an und stellte sie den historischen Ereignissen der Kulturrevolution, dem Tanztraining und Überlegungen zur Geschichte gegenüber. Dadurch bekamen wir eine Vorstellung von den Aktionen der Tänzer und ihrer Interaktion mit dem Bildmaterial. Die konkreten Szenen auf der Bühne arbeiteten die Tänzer mit Wen Hui dann nach und nach heraus.

In der ersten Viertelstunde, wenn die Zuschauer in den Saal kommen, üben die Tänzer immer wieder ihre Auftaktbewegungen. Liu Zhuying (刘竹英) erhebt die Fäuste, wie im Roten Frauenbataillon, Wen Hui  schlägt sich mit den Fäusten auf die Schultern, Jiang Fan (江帆) reibt die Arme an der Außenseite der Oberschenkel und Li Xinmin (李新民)kreuzt immer wieder die Hände. Jede dieser Auftaktbewegungen drückt eine Beziehung der Tänzerin zum Ballett Das Rote Frauenbataillon aus und ist Kern der individuellen Erinnerung, die jeder der Tänzer mittels seines Körpers erzählt.

Liu Zhuyings Körper repräsentiert das damalige Modell. Ihre Erzählung überlagert sich mit den Interviews einer Reihe von Tänzern lokaler Ensembles, die alle in den 1950er Jahren geboren sind. Sie waren an den Aufführungen der Modelloper beteiligt und sehr stolz darauf. Nach der ideologischen Unterweisung erlebten sie, wie das Ballett-Training den Körper ruinierte. Auf der anderen Seite tauchten sie ein in die Narration der proletarischen Revolution mit ihren großen Begriffen wie Revolution, Klasse und Nation. Sie identifizierten sich damit, entwickelten Stolz und politisches Selbstbewusstsein. Die hohe ideologische Konzentration der Modellopern wurde auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Die Tänzer erfüllten dabei die Aufgabe, durch ihre Performance die revolutionäre Kunst zu verbreiten und zu deren Sprachrohr zu werden.

Wen Huis Körperperformance zeigt wiederholt Anzeichen von Schmerz. Ihre Auftaktbewegung reichert sie an durch den Blick der Neuen Aufklärungsbewegung auf Autokratie und die Selbstbefragung dazu. Ihr Schmerz kommt aus der Identifikation. Man identifizierte sich mit den Zielen und Prinzipien der Modelloper, dem mit der Modelloper geschaffenen kollektiven Fest, nach dem es heute wieder Sehnsucht gibt. Sie hält Rückschau und befragt diese Identifikation immer wieder. Die Befragung und Aufzehrung des eigenen Körpers führen zu einer verfremdeten Körpersprache als Opposition zum von Revolution und Arbeit normierten Körper. Sie verwendet an körperliche Grenzen reichende Bewegungen, um dem Zuschauer den Schmerz zu vermitteln. Ganz direkt fragt sie, wie Geschichte ihre befleckten Spuren tief in unserem Körper hinterlassen kann und wie wir den Körper benutzen, Leben und Politik bestimmter geschichtlicher Situationen zu hinterfragen.

Jiang Fans Performance bringt ihr Unbehagen zum Ausdruck: nach 1985 geboren, war sie an einer Spezialschule, dann im staatlichen Kulturensemble und überall dort machte sie die Erfahrung, dass der Körper ein Mittel und Resultat harten Trainings ist. Eine Erfahrung, die sie nun reproduziert. Im Stück sind ihre eigenen Körpererfahrungen erfüllt vom Kampf gegen Fesseln. Ihr so sozialisierter und spezialisierter Körper wird als Lehrbuch benutzt und ist gefangen im traditionellen Schema der Tanzrichtungen. Jede Geste und Bewegung erklärt die Funktionsweise des revolutionären Balletts.

Sie verbindet den in der Oper gebräuchlichen Orchideenfinger (兰花指) mit der linken Hand und das Tigermaul (虎口), die typisch weibliche Geste in der Modelloper mit der rechten Hand. Aus den acht Richtungen des traditionellen Tanzraumes tanzt sie sich frei in den Raum des modernen Tanzes. Von Zeit zu Zeit kehrt sie zurück zum traditionellen System. Während ihr natürlicher Körper und der dressierte Körper miteinander streiten, erreicht die mit ihr gleichaltrige Li Xinmin eine Einheit der beiden.

Die in Das Rote Frauenbataillon vermittelte Ideologie trifft möglicherweise in Li Xinmins Leben eine realistische Grundlage. Sie ist konfrontiert mit der Armut auf dem Land und dem Frauen unterdrückenden patriarchalen System. Folglich wählt sie die Gewalt als Zentrum ihrer Performance. Sie leistet der alltäglichen Gewalt gegenüber Widerstand.

Das reicht vom aufs Kleinste Zusammenfalten einer Schultasche bis hin zu kraftvollen Gesten, wenn sie mit dem Messer die Macht attackiert. Was in dieser körperlichen Erinnerung aufblitzt, ist das Soldatenschwert aus dem Roten Frauenbataillon. Revolution und körperliche Gewalttätigkeit haben in Li Xinmins persönlichen Erfahrungen eine andere Bedeutung.

Red vereinigt den Körper als Ort der Erfahrung und den Körper als Träger historischer Information. In der Performance zeigen die vier Tänzerinnen ihre Beziehung zum Roten Frauenbataillon, finden so eine Form, die Geschichte aufzuarbeiten und formulieren damit ein kraftvolles Statement.