Fokus: Körper Was wir im Diskurs um den Körper bildlich festhalten

Chen Zhe, The Bearable, 2007-2010
Chen Zhe, The Bearable, 2007-2010 | www.zheis.com

Der Körper: eine Art Weg, Signum, Sprache und Ort und eine Form der Möglichkeit

In seinen Philosophischen Untersuchungen schreibt Wittgenstein: „Der menschliche Körper ist das beste Bild der menschlichen Seele”. Als ein Zeichen, das auf natürliche Weise Gesellschaft, Politik und philosophische Gedanken symbolisiert, ist der menschliche Körper selbstverständlich diejenige künstlerische Materialquelle, die für den Künstler naheliegend und am leichtesten verfügbar ist. So ist der „Körper“ seit Menschengedenken Teil eines fortwährenden Diskurses.

Nach Beginn der Reform- und Öffnungspolitik haben sich in China, beeinflusst durch politische Öffnung, Wirtschaftswachstum und die Globalisierung des Internet (im Sinne einer interkulturellen Kommunikation) auch die Formen, das eigene Körperverständnis zu zeigen, allmählich gewandelt. Der „Körper“ begann, zu einem Instrument und Vehikel zu werden, um sich selbst auszudrücken. Den Künstlern wurde bewusst, dass der eigene (oder fremde) Körper nicht nur ein Hilfsmittel mit Vitalfunktionen ist, sondern vielmehr ein Ort um die geistige Welt zum Ausdruck zu bringen.

Das Fotografieren indessen ist ein genialer und zugleich verlässlicher Prozess historischer Dokumentation. Gäbe es die Aufzeichnungen und Praktiken der Fotografie nicht, das unersetzliche Angesicht vergangener Epochen wäre uns längst verloren gegangen. Anders als die klassischen Fotografen, die überwiegend Landschaften und Ereignisse festhielten, wurde der „Körper“ in der postmodernen Fotografie per se immer mehr zu einem wichtigen visuellen Sujet. Die Künstler haben ihn als den schönsten Abenteuerspielplatz des Lebens entdeckt und drücken durch Bilder von Körpern anderer Menschen ihre eigene Verbindung zur ihrer Umwelt aus. Die Fotografie stellt dabei den zuverlässigsten Protokollanten all dieser Dinge dar, sie ist das direkteste Medium. Wenn wir über das Thema Körper und alles was damit zusammenhängt diskutieren, lohnt sich also immer ein Blick auf Fotografien.

Der Fotograf Rong Rong (荣荣), der in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit vielen der heute bekannten Künstler wie Ma Liuming (马六明), Zhang Huan (张洹) und Zuoxiao Zuzhou (左小祖咒) im vorstädtischen Pekinger East Village (东村) lebte, hatte damals vor Ort als erster den „Körper“ mit den Mitteln der Gegenwartsfotografie künstlerisch bearbeitet und dokumentiert. Angefangen mit den Fotos von Ma Liumings Performancekunst, der Performance Add One Meter to an Anonymous Mountain (为无名山增高一米) des East Village-Kollektivs bis hin zu Rong Rongs Ablichtung seines eigenen Körpers haben die wertvollen Aufnahmen aus dieser Zeit innerhalb der Geschichte chinesischer Gegenwartsfotografie einen Stellenwert, der bis heute unangefochten ist.

Ein Jahrzehnt später waren die ersten in einem goldenen Käfig aufgewachsenen chinesischen Kinder erwachsen geworden. Mit der Verbreitung des Internet und dem Aufkommen von Blogs und anderer sogenannter „self-media“ traten zahlreiche Fotografen auf den Plan, die sich dem Sujet der „privaten Fotografie“ (私摄影) widmeten, wobei mit „privater Fotografie“ eigentlich die „Dokumentarfotografie des Privaten“ gemeint ist. 1986 war mit dem Erscheinen von Nan Goldins Tonbildschau The Ballad of Sexual Dependency der Begriff der „privaten Fotografie“ offiziell geboren, während am anderen Ende der Welt Nobuyoshi Arakis Fotokollektion Sentimental Journey wiederum als Debütwerk des „Foto-Ichs“ (私写真) bezeichnet wurde. Infolge der Ausdehnung des Internet wurde einige Jahre später im einen Ozean entfernt liegenden China der Begriff der „privaten Fotografie“ tatsächlich zu einem „Axiom“ der in den achtziger Jahren geborenen jungen Künstlergeneration.

Damals benutzte man im Allgemeinen entweder einfache Schnappschusskameras, die man für ein- bis zweihundert Yuan bekam, oder russische Sucherkameras aus zweiter Hand. Die Fotomotive waren die Menschen und trivialen Details, die einen im Alltag umgaben. Ganz gleich, ob das irgendeine interessant erscheinende Situation oder eine seltsame Pflanze war. Die Fotografie drang so auf ganz natürliche Weise in den Alltag vor und hielt die Banalitäten des Lebens (und natürlich auch den nackten Körper) im Bild fest.

Ihr bekanntester Vertreter ist Lin Zhipeng (林志鹏), der sich No. 223 (编号223) nennt. Seine Berühmtheit beruht darauf, dass er die erste digitale Zeitschrift über Fotografie, COLDTEA, mitgestaltete und auf der Tatsache, dass sein Blog North Latitude 23 (北纬23度) zum ersten Fotoblog wurde, der über ein Million Klicks erhielt. Später wurden seine Arbeiten in führenden ausländischen Fotomagazinen abgebildet und waren in Einzelausstellungen zu sehen. Man kann sagen, dass alle nachfolgenden chinesischen Fotokünstler mehr oder weniger von No. 223 beziehungsweise von den von im empfohlenen Fotografen und Magazinen (denn er gründete auch die erste chinesische unabhängige Fotozeitschrift Too Magazine) beeinflusst wurden.

In seinen Bildern dokumentierte No. 223 überwiegend hormongesteuerte, nackte jugendliche Körper mit der sich in ihnen ausdrückenden Ambiguität und Verstörtheit. Zum Thema nahm er sich, was im gegenwärtigen China am meisten interessiert: Liebe, Sex, Freiheit und Geschlechtlichkeit. Viele hielten No. 223 deshalb für einen Vertreter der erotischen Fotografie. Er selbst sieht das anders: „Der Gegenstand meiner Fotografie ist vor allem das ganz normale Leben. Dabei ist unvermeidlich, dass es inhaltlich auch um körperliche und sexuelle Aspekte geht. Der Körper ist eben auch ein Teil des Alltags.“ Bei No. 223 haben die Arbeiten jedoch niemals Erotik oder Nacktheit als einfachen Selbstzweck. Alles was ihm vor die Linse kommt, ist sein „Alltag“. Zudem haben für ihn die physischen Details etwas sehr Berührendes. Jeder einzelne Part des Körpers: ein Schlüsselbein, die körperliche Silhouette oder eine Rippe – alles hat sprechende Kraft. Ist jemand nervös, bekommen die Gliedmaßen automatisch etwas Befangenes, ist jemand entspannt, wirkt die Haut weich und geglättet. Die durch das Objektiv beobachteten körperlichen Details verraten immer etwas über die jeweilige Stimmung.

Mit No. 223 trat auch eine Reihe von Fotokünstlerinnen in Erscheinung, die sich ebenfalls auf Bilder im Stil der das persönliche Leben dokumentierenden privaten Fotografie konzentrierten. Die Fotografin Madi (马蒂) wurde einem größeren Publikum vor allem durch das von ihr begründete erste weibliche Online-Magazin AFTER 17 bekannt, in dem sie ihre Fotoarbeiten zeigte. Ihre kleinen Fantasien von Mädchen oder Tieren sowie die jungen Mädchen in der Pubertät, deren Körper noch nicht voll ausgereift waren, sind Bilder, die sich dem Betrachter leicht einprägen. Der Pubertät als Schwelle zwischen Kind- und Frausein galt zu jener Zeit Madis fotografisches Interesse.

Eine andere erwähnenswerte Fotokünstlerin ist Luo Yang (罗洋), die eigentlich Da Lihua (大力花) heißt. Ihre Portraitserie Girls (女孩) war ein Fotoprojekt, an dem sie lange gearbeitet hat. Die Bilder dokumentieren das Heranwachsen von ihr und einigen Mädchen. Im Bewusstsein der instinktiven Widerstandskraft der Psyche und angesichts der Konflikte, die das Erwachsenwerden mit sich bringt, versucht Luo Yang in den Fotos Trost zu finden. Die Motive ihrer Fotos sind manchmal die eigenen Freundinnen, dann wieder Fremde. Luo Yang protokolliert die Lebenssituation der jungen Frauen. Dabei macht vor allem die sich in den Bildern ausdrückende Körpersprache der Mädchen die Momente aus, die im Gedächtnis bleiben.

Auch Ren Hang (任航) ist ein sehr markanter Fotograf. In seinen Arbeiten zeigen sich Neugierde und der Versuch, den Körper von seinen Limitationen zu befreien. Vor seinem Objektiv wird der Körper in alle möglichen seltsamen Posen gebracht oder mit diversen ungewöhnlichen Requisiten versehen. Egal wie weich oder gezwungen die Figuren dabei wirken, das Wort „Tabu“ ist sicherlich nicht Bestandteil von Ren Hangs künstlerischem Vokabular. Die jungen Körper der Mädchen und Jungen vor der Kamera transportieren vielmehr narrative und dramatische Implikationen, die die besondere Qualität des Fotografen ausmachen.

Die seit Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre geborenen Fotokünstler bedienen sich im Vergleich zur Achtziger-Generation noch stärker avantgardistischer und neuartiger Methoden, um ihre Erforschung des Körpers aller Welt vorzuführen. Die 2011 mit dem Inge Morath-Preis ausgezeichnete Künstlerin Chen Zhe (陈哲) zeigt in ihren Arbeiten körperliche Details in Großaufnahme. Ein mit einer Rasierklinge geritzter Arm, über den Blut rinnt; Haut, die rot angeschwollen ist, oder ein blutender Oberschenkel. Alles Arbeiten, die über den Körper die mit der Pubertät verbundenen Sorgen, Ängsten und Unsicherheiten thematisieren.

Hier wird der „Körper“ zu einer Art Weg, Signum, Sprache, Ort oder Form der Möglichkeit. Und damit beherrschen die Künstler eine einmalige Sprache und Methode, den eigenen Körper (und das Leben) zur Schau zu stellen.

Jede einzelne Spur auf deinem Körper wird von deiner Kamera festgehalten.

Am 24. Februar 2017 nahm sich der Fotograf und Poet Ren Hang das Leben. Er hinterlässt ein umfangreiches und einzigartiges fotografisches Werk, das in China und international große Beachtung erfährt.

-Die Redaktion