Interview mit Liu Yulin „Ich griff zum Telefon, rief ihn an und sagte: Guten Tag, Lehrer Liu!“

Liu Yulin
Liu Yulin | © Liu Yulin

2014 gewann sie mit einem Kurzfilm einen Studentenoscar: Ende 2016 hat Liu Yulin ihr Spielfilmdebüt „Someone to Talk to“ in die chinesischen Kinos gebracht. Im Interview redet die Regisseurin über Einsamkeit, ihr Vorbild Feng Xiaogang und das besondere Verhältnis zu ihrem Vater, dem Schriftsteller Liu Zhenyun.

Frau Liu, in Ihrem Spielfilmdebüt „Someone to Talk to“ geht es um Sprachlosigkeit. Schon in einer der ersten Szenen lässt sich ein Ehepaar scheiden, weil es sich nichts mehr zu sagen hat. Wieso fällt es den Filmhelden so schwer, miteinander zu sprechen?

Reden ist ein menschliches Grundbedürfnis. Es ist aber schwierig, jemanden zu finden, der einem zuhört. Jemanden zu finden, der einen versteht, ist noch schwieriger. Man kann wahrscheinlich sagen, dass sich unser Leben im Großen und Ganzen darum dreht: Jemanden zu finden, mit dem man reden kann.

Das Stadt-Magazin Time Out Beijing schreibt, Ihr Film behandle die „überwältigende Einsamkeit Chinas moderner Städte“. Stimmen Sie zu?

Ich finde nicht, dass der Kern der Geschichte ein chinesisches Phänomen ist. Er ist allgemeingültig. In China ist Sprachlosigkeit aber vielleicht ein noch größeres Problem als im Westen. Westliche Gesellschaften sind christlich geprägt, es gibt den Glauben an Gott. Wenn man einsam ist, kann man beten, also mit Gott sprechen. In China gibt es diesen Glauben nicht. Man muss sich zum Reden Freunde suchen.

Aber in „Someone to Talk to“ geht der hintergangene Ehemann Niu Aiguo doch auch in einen Tempel und gesteht Buddha, dass er seine Frau und ihren Liebhaber ermorden will.

So etwas kommt aber nur selten vor, in Extremsituationen etwa, wenn man sich in die Enge getrieben fühlt, wie Niu Aiguo in dieser Szene. Es ist kein Ritual wie der sonntägliche Kirchengang in westlichen Gesellschaften. Außerdem hat diese Szene ja auch einen besonderen Witz: Jeder andere Mensch würde versuchen, die schlechte Tat vor religiösen Autoritäten zu verbergen. Aber Niu Aiguo kündigt die Morde bei Buddha an.

Ihr Film basiert auf dem Roman „One Sentence Worth Ten Thousand“, den ihr Vater, der Schriftsteller Liu Zhenyun, geschrieben hat. Was für ein Verhältnis haben Sie zu Ihrem Vater?

Ich verstehe mich sehr gut mit meinem Vater. Bei unserer Zusammenarbeit haben wir aber versucht, unser Vater-Tochter-Verhältnis abzulegen und uns als Drehbuchautor und Regisseurin zu betrachten. Bevor ich mich dafür entschied, den Film zu drehen, dachte ich lange über ein paar Fragen nach: Warum will ich gerade diesen Roman verfilmen? Wie will ich die Geschichte filmisch umsetzen? Ich wusste, dass mir mein Vater die Verfilmung nur erlauben würde, wenn ich ihm präzise erklären kann, was ich vorhabe. Nachdem ich ein halbes Jahr über diese Fragen nachgedacht hatte, griff ich also in New York, wo ich Regie studierte, zum Telefon, rief ihn an und sagte: „Guten Tag, Lehrer Liu...”

Sie nennen Ihren Vater „Lehrer Liu“?

Ja, wenn es um Berufliches geht, sage ich „Lehrer Liu“ zu ihm. Ich trenne Privates strikt von Beruflichem. Ich wollte, dass er mich als Regisseurin wahrnimmt und nicht als Tochter. Ich bat ihn schließlich, das Drehbuch für mich zu schreiben. Und er sagte zu.

Hatten Sie Angst, dass er absagt?

Ja, sicher. Er hätte abgesagt, wenn er nicht den Eindruck gewonnen hätte, dass ich wirklich gut vorbereitet war. Zum Glück war ich das.

Wie hat Ihr Vater Sie als Künstlerin beeinflusst?

Von meinem Vater habe ich das Beobachten gelernt. Er hat mir beigebracht, auf Gefühle und Details zu achten, nicht zynisch, sondern mit einem weichen und sensiblen Blick. Eines meiner größten Vergnügen ist es, neben ihm zu sitzen und Menschen zu beobachten. Außerdem habe ich seine Gewissenhaftigkeit übernommen. Deswegen habe ich mich so penibel auf unser Telefongespräch vorbereitet.

In „Someone to Talk to“ hat Ihr Vater einen Cameo-Auftritt. Er spielt einen Mann, den die Schwester von Niu Aiguo bei einem Blind Date trifft. Der Mann ist aber ein furchtbarer Pedant, der während des Essens über Nietzsche, Sokrates und Konfuzius doziert. Wieso haben Sie Ihrem Vater diese Rolle gegeben?

Das habe nicht ich eingefädelt, sondern die Produktionsfirma. Vor zehn Jahren stand mein Vater in dem Film „The Dream Factory“ des Regisseurs Feng Xiaogang schon mal mit Liu Pei, die die Schwester von Niu Aiguo spielt, vor der Kamera. Damals spielten die beiden auch eine Blind-Date-Szene. Mein Vater gab einen jungen Mann, dessen Freundin sich gerade von ihm getrennt hatte. Liu Pei spielte eine arabische Prinzessin. Das Blind Date in Someone to talk to ist also nach einer Pause von zehn Jahren das zweite Rendezvous.

Ihr Vater hat mehrere Drehbücher für Feng Xiaogang geschrieben, zuletzt das Buch für den Film „I Am Not Madame Bovary“. In der chinesischen Presse heißt es deswegen gelegentlich, Feng Xiaogang sei Ihr Vorbild. Stimmt das?

Da ist was dran. Bei Feng Xiaogangs Film „Back to 1942“ war ich Script Supervisor, das war eine der wichtigsten Erfahrungen meiner Karriere. Es war die erste große Filmproduktion, die ich mitgemacht habe, ich habe unheimlich viele praktische Dinge gelernt. Das hat mir die Augen geöffnet. Seitdem blicke ich anders auf Filme.

Werden Sie in Zukunft wieder mit Ihrem Vater zusammenarbeiten?

Das ist denkbar. 2017 werde ich meinen zweiten Spielfilm angehen. Tatsächlich möchte ich wieder einen Roman meines Vaters verfilmen. Das Buch ist noch nicht erschienen, ich habe es vorab gelesen. Die Geschichte ist komplexer als die seiner früheren Romane, sie umfasst mehrere Generationen und Städte.

Haben Sie ihn schon angerufen und um Erlaubnis gefragt?

Das steht noch aus. Ich muss mich erst auf seine Fragen vorbereiten. Das wird noch eine ganze Weile dauern.

Glauben Sie, dass die Zusammenarbeit mit Ihrem Vater Ihrer Karriere hilft? Oder ist die Bekanntheit Ihres Vaters eine Bürde?

Ich empfinde die Bekanntheit meines Vaters nicht als Bürde. Ohne meinen Vater wäre ich nicht so kreativ. Wenn ich mit ihm zusammenarbeite, versuche ich einfach, meine Arbeit als Regisseurin so gut wie möglich zu machen.

Für ihren Kurzfilm „Door God“ gewann Liu Yulin (刘雨霖) 2014 eine Silbermedaille bei den Studentenoscars. „Someone to Talk to“ (一句顶一万句) ist das Spielfilmdebüt der chinesischen Regisseurin. Liu, 29, ist die Tochter des preisgekrönten Schriftstellers Liu Zhenyun. Sie studierte Regie an der New York University. Heute lebt sie in Peking.