Stadtgeschichten: München Die Erfahrung der Weite

Georg Haider
Georg Haider | © Alex Veltens

Der Komponist Georg Haider erklärt seine Liebe zum Land und warum Volksmusik und Neue Musik sich nicht widersprechen.
 

Lediglich ein kleines Schild über dem Gehweg weist auf das Café im Hinterhof hin. Ich folge einer Durchfahrt auf einen mit Platten ausgelegten Hof voller Fahrräder. Da liegt, recht still, halb versteckt, das Lokal, in dem ich mit Georg Haider verabredet bin. Man trifft ihn hier häufiger, besonders am frühen Abend zwischen der Arbeit bei der nahen Münchener Philharmonie und einem der Konzerte, die er dort häufig besucht. Haider ist ein fröhlicher, aber keineswegs lauter Mann Anfang fünfzig. Er spricht bairisch, auch wenn er mir zuliebe den Dialekt abschwächt. Auch das Personal im Café, sagt er, rede meist Mundart. Außerdem läuft selten Musik. Das Unaufgeregte, Selbstverständliche mag er hier gern. Auf das Retro-Jugendstilambiente geht er hingegen nicht ein.

Georg Haider lebt von Anfang an in und mit der Musik, die Eltern sangen und spielten daheim. Damals habe er gedacht, Musik sei so was wie Natur, das hat’s einfach gegeben. „Dass sie gemacht“ werde, sei ihm erst später klar geworden. Als Kind hat er bei den weltberühmten Regensburger Domspatzen gesungen, studierte später Komposition und Fagott, reiste mit dem Bayerischen Landesjugendorchester sowie mit Stipendien um die Welt. Jetzt lebt er wieder in dem kleinen bayerischen Dorf, in dem er auch aufwuchs. Er sei eben ein Landmensch, er schätze den Blick auf die grüne Wiese, auf der im Sommer Kühe grasen, und die Distanz, die man in der Abgeschiedenheit gewinnen kann. Allerdings ist die Anbindung an München gut, in einer Stunde kommt man mit dem Zug von hier nach dort. Die Stadt, sagt Haider, sei für ihn eine Möglichkeit mit ihrem vielfältigen Musikangebot, der Stadtbibliothek, die für ihre Notensammlung bekannt ist. Das Reisen hat ihn bereichert und seinen Blick auf die Heimat geschärft. „Die Weite Australiens zu sehen, hat mein Denken schon verändert“, sagt er. „Ich bin überzeugt, dass eine gewisse Engstirnigkeit, die es in Deutschland gibt, daher kommt, dass die Menschen so nah aufeinander leben.“ Die Erfahrung der Weite war für ihn ein Schlüsselerlebnis.

Die Weite, die damit verbundene Distanz zur Heimat zeigt sich auch in Haiders Schaffen. Viele seiner Kompositionen beziehen sich auf Traditionen des süddeutschen Sprachraums. Einerseits komponiert er für Instrumente wie Alphorn oder Zither, die bis vor kurzem nur im volksmusikalischen Bereich eingesetzt wurden. Andererseits nimmt er zum Beispiel auf das in Bayern beliebte Schafkopfen Bezug. Haiders ebenso benannte Alphornstücke können in der Aufführungsreihenfolge einer live gespielten Partie des Kartenspiels folgen. Im Schwierigkeitsgrad entsprechen die Stücke außerdem dem Wert der Spielkarte, nach der sie benannt sind.

Haiders Kompositionen zählen jedoch zur Neuen Musik, sie sind hoch differenziert und alles andere als traditionalistisch. Einen Bruch oder Gegensatz zur alpenländischen Musik will er in seiner Musik jedoch nicht sehen. Mit der Stubenmusik, mit Zither, Hackbrett, Harfe und Gitarre, ist er groß geworden, da liegen seine Wurzeln. Wenn er mit eigenen Stücken darauf reagiert, steckt für ihn viel Liebe in der Auseinandersetzung mit der Tradition. Nur dass er sich eben weiterentwickelt habe. Der Titel eines seiner jüngsten Stücke „Fremde Heimkehr“ steht paradigmatisch für diese Haltung. Allerdings gesteht er zu, dass sein früherer Professor die Komposition einen „Abgesang an die Tradition“ genannt habe.

Das Café im Hinterhof füllt sich allmählich mit Gästen, die zu Mittag speisen. Der Lärmpegel steigt, die Hintergrundmusik bleibt aus. Georg Haider erzählt vom Gasteig, wo er seit bald zehn Jahren täglich hingeht. Die Konzerthalle wurde in den Achtzigerjahren in einem multifunktionalen Kulturzentrum errichtet. Dieser Bau aus roten Klinkern steht erratisch auf der Höhe des rechten Isarufers. Seine Architektur und noch mehr die Akustik der Philharmonie wurden von Beginn an viel geschmäht – zu Unrecht, wie Haider findet. Es stimme zwar, dass das Hörerleben in dem rund 2400 Leute fassenden Saal recht unterschiedlich ausfallen könne. „Aber so schlecht, wie er oft in der Presse wegkommt, ist er wirklich nicht.“ Er lobt die Funktionalität des Gebäudes im Bereich hinter der Bühne. Den geplanten Neubau eines Konzertsaals für das BR-Symphonieorchester begrüßt er. Nur dass bei dieser Gelegenheit die Orchester des Bayerischen Rundfunks und der Philharmonie in den Medien gegeneinander ausgespielt würden, kritisiert er. Und er würde sich ein mutigeres Programm wünschen, in dem der Gegenwartsmusik und unbekannteren Komponisten mehr Raum verstattet wäre.

Im Anschluss an einen Konzertbesuch geht Haider gern durch das abendliche Haidhausen. Die Straßen hier tragen die Namen französischer Orte, die nach dem Krieg von 1870 teilweise deutsch waren. Franzosenviertel nennen die Münchener diesen Teil ihrer Stadt. Doch dieses übriggebliebene Zeugnis vergangener Siegesfreude hat nichts Imperialistisches. Die Straßen sind eng, die Höfe dicht bebaut - hier lebten seinerzeit in erster Linie Arbeiter. Heute ist es mit seiner reichlichen Altbau-Substanz eines der teuren Münchener Viertel. In manchen Straßen gibt es viele Lokale. Diese Straßen scheint Georg Haider zu meiden. Für ihn ist das abendliche Haidhausen eher still: „Spät abends hast du die Straßen hier mehr oder weniger für dich. Und es gibt keinen Lärm, der dich von dem Erlebnis trennen könnte.“

Auch Hintergrundbeschallung – etwa Musik in einem Café – gehört für Georg Haider zum Lärm. In einem Radiobeitrag wurde seine Musik in diesem Sinn als „uneasy listening“ apostrophiert. Dem kann er zustimmen. „Wenn ich Musik höre, dann will ich, dass die Musik mit mir was anstellt.“ Das gehe nur, wenn man sich auf das Hören auch einlasse. Und diesen Anspruch erhebt er auch für seine eigenen Kompositionen. Ich frage ihn, welchen Einfluss Musik auf das Leben hat. Er denkt nach. Eigentlich, antwortet er, höre man Musik ja als Einzelner. Doch sie verbinde auch die Menschen, deshalb wollten repressive politische Systeme immer Einfluss auf die Musik in ihrem Herrschaftsbereich nehmen. „Musik berührt die Leute oft bis ins Innerste. Was sie da anstellt, das ist nicht kontrollierbar.“