Stadtgeschichten: Peking Mein Caochangdi: ein US-Chinese erzählt

Zhang Dongping (张东平)
Zhang Dongping (张东平) | © Zhang Dongping

1987 zog Zhang Dongping (张东平) mit seinem Sohn nach einem Unfall nach Peking, um ihn dort behandeln zu lassen. 1995 gründete er im Pekinger Vorort Caochangdi (草场地) eine englische Sprachschule, um etwas für die Gesellschaft zu tun. Der heute 77-jährige Chinese mit amerikanischer Staatsbürgerschaft erzählt über die Geschichte, die seine Familie seit über zwanzig Jahren mit Caochangdi verbindet und von seinen Ansichten über diesen Ort, der an der Schwelle zwischen Stadt und Land liegt.
 

Als Zhang Dongping vor über zwei Jahrzehnten das erste Mal nach Caochangdi kam, erstreckten sich südlich von den im Norden gelegenen Häusern der Bewohner noch Kornfelder. Abgesehen davon gab es nur das Dorfkomitee und eine öffentliche Toilette in der südwestlichen Ecke des Ortes. Der Grund für seinen Besuch war sein damals 13-jähriger Sohn Patrick (张士柏), der seit einem Unfall beim Turmspringen im Rollstuhl saß. Nachdem ihm Freunde die chinesische Medizin empfohlen hatten, zog Zhang, um nichts unversucht zu lassen, kurzerhand mit seiner Familie nach Caochangdi. Zhang hatte zunächst in den USA studiert und gearbeitet. Später war er nach Taiwan zurückgegangen, wo er seinem Vater half eine Zementfabrik zu führen. Doch dann hatte er sein Glück noch einmal in Amerika versuchen wollen, wo er es in Kalifornien zu einem sehr einflussreichen Immobilienunternehmer brachte.

 Der Vorort Caochangdi liegt an einem Zubringer zum Pekinger Flughafen. Und auch wenn er nicht so berühmt ist wie die zwei Kilometer entfernte 798 Kunstviertel, gilt er ebenfalls als Künstlerdorf. Wo ehemals noch freies Land war, reihen sich heute die Gebäude aneinander. Die ein bis zweistöckigen Ziegelhäuser und niedrigen Bungalows der alten Siedlung wurden renoviert und zu vier- bis fünfstöckigen Wohnhäusern ausgebaut. Mehrere schmale Straßen unterteilen das Dorf in ein Wohngebiet und in ein anderes Viertel, in dem sich vor allem Galerien und Kunsträume, Ateliers,Werkstätten und Cafés angesiedelt haben. Streift man durch dieses Areal, kommt man irgendwann an einen ganz besonderen Ort: Das PARC-Center (Patrick Research Center, 张士柏中心), eine Hofanlage mit weißen Mauern und roten Dachziegeln. Über die gemauerte Einfriedung hinweg kann man das ganze Jahr die grün aufragenden Baumspitzen der Zypressen sehen, die im Innenhof Spalier stehen.   

Doch die Anlage wird nicht nur von Bäumen geziert, sondern auch von Beeten mit einer Vielfalt an Blumen. Das lädt Zhang und seine Frau Liu Lifen (刘黎芬) oft zu einem Spaziergang ein. „Wir haben uns anfangs für diesen Ort entschieden, weil er in ungefähr gleicher Entfernung zum Flughafen und zum dritten Ring liegt. Das war einfach praktisch“. Damals habe Patrick immer wieder zur Behandlung in die Stadt gemusst während er zugleich noch in den USA studierte, erinnert sich Zhang. Wenn man zwischen China und den USA pendelte, saß man über zehn Stunden im Flugzeug. Das war zwar anstrengend, aber dieser Ort ließ sich noch relativ gut erreichen.

 Zwar hat all das nichts geholfen, um Patrick aus dem Rollstuhl zu befreien, aber wenigstens wurde sein Studium nicht beeinträchtigt und er schaffte es spielend bis zur Promotion. Dem Ehepaar Zhang wurde dadurch klar, wie wichtig Bildung für einen Menschen ist, und so beschlossen sie in Caochangdi ein relativ großes Grundstück für die Errichtung einer Schule vorzusehen. Sie wollten sich unbedingt für mehr Bildung engagieren.

Erst als der Plan in die Tat umgesetzt werden sollte, merkten sie, dass man damals als Ausländer noch keinen Zutritt zum chinesischen Bildungswesen hatte. Vieles wurde ihnen erst im Nachhinein klar: etwa, dass sie ihr Projekt zwar nicht als „Schule“ aber als „Schulungszentrum“ bezeichnen durften. Nach langen Vorbereitungen und diversen Verhandlungen konnte das nach ihrem Sohn benannte englische Schulungszentrum „Beijing Patrick Center“ an Weihnachten 1995 offiziell eröffnet werden. Zur gleichen Zeit ging auch PEN, das „Patrick English Network“ (张士柏英语网) online.

Beim Design des neu errichteten Zentrums hat Zhang Dongping zum Teil selbst mitgewirkt. So mutet das rosafarbene Dach kalifornisch an. Vor allem freut es ihn, wenn man ihn auf die Zypressen und Kiefern anspricht: „Damals waren die Bäume noch ganz klein. Sie wurden mir von Landsleuten aus Ningbo mitgebracht. Ich würde in Peking zur Bildung der Gesellschaft beitragen, meinten sie zu mir. Da wussten sie nicht, was sie mir schenken sollten und so haben sie mir einfach eine Handvoll Erde aus der Heimat und ein paar Setzlinge mitgebracht.“ Inzwischen sind die Zypressen, nachdem sie nie gestutzt wurden, drei bis vier Meter hoch. Nur den Teil, der im Osten an die Stromleitungen heranreicht, hat man beschnitten. Spätestens an dieser Stelle braucht es noch eine paar Hintergrundinformationen: Zhangs Vorfahren stammen aus dem südchinesischen Ningbo, er selbst wurde in Shanghai geboren und verließ das chinesische Festland im Alter von zehn Jahren Richtung Taiwan. Später ging er dann zum Studium nach Amerika. Trotzdem blieb Zhang seinem Herkunftsviertel Beilun (北仑) in Ningbo immer eng verbunden: Im Andenken an seine Mutter ließ er in Beilun eigens den „Park zu Ehren der mütterlichen Güte“ (念慈园) anlegen. Sein Sohn Patrick wiederum, der damals noch an der Stanford University in Kalifornien studierte, richtete mit den 200.000 Dollar, die ihm die Eltern als Existenzgrundlage geschenkt hatten, in Beilun eine Stiftung für Bildungsstipendien ein. „Inzwischen gibt es diesen Bildungsfonds seit über zwanzig Jahren und es haben über zwanzigtausend Menschen davon profitiert.“ Das englische Schulungscenter bot seinen Unterricht bis 2002 an, dann wurde dieser aus verschiedenen Gründen eingestellt. Doch die Redaktion für das Online-Magazin PEN gibt es noch. Der Großteil der Klassenräume und Studentenwohnheime wurde nach einer einfachen Renovierung zu Ateliers oder Wohnungen umgebaut. 

Blick auf das Patrick Research Center Blick auf das Patrick Research Center | © Zhang Zongxi (张宗希) Vor dem Patrick Research Center Vor dem Patrick Research Center | © Zhang Zongxi (张宗希) Eingang zum Patrick Research Center Eingang zum Patrick Research Center | © Zhang Zongxi (张宗希) Klassenleben im Patrick Research Center Klassenleben im Patrick Research Center | © Zhang Dongping „Und wenn Sie mir jeden Preis für diesen Baum zahlen würden, ich würde ihn um nichts in der Welt hergeben. Er wurde vor über zwanzig Jahren hier eingepflanzt und wenn noch einmal zwei Jahrzehnte vergehen wird er ein Alter von über vierzig Jahren erreicht haben. Alles was man bei uns sieht, folgt seiner natürlichen Existenz“, erklärt Zhang während er eine der Kiefern im Garten betrachtet. „Vor zwei bis drei Jahren ist infolge von Schädlingsbefall eine Kieferngruppe eingegangen. In ganz Peking und auch hier bei uns waren viele Kiefern betroffen, und trotzdem stehen die meisten unserer Bäume noch. Und selbst wenn diese Kiefer hier ziemlich üppig ist, habe ich den Wildwuchs um sie herum nicht zurückgeschnitten.“ Als wir auf das früher einmal kursierende Gerücht zu sprechen kommen, dass Caochangdi als ländlich-urbanes Mischgebiet abgerissen werden solle, meint Zhang: „Keiner wusste, ob sie irgendwann mit der Abrissbirne kommen oder nicht. Ich finde allerdings, man muss generell davon wegkommen immer gleich ans Abreißen zu denken.“ Er nennt ein Beispiel dazu: Einem alten Haus könne man schließlich auch durch einen neuen Anstrich und etwas Renovierung neuen Glanz verleihen. Das ewige Einreißen und Aufbauen sei doch nur Vergeudung von Material und anderen Ressourcen. Man dürfe nicht einfach übereilt mit der Planierraupe kommen. Solche Entscheidungen müssten reifen. Warum wolle man etwas abreißen und was wolle man damit bezwecken? So etwas müsse man sich gut überlegen.

Abgesehen von dem Hof besitzt Zhang Dongping noch eine Wohnung in der Stadt. Auch wenn ihm der Hof lieber ist, weil ihn mit diesem Ort so viel verbindet. Das hier sei doch etwas ganz anderes als sein Appartement im sogenannten CBD, dem Central Business District von Peking (核心商业区), „denn das Appartement habe ich nicht selbst gebaut, ich habe nur Geld dafür hingelegt“. Was das Gleichgewicht zwischen Konservierung und Entwicklung angeht, meint Zhang, auf Fortschritt könne man zwar nicht verzichten, aber das heiße nicht, dass dabei alles, was im Weg steht oder einem nicht gefällt, unbedingt weichen müsse. Schließlich gäbe es noch genügend andere Orte, an denen man etwas bauen könne. „Beispielsweise hat es früher in Peking nicht einmal eine fünfte Ringstraße gegeben, und jetzt haben wir schon den sechsten Ring. Egal ob es um Bildung oder die Verschönerung des Stadtbilds geht, man muss nicht immer gleich alles neu machen. Das gilt für alle Dinge. Mit der chinesischen Mauer ist es doch dasselbe: Nachdem die alte Mauer abgerissen wurde, muss man sie heute wieder rekonstruieren. Prinzipiell sollte man bei vielen Dingen etwas mehr Weitsicht an den Tag legen.“ 

„Wenn es diesen Ort in zehn Jahren nicht mehr gibt, wird die Natur wieder Besitz von ihm ergreifen.“ Mit Blick auf die schief wachsenden Äste der Zypresse meint der 77-jährige Zhang Dongping beinahe kindlich: „dieses oder vielleicht auch nächstes Jahr müsste ich sie eigentlich etwas in Form trimmen, aber wahrscheinlich bringe ich es doch nicht übers Herz. Das ist ihre natürliche Gestalt, ‚das wahre Gesicht des Berges Lushan’ wie man im Chinesischen sagt.“ Auch wenn er in den USA weilt, denkt Herr Zhang wahrscheinlich noch an die Blütenpracht der Chrysanthemen in seinem Garten. Im Grunde genommen geht es dabei jedoch gar nicht so sehr um das Pflanzen von Blumen und Bäumen, sondern vielmehr um den Ausdruck eines ganz anderen Gefühls. Über zwei Jahrzehnte lang, von Anfang fünfzig bis Mitte siebzig, hat Zhang Dongping diesem Ort sein Herzblut gegeben, er hat die Saat ausgebracht und wartet auf die Ernte.