Wie Dada nach China kam (Teil 3) An der Schwelle zum Nichts

”Analysis II” by the New Analysts (新刻度)
”Analysis II” by the New Analysts (新刻度) | © Photo courtesy of the artists

Mit Globalismus und Konsumsprache hat sich die Anspannung gelegt, die vor über zwanzig Jahren angesichts der damaligen historischen Situation herrschte. Auch ist der Wunsch verflogen mit dem eigenen Umfeld, der Wirklichkeit oder der (Kunst-) Geschichte in einen referentiellen Dialog zu treten. Die Diskrepanz zwischen Kunst und Dada ist noch viel größer geworden, auch wenn die Unterschiede mittlerweile bedeutungslos sind oder nur am Rande ein Rolle spielen. Mit anderen Worten: Dada und andere Referenzen waren nur für eine gewisse Zeit von Belang und haben ihre historische Bedeutung eingebüßt.

Heutzutage gibt es im Kunstbetrieb immer seltener das Bedürfnis, über den Dadaismus oder Duchamp zu diskutieren. China hat kein Interesse mehr an der destruktiven Kraft, die in der Sprache der Readymades gelegen hatte, und die Vorstellung vom Wert des „Widerstands“ wird zunehmend vage. Sind die Sprache der Readymade-Kunst und der Wert des Widerstands denn überhaupt noch legitim? In welchem Zustand befinden sich heute diese zwei Konzepte, die als Zweiklang seit den achtziger Jahren die Entwicklung der zeitgenössischen chinesischen Kunst bestimmt hatten? „Worüber diskutieren wir eigentlich, wenn wir ohne Bilder über Duchamp sprechen?”, fragte mich Chen Shaoxiong (陈劭雄), Mitglied der Kantoner Big Tail Elephants Gruppe (大尾象小组), einmal in einer E-Mail.

Selbst in den neunziger Jahren lagen Duchamp und Dada keineswegs allen am Herzen. Die New Analyst Group (新刻度小组) etwa erklärte sich mit der Alltagsästhetik und der unbekümmerten, guerillahaften Arbeitsweise des Dadaismus nicht einverstanden. Zudem warnten sie davor den Künstler wie bei Duchamp mystisch zu verklären. Vielmehr traten sie dafür ein, die Position des Autors und das Individuelle in der Kunst abzulegen, und gingen ihre künstlerische Arbeit „distanziert” und „rational” an. In ihrer Werkreihe Analysis (解析) waren selbst erfundene Mathematik und geometrische Figurenberechnungen das einzige Thema. Die Intimität und der Gefühlsüberschwang der Kunst lösten sich bei ihnen in sinnlosen mathematischen Herleitungen auf. Zweifelsohne hat sich die New Analyst Group in ihren Arbeiten ganz bewusst mit dem großen Narrativ der achtziger Jahre und der Ikonografie der neunziger Jahre auseinandergesetzt. Mit anderen Worten: ihre Kunstpraxis der „Bedeutungslosigkeit”, die sie mit ganzer Kraft anschaulich machten, bekam gerade unter den konkreten historischen Bedingungen eine enorme Signifikanz.

Heute indessen werden Globalismus und die Sprache des Konsums allerorts gefeiert. Enthistorisierung, Entkontextualisierung und Entpolitisierung werden, auch wenn das jeder historischen Grundlage entbehrt, mit großer Selbstverständlichkeit für legitim gehalten. Der Siegeszug der Kunst auf dem Markt scheint die alleinige Basis zu sein. Die von der Ökonomie getriebene Produktivität und Imagination hat großen Enthusiasmus geweckt. Selbst als 2008 die Finanzkrise einsetzte, gab es in der chinesischen Kunstwelt keinen Zweifel daran, dass man zur (amerikanisch-europäischen) Welt bereits eine Brücke geschlagen hatte. Der Kunstbetrieb setzt in seiner Hoffnung auf Internationalisierung auf das vorsätzliche Ignorieren von historischen und politischen Kontexten und ist überzeugt von der Legitimität dieses Vorgehens. Durch den allmählichen Rückzug der politischen Autorität aus dem Markt verblasste bei den Kunstschaffenden das Interesse am „Widerstand”. Viele Künstler füllten das Vakuum, das übrigblieb, nachdem die „Politik” als ihr Ansprechpartner verschwunden war, indem sie die Episoden ihres eigenen Weltempfindens in den Vordergrund rückten oder Materialien und visuelle Sprache erkundeten. Derzeit formiert sich eine neue Beliebigkeit, die anscheinend deshalb so verlockend ist, weil sie die Kapazität hat, alles miteinander zu verbinden: Alles ist möglich und machbar. 

Angesichts dieses aktuellen Trends hat es zwischenzeitlich durchaus so etwas wie eine „Hinwendung zum Lokalen” (本土关怀) gegeben. Was sich darin zeigte ist, dass einige Künstler versuchten in nichturbane Regionen und Bevölkerungsgruppen vorzudringen. Sie gingen etwa in Bergregionen oder Dörfer, wo sie Kontakt zu Arbeitsmigranten, Wanderarbeitern und zur Dorfbevölkerung suchten und im Zeichen der Intervention Kunstprojekte in initiierten. Den Künstlern, die diese Partizipationskunst entwickelten, waren das Vakuum des Globalismus und die von der Wirtschaftsblase produzierten leeren Hoffnungen wohl bewusst. Dass sie aktiv wurden, um ihre Anteilnahme an der chinesischen Wirklichkeit auszudrücken, verdient allemal Respekt. Allerdings muss die Frage gestellt werden, ob man sich unter den aktuellen historischen Gegebenheiten dem Internationalismus verschreibt oder sich der chinesischen Wirklichkeit zuwendet, ein solch unreflektierter Aktionismus wird die symbolische Bedeutung der Kunst hervorheben und den Weg zu einer kritischen Betrachtungsebene versperren. 

Wieder einmal tritt in der Kunst die Dialektik von Sprache und Werten in den Vordergrund. Die Verschiebung der Werte macht die künstlerische Sprache zu einem ziemlich subtilen Werkzeug, das die neue Beliebigkeit feiert. Wie auch die Tendenzen politischer Autorität in China zeigen stellt die Erzeugung von Werten mittlerweile das größte Problem dar. In der Visualisierung eines neuen Staates gibt es abgesehen von der Ökonomie als weiterhin einzig anerkanntem und vertrauenswürdigem Wert keine zentralen Werte mit kultureller oder politischer Anziehungskraft, auf die man sich stützen und verlassen könnte. Das wird für die Menschen auch unbewusst in der Kunst spürbar. Indem das Wertefundament politischer Autorität zerbröckelte, wurde auch die Kunst führungslos. Sie verlor ihre Angriffsfläche und konnte nicht mehr im Sinne des Dada agieren. Diese instinktive Wahrnehmung fördert eine Haltung, die sich dem „Nichts” annähert: Kein einziger Wert hatte mehr Bedeutung. Hohle, durch nichts zusammengehaltene, zentrale Werte oder nichtige Werte haben sich eine neue Rechtmäßigkeit gegeben. Auch wenn ihre Legitimität mit den realen und historischen Kontexten bricht und lediglich von momentaner und flüchtiger Natur ist. Gemeinsam mit der gewaltigen Macht des Marktes gipfelt das in einem einmaligen Boom aber auch in einer nie dagewesenen Gefälligkeit der visuellen Kunstsprache. 


”Speeches from the Forum on Literature and Art”, People’s Publishing House, October 2014 ”Speeches from the Forum on Literature and Art”, People’s Publishing House, October 2014 | © People’s Publishing House Der Kunstkritiker Li Xianting (栗宪庭) betonte in seinem Text What Is Important Is Not Art (重要的不是艺术) immer wieder, die Basis zeitgenössischen Kunstschaffens sei der Wandel der Werte. Der Wandel der sprachlichen Mittel dürfte nur als ein nachrangiges Thema diskutiert werden. Heute hat die Vorstellung vom riesigen Fassungsvermögen der Kunst die Abwesenheit eines Standpunktes und eine leere Ästhetik hervorgebracht. Das Nichts ist zu einem Wert geworden. Gewissermaßen hat die New Analyst Group mit ihrem Konzept der „Bedeutungslosigkeit“ die Gegenwart auf absurde Weise vorhergesehen. Hinsichtlich der Kräfte, die in der Kunst wirken, kann der Übergang von der „Bedeutungslosigkeit“ zum „Nichts“ als der Prozess einer Schwächung und Auflösung des Subjektivismus betrachtet werden. Die Anspannung, die vor über zwanzig Jahren angesichts der damaligen historischen Situation herrschte, hat sich gelegt. Auch ist der Wunsch verflogen, mit dem eigenen Umfeld, der Wirklichkeit oder der (Kunst-) Geschichte in einen referentiellen Dialog zu treten. Die konzeptuellen Unterschiede ließen Dada zu einem Feind der New Analyst Group werden. Doch dass die Mitglieder der New Analyst Group in der historischen Situation von vor zwei Jahrzehnten diese Unterschiede erkennen konnten und den Wert der eigenen Existenz betonten, hat mit einem instinktiven und subjektiven Geschichtsbewusstsein und ihren analytischen Fähigkeiten zu tun. Heute ist die Diskrepanz zwischen Kunst und Dada noch viel größer geworden, auch wenn die Unterschiede mittlerweile bedeutungslos sind oder nur am Rande ein Rolle spielen. Mit anderen Worten: Dada und andere Referenzen hatten nur eine vorübergehende Existenzberechtigung. Nachdem sich die Zeiten geändert haben, kann die Kunst in den Augen vieler Kunstschaffender nicht mehr nach Art des Dada in den Widerstand gehen und hat die alltägliche Dringlichkeit verloren, mit einem Gegenüber in den Dialog zu treten. Viele Künstler untersuchen die Unterschiede nicht mehr um ihren eigenen Standpunkt zu bestimmen, weshalb bei ihnen die Kunst zum Mitverschwörer einer leeren Epoche wird, deren letzte Illusion es ist, dass es keine Unterschiede gibt. Die Kunst fungiert dabei nicht mehr als Spion und Guerillakämpfer. Durch die unbewusste Akzeptanz der Leere in der Kunstwelt versperrt das l’art pour l’art jeglichen Zugang zu den Wurzeln. Man stellt sich die Kunst wie einen „Geist“ vor, der überall auf der Welt auftauchen könnte, die Grenzen der Zeit überwindet und omnipräsent ist. Man denkt sich die Kunst als Imaginationsraum, der die ganze Welt in sich aufnehmen kann. Genauso wie wir heute die Politik empfinden ist auch die Kunst selbstbezogen, selbstmächtig und leer. 

Vielleicht wird uns die Verdichtung der politischen Atmosphäre (man denke an Xi Jinpings Rede auf dem Pekinger Forum für Literatur und Kunst am 15. Oktober 2014) in der Gegenwart von 2016 wieder zum Nachdenken zwingen und der Kunst die Möglichkeit geben, ihre Selbstimagination und Selbstbezogenheit zu verlassen. So wie der Dadaismus immer wieder durch die Dialektik von Sprache und Werten geistert ist auch die Kunst vor seinem Spuk längst nicht sicher.