Fokus: Handgemacht „Der Friseurberuf ist ein riesiges Feld“

Ulf Pingel
Ulf Pingel | © Ulf Pingel

Waschen, Schneiden, Legen und zwischendurch den Boden fegen? So stellen sich viele Menschen das Friseursein vor. Ein großer Fehler, sagt Ulf Pingel. Für ihn ist Friseur der großartigste Beruf der Welt. Weil der Friseur Menschen glücklich machen kann und weil der Beruf viel mehr Möglichkeiten und Perspektiven bietet, als der normale Kunde weiß.

„Ich bin stellvertretender Schulleiter in der Fachlehranstalt für Friseure und Kosmetiker in Oldenburg und unterrichte angehende Friseurmeister in Fachtheorie und Fachpraxis, also etwa Kalkulation, Salonmanagement und Rechtliches. Die meiste Zeit vermittle ich Theorie. Die Schere setzte ich in meinem Alltag nicht mehr so oft an.

Friseur bin ich geworden weil es so ein toller Beruf ist. Unsere Nachbarn hatten ein Friseurgeschäft und dort war ich in meiner Kindheit häufig als Modell. Ich habe gesehen wie toll und kreativ der Beruf ist, wie unterschiedlich man arbeiten kann. Für viele Menschen besteht der Friseurberuf aus fünf Dienstleistungen: Waschen, Schneiden, Föhnen, Färben, Dauerwelle. Damit werden zwar tatsächlich 90 Prozent des Umsatzes gemacht. Aber es gibt auch ganz andere Bereiche, beispielsweise Haarverlängerung, Haarverdichtung, Perücken, Toupets. Auf den Bereich habe ich mich eine Zeit lang fokussiert, weil ich Menschen damit helfen kann. Wenn ich jemandem die Haare schneide, freut der sich. Aber für eine Chemopatientin ist das etwas anderes, wenn ich ihr zu einer Perücke verhelfen kann, die gut und natürlich aussieht. Sie ist dankbar und glücklich.

Ich habe 1992 meinen Meister gemacht und davor drei Jahre als Geselle gearbeitet. Inzwischen gibt es leider keine vorgeschriebene Gesellenzeit mehr. Der Gesetzgeber möchte, dass die Leute schneller in die Selbständigkeit gehen, außerdem geht es darum, einen europäischen Standard zu schaffen. Dem Handwerk in Deutschland tut das nicht gut. Vor 25 Jahren habe ich angefangen hier an der Fachlehranstalt zu unterrichten. Lange habe ich parallel zur Schule noch im Salon meiner Ex-Frau mitgeholfen. Je nach Konzept, arbeiten Salons mit oder ohne Anmeldung. In „unserem“ Salon wird nach wie vor auf Anmeldung gearbeitet, so weiß man morgens, was tagsüber auf einen zukommt. Die Zeitplanung steht relativ fest. Wenn ich sechs bis acht Kunden bediene, weiß ich, wie viel Zeit ich in etwa für eine längere Bedienung inklusive Beratung brauche und nehme dann auch niemanden dazwischen. Ich denke, dass das Konzept zu einer höheren Qualität führt.

Friseur   

Natürlich sind wir Dienstleister. Trotzdem gibt es Kunden, über die sich ein Friseur mehr freut als über andere: ein guter Kunde kommt zum Friseur, ist offen für Neues und lässt sich gerne beraten, weil er darauf vertraut, dass der Friseur das Beste aus ihm macht. Der weniger beliebte Kunde will einfach die Haare kurz haben. An den eigenen Haaren ist ihm nicht gelegen und der Friseurbesuch ist notwendiges Übel. So ein Kunde kann diesen Beruf nicht wertschätzen. Das ist schade. Manchmal kommen auch Kunden, die ganz unmögliche Dinge wollen. Wenn ich es fachlich vertreten kann, bekommt er das, auch wenn ich es nicht optimal finde - da ist der Kunde König. Wenn die Dienstleistung fachlich nicht tragbar ist, lehne ich sie ab. Natürlich muss man Fachmann sein, um das beurteilen zu können.

Das wichtigste Werkzeug für den Friseur ist natürlich die Schere. Aber die bringt nichts, wenn man nicht Mund und die Augen dazu nimmt. Ein guter Friseur hat einen ganzheitlichen Blick. Er muss sehen, was für einen Typ er vor sich hat. Braucht der Kunde eine Frisur, die Volumen gibt oder verringert? Manche Leute wollen auffallen und Charakterkopf zeigen, andere wollen, dass die Frisur sie umschmeichelt. Das kann ich unterstützen. Dafür muss ich den Kunden aber erst einmal verstehen. Deshalb ist Empathie das Allerwichtigste. Psychologisch gesehen, lassen die Kunden uns Friseure in den Intimbereich. Wir kommen ihm näher als ein Meter und hantieren mit einer Schere an ihren Köpfen. Das ist ein enormer Vertrauensvorschuss. Mit diesem Vertrauen müssen wir umgehen können. Ein Friseur muss auf unterschiedlichen Ebenen kommunizieren und herausfinden, wie ein Kunde tickt. Der eine Kunde denkt visuell, dann braucht er Bilder, der auditive Typ muss anders angesprochen werden, da muss die Sprache stimmen.

Ein guter Friseur braucht außerdem Leidenschaft, er muss kreativ, offen und geschickt sein. Wer sich für den Beruf interessiert, kann all das in einem Praktikum herausfinden. Da merkt der Anfänger auch, ob er die Tätigkeiten gerne mitmacht, die nicht kreativ sind, aber auch dazugehören: den Arbeitsplatz wieder in Ordnung bringen oder Haarfarbe auswaschen. Wenn jemand entscheidet, Friseur zu werden, sollte er sich informieren, in welchem Betrieb gut ausgebildet wird. Da gibt es große Unterschiede und mit der guten Ausbildung steht und fällt am Ende alles. Leider steht es insgesamt nicht besonders gut um den Nachwuchs. Das liegt vor allem daran, dass der Beruf in der Öffentlichkeit sehr undankbar dargestellt wird. Das Klischee vom Friseur der den ganzen Tag Haare schneidet und schlecht verdient dominiert leider das Bild. Dabei gibt es, wie in vielen Berufen, Leute die gut und Leute, die schlecht verdienen. Außerdem bietet der Beruf eine enorme Bandbreite, die den meisten Menschen überhaupt nicht bewusst ist. Ein Friseur kann seinen eigenen Salon eröffnen, er kann ein Studium draufsetzen, in die Lehre gehen, auf Kreuzfahrtschiffen arbeiten, als Maskenbildner zum Fernsehen oder Theater gehen, er kann in der Industrie arbeiten und für internationale Konzerne tätig sein. Der Friseurberuf ist ein großartiger Beruf und ein riesiges Feld. Ich bin stolz auf meinen Beruf.“