Fokus: Handgemacht Nühanzi und stolz darauf

Fällt gern auf: Tattoo-Künstlerin Zhuo Danting
Fällt gern auf: Tattoo-Künstlerin Zhuo Danting | Copyright: Shanghai Tattoo

Zhuo Danting ist nicht nur Tätowiererin, sondern auch „Nühanzi“ mit Leib und Seele. „Das Schwerste ist es eigentlich, den gewählten Weg auch durchzuhalten."

Zart, zerbrechlich und anmutig. In der chinesischen Gesellschaft lernen Kinder von klein auf, dass Männer und Frauen nicht gleich sind. Frauen sind das sanfte Geschlecht – ein Weltbild, das tief in unserem Denken verwurzelt ist. Es gibt aber auch Frauen, die sich darauf nicht festlegen lassen wollen und sich bewusst dafür entscheiden, anders zu sein. Und weil sie sich im Leben so couragiert zeigen, hat man ihnen im Chinesischen das Etikett Nühanzi (女汉子) verpasst. Wörtlich heißt das soviel wie „Frauen, die wie Männer sind.“

Als Nühanzi (女汉子) verspottet man in China die Frauen, die dem traditionellen Weiblichkeitsbild der Gesellschaft nicht entsprechen.

Heutzutage allerdings, da die Forderung nach der Gleichberechtigung der Geschlechter immer vehementer wird, schwingt in der ursprünglich abwertenden Bezeichnung unverhohlene Bewunderung mit. Viele talentierte und clevere Frauen brechen mit den traditionellen Konventionen und wollen ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen gestalten. Schließlich stellen Selbstbestimmtheit und Autonomie für den modernen Menschen in dieser von starker Konkurrenz geprägten Welt eine Überlebensstrategie dar. Es ist schon ein Widerspruch in sich, dass man einerseits von jungen Frauen erwartet, dass sie auf eigenen Beinen stehen, anderseits aber einen so frauenfeindlichen Ausdruck erfindet. Glücklicherweise stören sich viele Frauen gar nicht an dieser bitterbösen Bezeichnung, sondern nehmen sie im Gegenteil sogar als Kompliment und legen so einen Mut an den Tag, in dem sie den Männern in nichts nachstehen.

Nühanzi – na und?

Im Gegensatz zu den Mädchen, die schon mit der Bezeichnung Nühanzi kokettieren, wenn sie einmal etwas Schweres tragen, trägt die erfahrene Shanghaier Tattoo-Stecherin Zhuo Danting (卓丹婷) diesen Namen zu Recht. Die 35-jährige Zhuo Danting stammt ursprünglich aus Harbin, aber selbst in Shanghai, wo sich Hipster jeglicher Couleur an Extravaganz zu übertreffen suchen, fällt es schwer ihre

 außergewöhnliche Erscheinung zu übersehen: Schon die grünen Haare stechen ins Auge. Doch das ist noch nichts gegen die farbenfrohen Totems, die jeden Zentimeter ihrer Haut bedecken, so dass Brustkorb, Arme, Beine und sogar die Fingerknöchel die Blicke auf sich ziehen. Durch diesen visuellen Schock, den ihr Äußeres bei den Menschen auslöst, entfernt sie sich radikal von dem klassischen chinesischen Frauenbild.

Zhuo Danting hat nichts gegen die Bezeichnung als Nühanzi, sie empfindet sie sogar als schmeichelhaft. Schließlich steht sie für ihre Unabhängigkeit uns Selbstständigkeit und dafür, dass sie kein Püppchen mit langen Fingernägeln ist, das wie in einem goldenen Käfig lebt. Ihre Definition einer Nühanzilautet kurz und prägnant: „Eine, die arbeitet“. Eine Frau, die sich selbst ernähren kann und autonom ist. Zhuo Danting bekennt, dass sie selbst nie auf Kosten anderer gelebt hat und dass es ihr auch immer egal war, was andere von ihr denken. Auch wenn sie noch jung ist, hat sie sich in der Tattoo-Szene bereits einen Namen gemacht. Der von ihr eröffnete Tattoo-Shop Shanghai Tattoo (纹艺复兴) genießt einen sehr guten Ruf. Zhuo Danting hatte sich bereits 2002 in Hohhot selbständig gemacht, bevor sie vor zehn Jahren nach Shanghai kam, um hier Fuß zu fassen. Mit knapp siebzehn Jahren bekam sie ihr erstes Tattoo und seitdem hat sie die Kunst des Tätowierens nicht mehr losgelassen.

Geschäftsgeheimnis einer Nühanzi

Zhuo Danting sagt von sich selbst, dass sie von klein auf sehr eigenwillig war. In der Schulzeit war sie ein Tomboy und gab sich wie die Jungs. Nach der Schule ging sie mit ihnen beispielsweise gemeinsam auf Insektenjagd. Zwar hätte sie immer gerne Freundinnen gehabt, aber es war einfach nicht ihr Ding, über Marken, Aussehen und Kosmetik zu reden und sich selbst herzurichten wie eine Prinzessin. Auch wenn sie eine eindrucksvolle Erscheinung ist, findet Zhuo Danting, dass es nichts mit dem Äußeren zu tun hat, ob man eine Nühanziist oder nicht, entscheidend ist der Charakter. Für sie ist ein Mannweib eine Frau mit starkem Durchsetzungsvermögen: „Eine, die weiß, was sie will, und das auch aus eigener Kraft bekommt.“ Eine Frau kann ein sanftes Auftreten, aber einen Charakter wie eine Nühanzi haben. Für Zhuo Danting steht das in keinem Widerspruch.

Tattoo Tattoo | Copyright: Shanghai Tattoo

Auch Zhuo Danting gehört zu den Menschen mit starkem Durchsetzungsvermögen. Die Tatsache, dass sie in den letzten Jahren durch ihre Kompromisslosigkeit immer wieder auf Unverständnis gestoßen ist, entlockt ihr nur ein Schulterzucken: „Würde ich mich ändern, wäre ich nicht mehr ich. Was soll ich da machen?“ Die eher zurückhaltende Zhuo Danting hat schon immer gerne gemalt. Kein Schulbuch, kein Tisch und nicht einmal der Boden blieben von ihren Zeichnungen verschont. Durch einen Zufall kam sie zum Tätowieren und machte von da an den menschlichen Körper zu ihrer Leinwand. Auch wenn das Stechen von Tattoos nie ein bewusster Berufswunsch war, ist sie mittlerweile bereits über zehn Jahre im Geschäft. In dieser Zeit hat sie viele Rückschläge erlebt, aber nie daran gedacht aufzugeben.

Nach Tipps gefragt, was man als Auswärtiger braucht, um sich in Shanghai selbständig zu machen, antwortet sie: „Durchhaltevermögen.“ Während des Interviews erwähnt Zhuo Danting nicht nur einmal, wie wichtig es ist, sich nicht unterkriegen zu lassen. Bevor sie ihren Laden in Hohhot eröffnete, hat sie sich, um ihr Interesse nicht aufzugeben, mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und mit dem so verdienten Geld ihre Ausbildung zur Tätowiererin finanziert. „Das Schwerste ist es eigentlich, den gewählten Weg auch durchzuhalten. Viele geben auf halber Strecke auf.“ Berufliche Selbstständigkeit ist ein steiniger Weg. „Das ist am Anfang immer sehr hart, aber man darf nicht lockerlassen und sich von Außen nicht beirren lassen. Das Leben ist zu kurz, um es nach den Vorstellungen anderer zu leben. Wenn man sich auch durch schwere Zeiten durchkämpft, wird am Ende alles gut.“ Was sich nach Allgemeinplätzen aus einem Knigge für Existenzgründer anhört, sind für Zhuo Danting unverrückbare Prinzipien. Für sie ist das Tätowieren kein Job, sondern eine Lebenseinstellung. Sie hat dadurch viele ihrer engen Freunde gefunden. Deshalb hat sie trotz aller Widrigkeiten nie daran gedacht, das Tätowieren aufzugeben. Ihr Leben, das ist ihr Tattoo-Laden. Gäbe es den nicht mehr, hätte sie alles verloren.

Ehrlich zu sich selbst stehen

Aber auch wenn sie ihre Arbeit über alles liebt, gibt es Durststrecken. Als Zhuo Danting gerade in die Branche eingestiegen war, bediente sie noch jeden Stil, dafür war sie ständig erschöpft. Später lernte sie Interesse und Arbeit in ein ausgewogenes Gleichgewicht zu bringen. Das heißt, dass sie nur noch Tattoos in einem Stil sticht, der ihr gefällt und den sie beherrscht und dass sie, nach dem Motto Qualität statt Quantität, an einem Tag nur noch eine Tätowierung macht. In ihrem Laden arbeiten fünf Tattoo-Stecher, die alle ihre eigene Handschrift haben. Sie selbst hat sich auf euroamerikanischen Realismus spezialisiert und arbeitet vor allem in Schwarz-Weiß. „Allerdings probiere ich in letzter Zeit auch etwas Farbe aus. Man muss seine Interessen ja weiterentwickeln,“ meint sie pflichtbewusst.

Tattoo-Kunst von Zhuo Danting Tattoo-Kunst von Zhuo Danting | Copyright: Shanghai Tattoo

Ob Modepüppchen oder Nühanzi – all das sind nur stereotype Zuschreibungen von Außen. Dabei ist jeder Mensch ein einzigartiges Individuum. Warum sollte man also alle Menschen in eine Schublade stecken? Dass Zhuo Danting das tun kann, was sie liebt und dabei erfolgreich ist, liegt nicht unbedingt daran, dass sie eine Nühanzi ist. Sie hat bewusst entschieden, was für ein Mensch sie sein will und hat darin ihr Glück gefunden.