Interview mit Sascha Hommer Das Fremde ins Bild fassen

Sascha Hommer
Sascha Hommer | © Privat

Comics über China gibt es in Deutschland so gut wie keine. An Inspiration mangele es auf jeden Fall nicht, meint Comiczeichner Sascha Hommer, schließlich wolle doch fast jeder, der nach China kommt, seine Erlebnisse zu Papier bringen. Hommer selbst hat 2011 vier Monate in Chengdu gelebt und aus seinen Erlebnissen den Comic „In China“ destilliert. 
 

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Dessen Protagonist, ein kleiner Mensch mit Katzenmaske, taucht in die Expat-Community ein, strampelt sich auf dem Fahrrad ab und erlebt bei seiner Wohnungssuche so manche Überraschung. In China präsentiert aber nicht nur lustige Geschichten aus dem Alltag in Chengdu, sondern dekonstruiert auch die westliche Sicht auf China.   

Wie ist aus Ihren Besuchen in Chengdu das Buch „In China“ geworden? 

Die Idee, ein Buch über China zu machen, hatte ich seit meinem ersten Besuch 2005. Ein bisschen konkreter wurde das 2008. Damals passierten verschiedene Dinge in China, über die in den deutschen Medien stark berichtet wurde: einerseits die Olympischen Spiele in Peking, andererseits das große Erdbeben in Sichuan. Die deutsche Berichterstattung war sehr negativ, viele Artikel erschienen mir uninformiert, obwohl ich nur ein sehr eingeschränktes Spezialwissen über China habe. Das ist auch kein Wunder, weil es einfach nicht so viele deutsche Korrespondenten in China gibt. 2008 war ich also sehr sauer, das lesen zu müssen, und dachte, man müsse dem etwas entgegensetzen und das andere China zeigen. Das „andere China“, das ich allerdings auch nur aus meinem kurzen Besuch 2005 und aus den Erzählungen meines in Chengdu lebenden Freundes kannte. Deswegen beschloss ich, nochmal nach China zu reisen, vier Monate dort zu bleiben und den Alltag in Chengdu kennenzulernen. Vor Ort habe ich ganz viel Material gesammelt, zum Beispiel indem ich ein Tagebuch geführt habe, wo ich aufgezeichnet habe, was geschehen ist. Ich habe viele Fotos gemacht, gelesen, Interviews geführt. Stück für Stück ist mir beim Sammeln des Materials aufgefallen, dass ein Buch über China zu machen ein ganz falscher Ansatz ist, zumindest für mich. Ich habe ja nur Chengdu kennengelernt und davon handelt auch das Buch. China ist riesig und ich weiß darüber eigentlich so gut wie nichts. Ich spreche nicht mal die Sprache, bin kein China-Experte. Deswegen ist das eher ein Buch über Chengdu, über meine Reise und meine dort lebenden Freunde. 

Viele westliche Autoren meinen, man könne über die Länder des Ostens nicht sprechen, weil man sie zu wenig verstehe. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich empfand das tatsächlich als großes Problem, vor allem in Bezug auf die Frage, wie die Sprecherrolle funktionieren kann ohne unglaubwürdig zu sein. In China habe ich daher versucht, aus der Touristenperspektive herauszukommen und innerhalb der vier Monate eine Art von Alltag zu führen. Gleichzeitig hatte ich durch meine Freunde, die dort leben, einen anderen Zugang zu Chengdu. Es gab also ein paar Schlüssel, wie ich an Material kommen konnte, das nicht rein touristisch war. Gleichzeitig gab es sehr viele Hürden für mein Verständnis des chinesischen Alltags oder der chinesischen Kultur. Ich habe mich dann dafür entschieden, bei der subjektiven Wahrnehmung zu bleiben und die Erfahrung der Fremde ins Bild zu fassen. Wenn man sich die Grafik anschaut, sieht man, dass die Menschen nicht unbedingt immer wie richtige Menschen aussehen. Auch sonst gibt es erzählerisch einige Verfremdungen, die den Leser durchaus in die Irre führen sollen. 

Wie haben Sie die Comicszene in Chengdu erlebt? 

Was es in Chengdu sehr viel gab, war Rockmusik und Malerei, aber wenig Zeichnung und Comic. Ich habe dort keinen einzigen Comiczeichner kennengelernt. Dafür aber in Peking, Nanjing und in Hongkong. Der unabhängige oder künstlerische Comic hat sich in China in den letzten fünf bis sechs Jahren sehr stark entwickelt. Es gibt immer mehr Initiativen, die ihre eigenen Projekte betreiben ohne viel Sinn für die Frage, wie man damit Geld verdienen könne, sondern indem sie einen künstlerischen Ansatz verfolgen. Das gibt es in Deutschland schon etwas länger. Davon abgesehen ist China natürlich potentiell ein viel größerer Markt als Deutschland. Allerdings nur potentiell, denn es gibt relativ wenige Verlage und vor allem kaum unabhängige Verlage, sodass der Markt sich momentan erst entwickelt. Der Import europäischer Comics hat in den letzten Jahren erst langsam begonnen, aber das könnte jederzeit total durch die Decke gehen. 

Sascha Hommer: In China, Reprodukt 2016, 176 Seiten, 20 Euro.
© Reprodukt 2016
Sascha Hommer: In China, Reprodukt 2016, 176 Seiten, 20 Euro.